Sankt Petersburg, das Venedig des Ostens

***Wie das neue Titelfoto vermuten lässt, bin ich tatsächlich wieder daheim angekommen :) aber bleibt am Ball, ich habe noch ein paar Artikel auf Lager! Allerdings ist mein Hirn momentan eher mit „Oh mein Gott, ich bin daheim, was mache ich jetzt?“ beschäftigt, obwohl ich ja eeeigentlich genug Zeit hatte, mich darauf vorzubereiten und mir schon vor Monaten To-Do-Listen geschrieben habe. Trotzdem. Nach zwei Jahren zurückzukommen ist nicht einfach. Mehr dazu irgendwann mal später. Jetzt geht es um meinen leider viel zu kurzen Aufenthalt in Russland. So viel kann ich schon mal verraten: es war kalt.***

Sankt Petersburg wurde erst 1703 von Peter dem Großen gegründet, anders als der Name vermuten lässt hat er die Stadt allerdings nicht nach sich sondern nach seinem Schutzheiligen Simon Petrus benannt. Sie wurde strategisch geschickt so gebaut, dass Russland einen Zugang zur Ostsee hat, allerdings liegt sie im Sumpfgelände der Mündung auf mindestens 42 Inseln gebaut. Diese Lage hat den Nachteil, dass es auch heute noch zu schweren Überschwemmungen kommen kann. Viele Paläste wurden von Architekten aus Frankreich und England entworfen und erinnern stark an Schlösser in Paris. 2300 beeindruckende Gebäude findet man im von Kanälen durchzogenen Sankt Petersburg, die Altstadt ist Unesco Weltkulturerbe.

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Im ehemaligen Winterpalast des Zaren wird jetzt ihre riesige Kunstsammlung ausgestellt. Man findet dort sogar Sarkophage aus Ägypten und zwei Bilder von Leonardo da Vinci.

Anfang des 18. Jahrhunderts wollte selbstverständlich niemand in einer aus dem Boden gestampften Stadt mitten in einem Sumpfgebiet, bedroht von Krankheiten und Überschwemmungen, fast 1000 Kilometer von Moskau entfernt leben. Die Bauarbeiter waren Zwangsarbeiter, der Hochadel wurde vom Zaren höchstpersönlich dazu gezwungen, nach Sankt Petersburg umzuziehen, natürlich mussten sie die Baukosten für ihre neuen repräsentativen Stadthäuser selbst tragen. Und so lebten bald 50.000 Menschen in dieser Stadt, die bis 1918 die Hauptstadt Russlands war. Um den Bauboom ungebremst fortzusetzen durften bis 1741 in keiner anderen Stadt Steinhäuser gebaut werden, jeder Einwohner Sankt Petersburg musste zudem eine jährliche Steinzwangsabgabe leisten.

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Im Sankt Petersburg der Gegenwart dachten die russischen Omis auf der Straße meistens, dass ich Russin bin und hier wohne, ich wurde jeden Tag mindestens zwei Mal nach dem Weg zur nächsten U-Bahnstation gefragt. Ein bisschen überrascht war ich auch, dass „Ich komme aus Deutschland“ hier nicht wie in anderen Ländern total enthusiastisch begrüßt sondern eher zurückhaltend mit einem enttäuschten „Aah…“ aufgenommen wurde. Die Russen mögen einfach immer noch keine Deutschen.

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Der Katharinenpalast vor den Toren Sankt Petersburgs

Wenn man 70 Jahre zurückdenkst, versteht man das gut. Stalingrad sagt wohl jedem Leser etwas, und Leningrad (aka Sankt Petersburg) wurde mehr als 2 Jahre lang belagert. Die Versorgung mit Lebensmitteln war enorm schwierig, ein Drittel der damals 3 Millionen Einwohner überlebte die Blockade nicht. Bei bis zu minus 41 Grad im Winter ohne Heizmaterial und Rationen von 200 Gramm Brot pro Tag für Frauen und Kinder, 400 Gramm für Männer, verwundert das nicht. Und da haben wir noch gar nicht darüber geredet, dass in der Sowjetunion insgesamt geschätzte 9 Millionen Soldaten und etwa 20 Millionen Zivilisten gestorben sind. Der Zweite Weltkrieg wird in Russland übrigens „Großer Vaterländischer Krieg“ genannt.

DSCN0548Auf dem Foto oben seht ihr den Katharinenpalast, 20 Kilometer außerhalb des Stadtzentrums. Die ausgedehnte Parkanlage ist vor allem im bunten Herbst sehr sehenswert, das Palastinnere allerdings bedrückte mich: die gesamte Inneneinrichtung war im Zweiten Weltkrieg nach Deutschland abtransportiert worden, das Gebäude wurde als Wohngebäude für die Soldaten genutzt und teilweise wurde es mutwillig zerstört. Das legendäre Bernsteinzimmer befand sich früher hier, wurde dann abgebaut und in Kaliningrad zwischengelagert, wo sich seine Spur verliert. Es wurde allerdings originalgetreu wieder nachgebaut.

Insgesamt war ich begeistert von Sankt Petersburg und seiner Umgebung. Die architektonische und landschaftliche Schönheit – ausgedehnte Birkenwälder sag ich nur – machen es vor allem im Herbst zu einem guten Reiseziel. Es gibt dort für jeden Geschmack etwas zu entdecken. Kunstmuseen, Paläste, Parkanlagen, Opern, Ballett, wunderschöne Kathedralen voller Ikonen, Kunstmuseen, Sowjetarchitektur, Flusskreuzfahrten, einen alten Panzerkreuzer… Wer sich dafür interessiert kann nach einiger Recherche sogar Roofer finden und illegal auf Hochhausdächer steigen (habe ich nicht gemacht, ich habe ein bisschen Höhenangst).

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Zu alledem ist es für europäische Verhältnisse sehr billig. Für 4 Euro übernachtete ich in einem Hostel mitten im Stadtzentrum, für 3 Euro kommt man in die meisten Sehenswürdigkeiten rein, für 13 Euro kann man mit dem Taxi vom Flughafen bis direkt vor die Haustüre gefahren werden, für 7 Euro kann man Sushi bis zum Platzen essen. Außerdem gab es dort allen Komfort, den ich mit Westeuropa assoziiere. „Westliche“ Marken wie H&M, Zara, Starbucks, Obi (!), Ikea. Internationale Restaurants. Eine riesige Auswahl im Supermarkt. Englische Bücher. Superschnelles Internet. Strom und heißes Wasser, so viel man will. In den Restaurants kann man auf Englisch bestellen. Was will man mehr?

DSCN0433Besonders fasziniert war ich  übrigens von den orthodoxen Kirchen. Der Baustil von außen kann sehr unterschiedlich sein, diese Kirche ist die Auferstehungskirche, die auf Englisch direkt übersetzt „Jesus Retter des vergossenen Blutes“ genannt wird. Außen und auch innen ist diese Kirche mit unzähligen Mosaiken verziert, das Deckenmosaik habt ihr oben schon gesehen.

Sie ist ein Hauptanziehungspunkt für die Touristen in Sankt Petersburg. Mein persönliches Highlight war aber das interaktive Abbild des Fotoalbums der Krönung irgendeines Zaren in eben dieser Kirche. Es war ein Stück Glas, geformt wie ein aufgeschlagenes Buch, und in diesem „Buch“ waren die einzelnen Seiten des Originales abgebildet. Entweder durch drüberwischen oder einfach durch eine Handbewegung ein paar Zentimeter darüber konnte man es umblättern. Als ich herausfand, dass das auch ohne Berührung geht und man viele Variationsmöglichkeiten hat, die Seite zu blättern, verbrachte ich die nächsten Minuten fasziniert damit, mich wie in Star Wars zu fühlen. Ich erklärte auch den nächsten Touristen, wie man die Seiten umblättert und die Rentnergruppe versammelte sich kichernd um das Buch herum.

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In diesem umgebauten Segelboot gibt es ein erstaunlich billiges Restaurant, einen Schönheitssalon und ein Fitnessstudio. Die Enten bei der Wasserfontäne unten rechts sind übrigens Plastikenten.

Insgesamt genoss ich meinen Aufenthalt in Sankt Petersburg sehr und kann es als Kurztrip auch allen an Kunst und Architektur interessierten Lesern empfehlen. Russischkenntnisse sind nicht unbedingt notwendig, die meisten jüngeren Leute können zumindest ein bisschen Englisch. Die älteren Leute sind dafür etwas ruppig und unfreundlich, aber das gleicht sich wieder aus.

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Länderfazit Kirgisistan

Bevor ich nach Kirgisistan kam, wusste ich nicht mal, ob das auf Deutsch jetzt Kirgistan oder Kirgisistan heißt. Kirgisistan ist von Europa aus sehr einfach und vor allem billig zu erreichen, Flüge gibt es schon ab 300 Euro hin und zurück nach Bischkek. Etwa 70 % der anderen Backpacker sind Israelis, die die erstaunlich billigen Flüge und das angenehme Preisniveau hier dazu nutzen, mit geringem Budget mal die Berge zu sehen. Im Gegensatz zu den manchmal seltsamen und partygeilen Israelis in Südamerika fand ich sie hier sehr viel reifer und respektvoller.

Natur
Leider bin ich durch Pakistan vollkommen verdorben für alle anderen Gebirgsregionen, in denen ich bisher war. Sie waren immer schön und reizvoll, aber einfach nicht so spektakulär. So ging es mir auch hier in Kirgisistan.
Der Großteil des Landes ist gebirgig, der Rest des Landes ist sehr trocken und wird teilweise durch Bewässerungslandwirtschaft urbar gemacht. Die Vegetation ist aber recht ähnlich zu den Pflanzen, die es bei uns in Deutschland gibt.

Kirgisistan

Meine Reise begann ganz in der Nähe zu Tadschikistan, ging dann über Saraytasch nach Osch, von dort nach Dschalalabat und dann hoch nach Bischkek. Die deutschen Schreibweisen sind ein bisschen seltsam. Sehr schön und spektakulär soll auch das Tien Schan Gebirge sein (auf chinesisch bedeutet das „Himmelsberg“).

Aufenthaltsdauer
10 Tage. Ich habe natürlich längst nicht alles gesehen, aber Ende September war nicht mehr die ideale Saison. In den Bergen gab es einen frühen Wintereinbruch, es war nachts wirklich schon sehr kalt, die Hirten verließen gerade ihre Sommerweiden, Wanderungen wurden dadurch sehr erschwert. Die beste Saison ist im Juli und August. 2 bis 3 Wochen sind eine ideale Zeit, um alle Highlights des recht kleinen Landes zu sehen.

Highlights

  • Die Natur, die mich abwechselnd an Bolivien und den westlichen Iran erinnerte
  • Kurz im eiskalten und sehr klaren Saray Celek See zu schwimmen
  • Beim Sonnenuntergang auf dem Sulaiman-Berg herumzuspazieren und in die Fruchtbarkeitshöhle zu kriechen
  • Frische Erdbeeren (1,40 € pro Kilo) und Himbeeren (2,50 € pro Kilo) en masse zu essen
  • Traditionelle Musik, die aus vielen „ö“ und „ü“ besteht und mit Akkordeon begleitet wird
  • Viele andere Reisende erzählten mir begeistert von ihren Wandertouren um Karakol herum, vom Lenin-Peak-Basecamp und vom Song Kul See

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Lowlights

  • Die abzockerischen Taxifahrer, so krass habe ich das in keinem anderen Land erlebt. Normalerweise gilt nämlich: ein einmal ausgemachter Preis ist unveränderlich. Hier haben sie mit allen Mitteln versucht, noch irgendwie mehr Geld rauszuschinden, oder haben sich sogar geradeheraus geweigert, Wechselgeld zurückzugeben. Dazu spielten sie während der ganzen Fahrt den besten Kumpel… ich war wirklich enttäuscht
  • Der Fahrstil auf den Straßen, ich hatte ein paar Mal richtig Schiss und das will was heißen
  • Die Plumpsklos. Ich war ja schon auf vielen ekelhaften Toiletten, aber das war echt eine andere Dimension. Wenn man Schiss haben muss, dass die Holzplanken mit dem Loch in der Mitte unter deinem Gewicht nachgeben und du 1 Meter tiefer fällst trägt das nicht zur Entspannung bei. Und den Geruch hatte ich fünf Minuten danach trotz Schal immer noch in der Nase.

Kosten
Wenn man selbst kocht, kann man beispielsweise Gemüsesuppe für 3 Personen für unter 1 Euro insgesamt kochen. Im Restaurant bekommt man „Plöv“ (Graupen) mit Tomatensalat und Tee für 1,50 Euro pro Person. Öffentliche Busse heißen Marshutka. Allerdings gab es die auf meinen Strecken nie und ich fuhr im Shared Taxi. Das kostet etwa 2 bis 3 Euro pro 100 Kilometer. Übernachtungen im Dormitory in größeren Städten kosteten etwa 5 bis 7 Euro.

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Unterwegs als Vegetarier
Als Vegetarier hat man es in Kirgisistan nicht einfach, „ohne Fleisch“ ist für viele Leute hier komplett unverständlich. Ich habe in Restaurants in den Kochtopf geschaut, um zu bestimmen, ob das Essen für mich geeignet war oder nicht. Am Besten geht selberkochen, das ist nebenbei gesagt auch am Billigsten. Leider bin ich so eine schlechte Köchin, dass ich statt Bratkartoffeln irgendwie Kartoffelbrei fabriziert habe.

Unterwegs alleine als Frau
Ich hatte keinerlei Probleme und fühlte mich nie unwohl. Es war für mich total entspannt, weil es hier viele Leute mit russischen Wurzeln gibt und ich daher besser in der Menge verschwinde. Nur einmal versuchte ein Taxifahrer sehr penetrant, mich mit seinem Sohn zu verkuppeln: „Komm doch heute Abend zu uns, dann stelle ich dir meinen Sohn vor! Das wäre mein Traum, dass er jemanden von woanders heiratet. Die Kinder wären dann so intelligent. Ihr könnt ja ein Baby machen, und dann lässt du es hier, oder du kommst öfter mal vorbei.“ Den Zahn habe ich ihm sofort gezogen, aber er kam hartknäckig immer wieder auf das Thema zurück.

DSCN0364Sicherheit
In Bischkek würde ich abends alleine wirklich nicht rausgehen, es gibt keine Straßenlampen und das ist nicht nur wegen der Stolperfallen am laufenden Band gefährlich. Auch in Osh hing in unserem Guesthouse ein Schild, dass man nach Mitternacht nicht draußen herumlaufen solle, weil in der Vergangenheit schon Backpacker ausgeraubt und zusammengeschlagen wurden.

Bemerkenswert
Kirgisistan ist ein muslimisches Land, aber es gibt keine Kleiderordnung und keine Verhaltensregeln für Frauen. Moscheen sieht man in den meisten Orten und viele Leute sind religiös und beten bis zu 5 Mal täglich, aber insgesamt fand ich es hier sehr angenehm und entspannt. Mir wurde jedoch gesagt, dass es im Moment zu einer Radikalisierung der Jugend kommt, denn Saudi-Arabien hat tausende Moscheen bauen lassen und versucht, den radikalislamischen Wahabbismus auch hier zu verbreiten.
Auf den Straßen fahren erstaunlich viele alte Autos aus Deutschland. Egal wie alt es schon ist, diese Autos stehen hier für Qualität und besonders Volkswagen ist sehr beliebt.

Verloren

  • Beinahe meine Fleeceweste
  • Eine Unterhose. Mittlerweile habe ich nur noch 3

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Besondere Tips
Die meisten Leute können kein Englisch, aber fast jeder kann Russisch. Ein Basisvokabular in Russisch wird euch also sehr weiterhelfen.

caravanistan.com ist eine Website, auf der Reisetips zu Zentralasien zusammengefasst sind.

Erkenntnisse
Es ist total erstaunlich, wie gut man sich trotz eher geringer Sprachkenntnisse verständigen kann! Mittlerweile bin ich so befreit von falscher Scheu, dass ich mich über eine Stunde lang mit einzelnen Wörtern und grammatikalisch meistens falschen Sätzen unterhalten kann. Mein Gesprächspartner sprach nur Russisch, war aber sehr interessiert, sich mit mir zu unterhalten. Also habe ich ihm Familienfotos gezeigt, ihn über seine Familie und seine Beziehung zu seiner Freundin ausgefragt, ihm von unseren Lebenshaltungskosten in Deutschland erzählt, wir haben uns über Filme und Schauspieler unterhalten, sogar über Fragen wie „Glaubst du an Leben nach dem Tod?“ oder „Wurden die Menschen von Gott erschaffen, glaubst du an die Evolution?“. Das Gespräch war etwa so: Ich: „4 Menschen! Freunde! Einer heiratet. Wodka, Wodka, Wodka. Nächster Tag…“ ratet mal, von welchem Film ich da sprach? Richtig… Hangover. Oder: „blabla Mensch blabla Erde blabla Kosmos??“ verstand ich richtig als „kamen das alles aus dem Nichts oder wurde es von Gott erschaffen?“. Nicht dass ihr jetzt denkt, ich kann fließend Russisch :)

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Kirgisistan im Schnelldurchlauf

Osh

Meine erste Station in Kirgisistan war, wie ihr euch vielleicht – oder wahrscheinlich auch nicht – erinnern könnt, die schöne Stadt Osh. Bröckelnde Sowjetwohnblocks, umgeben von trockenen wüstenartigen Hügeln, absolute Highlights: der Bazaar und der Sulaiman-Berg. Klingt nach einer langweiligen Stadt, aber ich fand sie total super. Die Bevölkerung besteht aus Kirgisen, Usbeken und Leuten mit offensichtlich russischer Abstammung (blaue Augen, blonde Haare) die steif und fest behaupten, nur Kirgisen in ihrem Stammbaum zu haben. Auf dem Markt bekam ich eine Handvoll Zwetschgen geschenkt, der Verkäufer weigerte sich, sie zu wiegen – kein Wunder, wenn das Kilo umgerechnet nur 50 Cent kostet. Auch Himbeeren für 2 Euro pro Kilo und sehr schmackhafte winzige Erdbeeren für 1,50 das Kilo ließen sich dort finden.

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Mein Lieblingsort war allerdings der Sulaiman-Berg, auf dem ich begeistert 3 Stunden lang kreuz und quer herumlief. Dort gibt es zahlreiche jahrhundertealte Kultstätten, von denen einige auch heute noch benutzt werden. Eine davon ist eine Rutsche, die den Kopf klarwerden lassen soll, wenn man sie 7 Mal hinunterrutscht. Mir und allen anderen Nutzern hat sie nur zu extrem guter Laune verholfen, aber das ist ja schon mal ein positiver Effekt. Die wohl berühmteste Kultstätte ist allerdings die Fruchtbarkeitshöhle, in die ich mich nur hineintraute, weil gleichzeitig ein kirgisisches Pärchen auch in ihr herumkroch. Ich bin so abergläubisch geworden und hoffe, dass eine etwaige Fruchtbarkeit dann auf die beiden übergehen wird statt auf mich. Die Höhle war sehr niedrig, der Boden glattgerieben von den vielen verzweifelten Frauen, die dort schon darinsaßen und der Rußschicht und den Holzresten nach zu schließen Feuer anzündeten.

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Arslanbob

Arslanbob ist bekannt für seine ausgedehnten Walnusswälder. Abgesehen davon gibt es nicht so viel zu sehen, es ist ein ziemlich langweiliger Ort, vor allem wenn die Sommersaison vorbei ist. Glücklicherweise traf ich auf dem Weg dorthin auf zwei schräge Israelis, die seit dem Militärdienst miteinander befreundet sind. Der eine ist Rechtsanwalt, der andere Arzt, das hätte ich von ihrem Verhalten her wirklich nicht erwartet, aber vielleicht sind sie im „normalen“ Leben ja ganz anders. In Arslanbob trafen wir  auf einen anderen Israeli und zwei junge Französinnen, mit denen wir die nächsten 3 Tage verbrachten.

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Zurück zu den ausgedehnten Walnusswäldern. Ich persönlich war enttäuscht von der Walnussausbeute, ich liebe frische bittere Walnüsse und die einzigen, die sich nach der Ernte noch finden ließen, hatten alle Würmer. Fallobst eben. Mein Lieblingsort war der kleine Berg, den ich bestieg, nachdem sich unsere Gruppe planlos herumdiskutierte und ich keine Lust mehr hatte, zu warten – definitiv eine Alleinreisende-Macke. Mit Gruppen tue ich mir wirklich schwer. Auf halbem Weg, gerade als ich überlegte, vor Höhenangst eine Pause einzulegen, traf ich auf zwei Neuseeländer, die mir den Weiterweg nach oben zeigten. Wir schlugen uns durch die Büsche und waren überrascht, auf dem Bergrücken Getreidefelder und andere Menschen vorzufinden. Der Ausblick über den Talkessel und die bis zu 4.500 Meter hohen Berge im Hintergrund, die mich ein bisschen an die Dolomiten erinnerten, war die leichte Anstrengung sehr wert.

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Später traf ich im Restaurant wieder auf „meine Reisegruppe“, die sich später auf die Suche nach Wodka, Bier und Gras machte. Ich unterhielt mich währenddessen mit einem alten irischen Ehepaar, das die Israelis kannte, Kirgisistan ist eben so klein, dass man immer wieder die gleichen Leute trifft. Die beiden Iren waren 1970 per Anhalter und mit einem winzigen Budget auf dem Hippietrail unterwegs. Sie waren damit unter den Pionieren dieser Reiseart und reisten zu einer Zeit, als alle Hippies in Istanbul in ein einziges Café passten. „A Little Madness“ heißt das Buch, das Ciarán später darüber geschrieben hat. Es steht jetzt ganz weit oben auf meiner Leseliste, was sie mir erzählten klang richtig krass. Ciáran sagte, es sei eine richtig harte Reise gewesen – er verließ Irland mit nur 200 €, aß immer das billigste Essen, schlief auf der Straße und bekam in Kabul Amöbenruhr. Halbtot schaffte er es irgendwie per Anhalter zurück nach Teheran. Dort wurde er im Krankenhaus eine Woche lang aufgepäppelt und schlug sich abgebrannt nach Irland durch. Ein Jahr später unternahm er die gleiche Reise zusammen mit seiner späteren Ehefrau und kam wohl tatsächlich in Indien an. Ich habe nur einen ganz kurzen Einblick in ihre Reise bekommen und gebannt zugehört („Pass bloß auf, wenn er einmal anfängt hört er nicht mehr auf zu erzählen“ – „Kein Problem, ich könnte ihm stundenlang zuhören“), aber es muss wild gewesen sein: „Wenn wir das Buch irgendwelchen Bekannten geben, sagen wir ihnen immer, dass das vor 40 Jahren war und wir heute ganz anders sind…“, sagte seine Frau.

Saray Celek

Am nächsten Tag machten die Israelis, die Französinnen und ich uns zu sechst mit zwei Taxifahrern auf den Weg zum Naturschutzgebiet Saray Celek. Der Name bot viel Anlass zu Wortspielen: „Königin Sarah Celek die erste kommt zu ihren Untertanen“ „Es wird ein Sarah-Celek-Festival geben“ „Nein, sie gewinnt dauernd beim Kartenspielen, das Festival wird ABGESAGT!“ und als Dauerschleife hörten Tal und Ortif, der Rechtsanwalt und der Arzt, „Sara“ von Bob Dylan. Anfangs fand ich das ganz lustig, aber irgendwann wurde es nervig.

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Ich hatte das Gefühl, dass sie mich total seltsam finden und so, als ob ich einen Stock im Arsch hätte. Irgendwie kamen wir uns einfach nicht richtig näher und ich war ganz froh, dass die beiden Französinnen mit dabei waren und ich mich stundenlang mit ihnen unterhalten konnte. Manchmal fragten die Israelis mich so was wie „Und in der Uni hattest du dann überall Einser?“ (na ja, ich war schon recht gut). Oder „Wie viele Sprachen sprichst du eigentlich?“ (4 fließend, 2 genug um zurechtzukommen, 3 bruchstückhaft). Addiert dazu so kleine Nebeninfos wie „Ich hatte nie ein Auto, nur ein Fahrrad“, „Ich schaue kein Fernsehen“, „Ich erkenne kein Lied von Bob Dylan“, „Ich spiele gerne Querflöte“, „Am liebsten lese oder wandere ich“ und ich wirke wie die nette Nonne von nebenan. Muss ja nicht jeder hinter die Fassade blicken, ich glaube, jeder langjährige Mitleser meines Blogs kennt mich besser. Ich hoffe, ihr habt einen anderen Eindruck von mir. Wenn nicht, mache ich wohl wirklich etwas falsch.

Wisst ihr, dieser Eintrag ist so lang, eigentlich hätte ich noch einen zweiten schreiben können, der voll und ganz von miesen abzockerischen Taxifahrern in Kirgisistan handeln würde. Aber dieses Thema stößt mir immer noch sauer auf und ich möchte das gar nicht vertiefen, beschränken wir es auf dies: In den meisten Ländern der Welt versuchen Taxifahrer, dich bescheißen – aber wenn du einmal einen Preis ausgemacht hast bleibt es dabei, und sie spielen dir außerdem nicht vor, dein bester Freund zu sein, wenn sie in Wirklichkeit nur an dein gut behütetes Geld wollen.

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Es stellte sich hinterher übrigens heraus, dass die Israelis mich zwar zurückhaltend aber sehr sympathisch und humorvoll fanden. Das hat mich dann wieder ein wenig mit ihnen versöhnt.

Unseren Trip nach Saray Celek fand ich trotz allem toll und besonders begeistert war ich von unserem Übernachtungsplatz, einem Guesthouse in dem kleinen Dörfchen Arkit. Wir schliefen im Nebengebäude bei der Englischlehrerin, spielten mit den Kindern, beobachteten die Hühner die hoch oben im Zwetschgenbaum schliefen, stiebitzten Zwetschgen direkt vom Baum und nutzten öfter mal das Plumpsklo. Zwischendurch tranken wir Wodka und schliefen dann wie Steine, bis wir vom Hahn um 7 Uhr morgens aufgeweckt wurden und als ersten Blick die Kühe hinter dem Haus sahen. Es war wunderbar idyllisch.

Ganz anders dann Bischkek, die seltsame Hauptstadt Kirgisistans, in der es keine Straßenlampen gibt und es nachts stockfinster ist. Die Gefahr, in einen offenen Gulli zu fallen ist auch gegeben. Nach 4 Tagen dort buchte ich mit der einzigen kirgisischen Fluggesellschaft Avia einen Flug nach Sankt Petersburg, und von hier aus schreibe ich euch diesen Blogeintrag. Morgen verlasse ich die russischen Gefilde allerdings und fahre nach Tallin – es war eine zwar nur kurze, aber schöne Stippvisite. Es ist wirklich seltsam, weniger Zeit als mindestens einen Monat in einem Land zu verbringen, aber so langsam gewöhne ich mich daran.

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Länderfazit Indien

***Mit „nur“ 9 Monaten Verspätung kommt eeeendlich wieder ein Länderfazit. Andere Leute hätten in der Zeit ja ein Kind gezeugt und geboren, aber was solls. Wie schon mal erwähnt, finde es sehr langweilig, sie zu schreiben, aber ich denke, für andere Reisende könnten sie vielleicht nützlich sein. Und hey, es kommen bald noch die zu Thailand, Westchina und Kirgisistan, bleibt dran!***

Ich werde denke ich nochmal nach Indien zurückkommen, leider hat es auf dieser Reise nicht wirklich hingehauen (danke Denguefieber). Ich fand meine Reise in Indien total super: schöne Orte, nette, stets gut gelaunte und fröhliche Menschen, sehr gutes Essen, im Winter sehr angenehme Temperaturen… Es scheint so, als ob man Indien entweder liebt oder hasst. Viele Reisende hatten es mir vorausgesagt und es stimmte: ich mochte Indien auf Anhieb und das änderte sich nicht.

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Natur:
Richtig schöne Natur findet man dort wo ich war eher selten, denn Indien ist ein sehr dicht besiedelts Land. Fündig wird man wohl im Norden in Kashmir/Ladakh, und auch in Rajasthan am Rande der Wüste kann man ein bisschen unberührte Natur finden. Allerdings hat man dort oft Strommasten oder Windräder im Blickfeld.

Highlights

  • Das atemberaubend schöne Taj Mahal zu sehen (trotz der Menschenmassen und den aufdringlichen Verkäufern vor dem Eingang)
  • Die krasseste Stadt der Welt Varanasi und die genialen Lassis bei Baba Lassi
  • Die schönste religiöse Stätte, in der ich bisher war: der goldene Tempel der Sikh in Amritsar
  • Der Blick über die blaue Stadt Jodhpur
  • Die Zugfahrten waren ziemlich cool, sofern man sein eigenes Bett hat und der Zug nicht mit 12 Stunden Verspätung am Zielort eintrifft

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Lowlights

  • Krank zu sein
  • Das Bedrängtwerden durch Touristenfänger in Agra und ganz schlimm in Jaisalmer

Kosten
So billig wie ich dachte war Indien nicht! Ich hätte für weniger Geld reisen können, war aber eher auf der Suche nach Komfort und Ruhe als nach billigen Unterkünften. Außerdem aß ich beinahe kein Straßenessen. All die leckeren Samosas, die ich nicht essen konnte… pro Tag lag mein Budget daher bei 12 bis 15 Euro. Ich hatte einen Lonely-Planet-Reiseführer als PDF dabei und weiß jetzt wieder, wieso ich meistens ohne Reiseführer unterwegs bin: er richtet sich eigentlich an „Backpacker“, wieso sind dann Hotels mit Kosten von über 50 Euro pro Nacht drin? Meistens waren zwei billige Absteigen vorgestellt und 10, die außerhalb meines Budgets von maximal 8 Euro lagen. Und 8 Euro ist schon sehr fürstlich.

DSCN5666Unterwegs als Vegetarier
Das kulinarische Paradies! Aber: „not spicy at all please, really not spicy“, „not so much oil please“ und „without sugar please“ sind deine besten Freunde.

Unterwegs alleine als Frau
Abgesehen von ein paar harmlosen „looking gorgeous“ und ein paar Anstarrern ist mir überhaupt nichts passiert – was vielleicht auch daran liegt, dass ich weder in der General Class im Zug unterwegs war (da wird man mit Pech im Gedränge beim Einsteigen von oben bis unten vom Hintermann „abgecheckt“), nicht mit innerörtlichen vollen Bussen unterwegs war und in sehr touristischen Orten unterwegs war.

Sicherheit
Nachts gehe ich nicht alleine auf die Straße, ich habe ein gutes Gespür für seltsame „Vibes“ und in Menschenmengen passe ich gut auf meine Sachen auf. Damit fuhr ich gut und hatte keinerlei Probleme.

Bemerkenswert
Das Verhandeln mit Rikschahfahrern ist ganz einfach. Sie nennen den Preis, du reagierst schockiert, sagst einen neuen Preis der mindestens die Hälfte niedriger ist, er macht ein Gegenangebot, du machst ein neues Angebot, er schüttelt den Kopf, du zuckst mit den Schultern und gehst weg. Dann ruft er dich zurück und akzeptiert dein neues Angebot. Wirklich, es ist ganz einfach und sehr spaßig.

Verloren
Der Beutel mit meiner Zahnbürste, der Sensodyne-Zahnpasta, Augencreme und Ohrringen. Im Zug auf ein Ablagefach gestellt und 10 Stunden später, als es mir wieder einfiel, war der Beutel verschwunden. Glücklicherweise war meine heilige Zahnschiene in einer anderen Tasche.

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Besondere Tips
Du selbst suchst alles aus. Du wählst dein Guesthouse, das Geschäft in dem du etwas einkaufen möchtest und den Tuk-Tuk-Fahrer.
Nicht jeder versucht, dich abzuzocken, „in India we have 70 % good people and 30 % bad people“ meinte ein Inder, aber ich finde, er war ein bisschen pessimistisch.
Nicht schlecht gelaunt werden.
Keine Eile haben.
Man gibt bettelnden Kindern nie etwas, auch keine Süßigkeiten.

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Gastbeitrag: Tour de Mont Blanc

***Christian ist vor kurzer Zeit die Tour du Mont Blanc gewandert, laut ihm in Fachkreisen auch bekannt als „Höllentrip durch die Berge“, „Todesmarsch“ oder „das ist kein Spaziergang“. Seine Schilderung fand ich so amüsant, dass ich sie gerne mit euch teilen möchte. Viel Spaß beim Lesen.***           

Wenn man sich sich hin und wieder spontan vom Leben treiben lässt, dann kann es schon mal passieren, dass man den Sommerschlafsack einpackt um sich per Anhalter in Richtung Südfrankreich zu machen, dann aber plötzlich in den Alpen auf über 2000 Metern Höhe landet und sich, zurückhaltend ausgedrückt, die Zehen abfriert.

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Nachdem ich mehrere Wochen zuhause fleißig französisch übte, sollte es also in den warmen Süden gehen. Während der Duft der Provence bereits in meiner Nase lag und die Wellen des Mittelmeers durch meine Träume rauschten, stellte ich ernüchtert fest, dass ich für Straßburg, meine erste Zwischenstation, gar keine Unterkunftsmöglichkeit bei Couchsurfing gefunden hatte, da alle entweder im Urlaub oder aufgrund der Semesterferien in ihrem Heimatort waren. Da kam es wie gerufen, dass Tobi, ein langjähriger Freund aus Freiburg, mich einlud ihn dort zu besuchen und mich in seinem Auto bis zum Mont Blanc mitzunehmen. Dort wollte er eine Wandertour starten und ich hätte es dann auch nicht mehr weit zum Meer gehabt.  Er schwärmte mir vor, dass die 170km lange Tour du Mont Blanc als die schönste Wanderroute der Alpen und als eine der spektakulärsten weltweit gilt. Es sind sage und schreibe 10.000 Höhenmeter zu überwinden, es geht also für ca. 7-10 Tage fast ständig den Berg rauf und runter. Man läuft einmal um das Mont Blanc Massiv, mit 4800 Metern der höchste Berg Europas und man durchquert Frankreich, Italien und die Schweiz. Hörte sich eigentlich wunderbar an, als alter Wanderfuchs und mit ausreichend Zeit ausgestattet, konnte ich es mir es dann natürlich nicht nehmen lassen, ihn spontan zu begleiten. Da wir keinen Camping-Kocher hatten und Tobi diesen auch nicht für notwendig befand, kauften wir Müsli und Brot für die ersten Tage. Obwohl man die meiste Zeit zwar in den Bergen unterwegs ist kommt man alle paar Tage mal wieder in kleinere Dörfer im Tal wo man Nachschub besorgen kann.

Theoretisch gesehen kann man die Tour natürlich auch in der „deluxe“ Variante laufen, also statt wild zu zelten, in den zahlreichen Berghütten übernachten und dort im Restaurant speisen, statt eine Woche lang Müsli mit Obst oder Brot mit Pesto zu essen. Aber wir waren ja schließlich nicht zum Urlaub machen unterwegs, sondern zum Wandern, „wenn schon, dann richtig“, war unser Motto. So wurden wir in der Regel auch eher belächelt und bemittleidend angeschaut von den klassischen Alpenwanderer, also eher etwas ältere Semester, die stets den Eindruck machten, als hätten sie mal eben ein Monatsgehalt im Outdoorshop gelassen um sich für die Tour auszurüsten. Manchmal waren ganze Alpenvereine mit 10-15 Leuten unterwegs. Schwerbepackt stapften wir mit Turnschuhen und T-Shirt stets an ihnen vorbei, ihre Wanderstiefel, Wanderstöcke, Funktionskleidung und Sonnenhütte halfen ihnen dann auch nicht schneller den Berg hochzukommen.

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Das Hinuntergehen war allerdings immer eine große Belastung für die Knie. Während das glücklicherweise an mir noch unbeschadet vorüberging, hinterließ es bei Tobi leider stets starke Knieschmerzen. Schon am Ende des ersten Tages befürchtete ich, dass er die Wanderung nicht durchstehen wird, als er sich mit schmerzverzerrtem Gesicht bergabwärts quälte. Dabei war er vorher noch äußerst optimistisch, sprach von „12 Stunden pro Tag wandern schaffen wir locker“, „wir machen das in 5 Tagen“ und am Ende wolle er als Sahnehäubchen noch den Gipfel des Mont Blanc’s erklimmen.

Das war aber alles schnell hinfällig, nach 7-8 Stunden wandern fühlten wir uns jeden Abend als hätten wir den Everest bestiegen und fielen bei Einbruch der Dunkelheit um neun Uhr schon erschöpft in den Schlafsack. Dummerweise trug Tobi auch noch recht neue Schuhe, so dass sich die Blase an seiner Ferse schon am dritten Tag, als wir Courmayeur in Italien erreichten, in etwas verwandelt hatte, das einem riesigen Vulkankrater glich. Dazu regnete es den ganzen Tag in Strömen und es galt über 1000 Höhenmeter hinabzusteigen. Die Schmerzen seines Knies und seiner Ferse schienen sich wohl gegenseitig übertreffen zu wollen und das einzige was ihn, nach seiner Aussage, „am Leben hielt“ war die Aussicht auf eine Steinofen Pizza am Abend im Dorf. Diese war dann auch tatsächlich aus einer anderen Welt und fast jede x-beliebige italienische Pizzeria gibt einem das Gefühl in einem Gourmet-Tempel zu sein. Während ich fest damit rechnete, dass er vorschlägt den Bus durch den Mont Blanc Tunnel nach Les Houches zu nehmen, wo sein Auto stand, schien der strahlende Sonnenschein am nächstem Morgen und die Erinnerung an die Pizza am Vorabend, ihm neue Lebensgeister eingehaucht zu haben. Er kaufte sich Pflaster, Desinfektionsmittel und eine Salbe für die Blasen, sowie Wanderstöcke gegen die Knieschmerzen beim abwärts gehen und los gings. Diesmal wieder stundenlang bergauf und die Ausblicke waren absolut unbeschreiblich. Courmayeur wurde immer kleiner und die schneebedeckten Berge wirkten mit ihren Gletschern immer gewaltiger. Über allem thronte majestätisch der Mont Blanc, ein prachtvoller Anblick unter strahlend blauem Himmel, fast wie gemalt und jede Mühe wert.
Am fünften Tag überquerten wir einen weiteren Pass und landeten in der Schweiz. Unter strömendem Regen ging es am Ende des Tages noch einmal steil bergauf nach Champex-Lac, ein nettes, kleines Dorf an einem wunderschönen See. Nur leider führte der Besuch im Supermarkt beim Blick auf die Preise schnell zu mieser Laune. Hier war tatsächlich alles fast dreimal so teuer als in Deutschland. Das günstigste, abgepackte Brot kostete knapp drei Euro. „Pain d’épices, was heißt denn des?“ fragte mich Tobi. „Keine Ahnung, glaub irgendwas mit Gewürzen“ antwortete ich. „Mhm, Hauptsache nicht so teuer, lass mal gleich zwei Packungen nehmen“, sprach er und wir gingen zur Kasse, wo wir von der Verkäufern bereits etwas irritiert angeschaut wurden.

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Es regnete immer noch, wir waren unglaublich erschöpft, hungrig und hatten auch noch keinen Schlafplatz gefunden. Die Stimmung war zum ersten Mal im Eimer, die hohen Preise wirkten nach und wir stritten darüber, wie wir am besten rationieren können, bis wir wieder in Frankreich sind. Egal, erst mal was essen! Wir setzten uns wie die letzten Penner, verschwitzt, ungeduscht, mit stinkenden Klamotten und mit zerzausten Haaren unter ein kleines Vordach. Nur der Gedanke an den teuren, aber das Wasser im Mund zusammenlaufen lassenden Käse war ein kleiner Lichtblick. Während ich zunächst ein Stück Schokolade aß, beobachtete ich wie Tobi das Brot auspackte, hineinbiss und plötzlich in schallendes Gelächter ausbrach. „Scheiße Mann, wir haben Lebkuchen gekauft!!! Ich hasse Lebkuchen!“ Die Stimmung war natürlich wieder gerettet, wir lachten über unsere eigene Dummheit und irgendwie war die Lage so im Arsch, dass uns nur noch Humor helfen konnte. Der einzige Supermarkt hatte kurz vorher, um sieben Uhr abends, bereits dicht gemacht und die einzige Bäckerei vermutlich schon am frühen Nachmittag. Wir hatten seit Stunden nichts gegessen und kein Brot. Es gab also Käse und Lebkuchen zum Abendessen. Verzweifelt schmierte Tobi auch noch abwechselnd Nutella und Pesto auf den Lebkuchen, was genau so widerlich schmeckte, wie man es sich vorstellt.

12002865_10207930880693961_6256526428802920098_nImmerhin hatte es aufgehört zu regnen und wir fanden einen Zeltplatz im Wald, mitten auf einem „Trimm-dich-Pfad“. „Scheißegal, so spät und bei dem Regen kommt hier eh niemand mehr vorbei!“ Naja, dachten wir zumindest, bis wir ein altes Ehepaar sahen, dass uns anschaute als wären wir aus dem Knast geflohene Schwerverbrecher, aber zum Glück riefen sie nicht die Polizei.

Während wir dann immer noch hungrig im Schlafsack lagen, stand ich wieder auf und sagte: „Scheiß drauf, ich geh jetzt Brot besorgen“. „Du hast doch nen Knall!“ entgegnete Tobi und konnte sich mal wieder vor Lachen nicht einhalten. Mich auf meinen Instinkt und mein Talent als Werber verlassend machte ich mich wieder zurück ins Dorf. Obwohl es gerade erst halb neun war und die Dämmerung anbrach, war das Dorf fast wie ausgestorben. Da ich allerdings keine Taschenlampe hatte um zurück zum Zelt zu finden musste es schnell gehen. Ich ging in ein Restaurant und erklärte in einem Mischmasch aus Englisch und Französisch, dass die Geschäfte bereits geschlossen seien, ich nach einer harten Wanderung aber am Verhungern sei und ich bat eine Bedienung mir etwas Brot zu verkaufen. Sie bot mir stattdessen eine kleine Portion Pommes an, für 7 Euro, das Günstigste auf der Karte. Ich erklärte ihr, dass ich als mittelloser Wanderer leider nicht so viel Geld hätte, so dass sie davonlief um ihren Chef zu fragen. Als sie dann mit einem halben Leib frischem Mehrkornbrot zurückkam und mir diesen sogar noch schenkte, fühlte sich das an wie Weihnachten und Ostern an einem Tag. Dieses Brot mit Pesto und Bergkäse war ein absolutes Festmahl, ein Feuerwerk für den Gaumen. Das ist das Wunderbare am Wandern, man geht irgendwie zurück zu den Basics und weiß die einfachen Dinge des Lebens viel mehr zu würdigen und genießen.

Die letzten beiden Tage überstanden wir dann auch noch. Es ging wieder nach Frankreich, es gab wieder billiges Baguette und wir humpelten teilweise mehr als wir gingen. Auch bei mir machten sich Blasen bemerkbar und teilweise fühlte es sich an, als würde mir jemand hin und wieder ein Messer in die Ferse stecken. Wir nahmen es allerdings mit Humor und freuten uns bereits darauf im Anschluss tagelang einfach nichts zu tun und uns zu erholen. Das Mittelmeer war für mich passé, ich wollte einfach nur noch nach Hause.

Die letzten Nächte wurde es zudem immer kälter. Während ich am Anfang der Wanderung noch vor Hitze nur in Unterhose im halb geöffneten Schlafsack lag, änderte sich nach ein paar Tagen die Wetterlage und es kühlte um gut zehn Grad ab. Dazu kam, dass wir in der letzten Nacht auf über 2000 Metern Höhe zelten mussten, da Tobi zu erschöpft für den Abstieg war. Der Ausblick war natürlich absolut überwältigend, aber da Tobi selbst in seinem Superschlafsack mit einem Extrembereich von -20 Grad fror, ging es mir in meinem dünnen Sommerschlafsack natürlich nicht besser. Auch alle meine Kleidung, inklusive Alpaka-Pullover, zu tragen verhinderte nicht, dass mir teilweise vor Kälte die Zähne klapperten und ich am Morgen meine Füße fast nicht mehr spürte. Wir beschlossen, dass der siebte Tag auf jeden Fall auch der letzte sein sollte. Aufgeben kam so kurz vor dem Ziel natürlich nicht in Frage, aber es galt noch mal fast 30 Kilometer die Zähne zusammen zu beißen.

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Wir wählten eine flache Alternativstrecke durch Tal, statt wieder am Berg rauf und runter zu steigen und schafften es tatsächlich zurück zum Auto. Total abgekämpft, als kämen wir aus einer Schlacht oder von einem Todesmarsch durch die Wüste, aber wir hatten es geschafft! Wie bei einem Marathon ging es am Ende nur noch ums Durchhalten, aber dann im Ziel zu sein fühlte sich an, als wären wir gerade Weltmeister geworden, worin auch immer.

Als wir genau eine Woche vorher aufbrachen, kamen in Chamonix-Mont Blanc gerade die Sieger des Ultramarathons ins Ziel. Diese Extremsportler haben dieselbe Strecke, für die wir 7 Tage brauchten, in etwas mehr als 20 Stunden geschafft. „Ach was, netto sind wir auch nur gut 60 Stunden gelaufen, in einem durch, ohne Schlaf und ohne Gepäck wären wir vielleicht auch so schnell gewesen…“ redeten wir uns ein und fielen erschöpft ins Auto. Ich war froh, dass ich jetzt nicht noch 4 Stunden fahren musste! Aber mit einem warmen Bett, gekochtem Essen und einer heißen Dusche vor Augen schaffte Tobi das auch noch. Wenngleich er unterwegs an einer Tankstelle noch den Tankdeckel verlor und er später das Einfüllloch mit Zeitungspapier stopfen mussten. Schön wenn jemand genauso verpeilt ist wie ich…

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Wieso das mein letzter Besuch in China war

„Ich komme NIE MEHR nach China. Nie in meinem Leben. Das ist so scheiße hier!“ rief ich meinem Laptop zu und hoffte, dass meine Schwestern in Deutschland es verstehen würden. Meine Internetverbindung brach nämlich oft ab und Carolins Internet war so schlecht, dass sie per Telefon zuhörte, das Laura vor den Lautsprecher ihres Laptops hielt. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir schon eine halbe Stunde lang geskypt und ich hatte ihnen mein Leid geklagt. Der meist gesagte Satz war allerdings: „Hallo? Hört ihr mich noch? Hallo? …. Hallo???“
„Nein, ich würde an deiner Stelle auch nicht mehr nach China wollen,“ meinte Laura verständnisvoll.
„Ich wollte eigentlich mein Chinesisch auffrischen, aber jetzt ist mir die Lust darauf vergangen,“ sagte Carolin.
„Wenn Sadaqat und ich nicht so aneinander hängen würden und uns unbedingt hier sehen wollten, würde er nie mehr versuchen einzureisen und ich wäre innerhalb von 2 Tagen in Kirgisistan und auf dem Rückweg nach Deutschland!“ Ich habe meine Reisepläne schon nach zwei Tagen in Westchina geändert, hier zu reisen ist mir zu anstrengend und ich möchte lieber durch Länder, in denen ich mich mit meinem bisschen Russisch verständigen kann. Außerdem sind die alle visafrei bis auf Russland, und das Visum habe ich im Pass. Kirgisistan, einmal quer durch Kasachstan [oder auch nicht mehr, wer weiß], nach Moskau und Sankt Petersburg, durch die baltischen Staaten, Polen und zurück nach Deutschland. Das ist momentan die Reiseroute. Kurzzeitig hatte ich die südliche Variante mit Zwischenstop am Mittelmeer (Kroatien?) erwogen, aber das ist mir doch zu weit.

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Leider habe ich keine Fotos von der Passüberquerung, da mein Foto nach dem K2 Trek kurzzeitig außer Gefecht gesetzt war: die Batterie war leer und beim Reinfahren des Objektivs blieb es auf halbem Weg hängen. In Kashgar konnte ich es für 40 Euro reparieren lassen, bis dahin war ich leider fotolos. Da die Kamera vor 2 Jahren nur 100 Euro gekostet hat, habe ich mir diese Investition wirklich schwer überlegt, aber die Sentimalität hat gesiegt. Ich mag keine neue Technik.

Also. Was ist so scheiße hier? Abgesehen davon, dass es in Westchina quasi nur Lammfleisch gibt, so gut wie niemand Englisch kann und ich mich meistens pantomimisch verständige, die Leute echt unhöflich und nicht hilfsbereit sind, die „historischen“ Gebäude von den Chinesen erst plattgemacht (eine andere Kultur, das geht ja gar nicht!) und dann wieder nachgebaut wurden, die Architektur gigantomanisch ist, für jeden Scheiß Eintrittsgeld verlangt wird (die Wüste, den Wald…), die Tischmanieren in Deutschland jeden gruseln würden und das Internet zensiert ist?

Die Regierung und untergeordnet die Immigration.

Jetzt muss ich ein bisschen ausholen. Sadaqat kommt aus Gilgit-Baltistan und seit über 20 Jahren gibt es mit der chinesichen Regierung ein Abkommen, so dass Einwohner seiner Region ganz einfach einen Border Pass bekommen können, mit dem sie sich bis zu 30 Tage am Stück in der Provinz Xinjiang aufhalten dürfen. Das machen viele Pakistanis, das Gemstone-Business hat hier Hochkonjunktur. Wir beantragten also seinen Borderpass und gingen zum K2, auf dem Rückweg bekamen wir von der Passstelle eine schlechte Nachricht: wer zum ersten Mal nach China einreist, darf das zwischen 18. August und 3. September nicht tun, stünde in einem Brief von der chinesischen Botschaft in Islamabad. Wieso? Tja, das wusste niemand. Also reiste ich alleine aus Pakistan aus, da mein China-Visum sonst verfallen würde.

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Die größte Attraktion in Tashkurgan ist meiner Meinung nach das Grasland, eine riesige sumpfige Weide, in der die Tiere grasen und Nomaden ihre Yurten aufgebaut haben.

Der Karakorum Highway über den 4800 Meter hohen Khunjerab Pass war die reinste Augenweide. Von der pakistanischen Seite aus folgt man dem Hunzariver nach Norden, entlang 7000 Meter hoher Berge, einigen der längsten Gletscher Pakistans und filigranen Bergriesen wie der Passu Cathedral. Die Gegend ist dünn besiedelt, nur manchmal gibt es kleine Dörfer mit Bewässerungslandwirtschaft. Sadaqat fuhr mit mir mit dem Motorrad die 100 Kilometer bis nach Sost. Der Abschied war richtig hart, obwohl es eigentlich nur für kurze Zeit war. Die pakistanischen Grenzbeamten hätten ihn natürlich durchgelassen (in Pakistan ist fast nichts unmöglich): „Wir verstehen, dass es deine Zukunft ist, mit diesem Mädchen zu reisen. Aber die Chinesen sind ein bisschen seltsam. Da weiß man nie, was sie denken. Die würden dich bestimmt wieder zurückschicken, und das wäre schwierig dort oben mitten auf dem Pass.“ Für die nächsten 200 Kilometer braucht man einen ganzen Tag, da die chinesischen Grenzkontrollen äußerst langwierig sind.

Zuerst fährt man 100 Kilometer in Pakistan bis zum Pass, dann kommen krasse Kontrollen: Das Gepäck und die Schuhe werden durchleuchtet, man muss in einen Ganzkörperscanner stehen und das Gepäck wird akribisch durchsucht. Besonders interessiert war der junge Soldat an Fotos von meiner kleinen Schwester Laura. Jedes Mal, wenn er wieder eines öffnete, sagte ich mit stählerner Stimme „Sister.“ „Sister.“ „Sister!“. Auch Filme schaute er wahllos an. Suchte er etwa nach… äh… erotischen Kurzfilmchen? Im Wartesaal hingen Sauerstoffschläuche von der Wand. Immerhin waren wir hier auf 4800 Metern Höhe, und das kann einen ohne vorherige Akklimatisation ziemlich aus der Bahn werfen. Es wurden auch ein paar schöne Propagandafotos gezeigt, wie hilfsbereite chinesische Soldaten höhenkranken pakistanischen Männern Sauerstoff geben. Nach beinahe zwei Stunden ging es endlich weiter.

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Im Film „The Kiterunner“ spielen fast alle Szenen in Tashkurgan, Kashgar oder in der Landschaft dazwischen. Der Film ist zwar in Afghanistan angesiedelt, aber Dreharbeiten dort wären zu gefährlich gewesen. Ich habe das Buch in Tashkurgan innerhalb von 2 Tagen verschlungen, mit Sadaqat den Film angeschaut (hauptsächlich auf Dari, leider ohne Untertitel… aber da ich das Buch gelesen habe und ein paar Worte in Urdu ähnlich sind, konnten wir der Handlung sehr gut folgen) und tatsächlich viele der Drehorte wiedererkannt.

Auf den nächsten 100 Kilometern in Richtung Tashkurgan änderte sich die Landschaft: Das Tal war sehr breit, sehr grün, umgeben von Bergen die im Abendlicht immer wieder ihre Farbe änderten – braun, orange, lila, sogar rosa war dabei. Ich sah viele Jurten und zwischendurch sogar ein paar Kamele.

Nach erneuten langwierigen Grenzkontrollen inklusive Fiebermessen (nur bei mir, Begründung: „Du kommst aus Deutschland“ – hä?) verbrachte ich eine kurze nicht so gute Nacht in Tashkurgan nahe der Grenze und reiste dann von dort nach Kashgar. Zwischendrin wurde ich beinahe von einem Taxifahrer geschlagen und ging siegreich aus unserem Brüllduell hervor – soviel zu „ich bin ein sanftmütiges Mädchen und gerate nie aus Sturheit in Schwierigkeiten, weil andere Leute gleich aggressiv werden“. Nach einer Woche in Kashgar unternahm ich die zwölfstündige Reise zurück nach Tashkurgan, um Sadaqat pünktlich am 4. September in Empfang zu nehmen.

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Da das Grasland so sumpfig ist, führt ein System von Holzstegen hindurch. Dort zu laufen hat Spaß gemacht, manchmal waren sogar Hängebrücken eingebaut. Das Holz wurde übrigens importiert, weil in China kein für diese Nässe ausgelegtes Holz auffindbar war.

Ich wartete eine Stunde lang in der Kälte vor dem Gebäude der Immigration. Irgendwann kamen Pakistanis mit Gepäck aus dem Gebäude heraus, ich sprach sie an und erfuhr, dass Sadaqat nicht einreisen durfte und deportiert wird. „Ist das ein Witz?“ fragte ich fassungslos. „Nein, es stimmt.“ Ich zeigte dem Mann sogar ein Foto und er sagte „Ja, und er hat ein Guesthouse in Karimabad? Ja, das war er.“ Er wurde sofort mit dem Auto abgeholt und ich fuhr mit ihm 300 Meter in Richtung Innenstadt, da die weit entfernt ist und es in Tashkurgan fast keine Taxis gibt, bis ich erfuhr, dass Sada hier ist. „Bitte halte sofort an, ich muss zurück. Ich muss versuchen, ihn zu sehen.“ Ich hatte gedacht, dass er schon am Khunjerabpass ausgewiesen wurde und war sehr überrascht, lief also so schnell wie möglich die 300 Meter zurück zum Immigration-Gebäude und wurde tatsächlich hineingelassen. Als ich Sada umarmte, kamen uns beiden die Tränen und ich versuchte dann auch gar nicht mehr, mich wieder zu fangen – je mitleidserregender wir aussehen, desto besser, war mein Gedanke. Leider hilft das mit den chinesischen Grenzbeamten überhaupt nichts, so unfreundliche Menschen habe ich selten getroffen. Ohne Witz, in Pakistan wären alle sofort besorgt gewesen und hätten irgendwie eine Lösung gefunden. Hier ist China. Die Begründung dafür, wieso Sada nicht einreisen durfte: in dem Zeitraum, in dem sein Borderpass ausgestellt wurde, hätte Pakistan gar keine ausstellen dürfen. Dumm nur, dass das in Pakistan niemand wusste. Und die ersten chinesischen Grenzkontrolleure auf dem Khunjerab-Pass auch nicht. Ich glaube auch nicht, dass er in den letzten Tagen der einzige war, der aus diesem Grund abgewiesen wurde. KOMMUNIKATION? Hallo??? Ich habe keine Ahnung, wie so etwas passieren kann. Man könnte jetzt natürlich sagen „Ja klar ist das die Schuld von Pakistan, die haben es einfach nicht drauf“, aber ich finde, das ist nur die halbe Wahrheit.

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Eine weitere Attraktion Tashkurgans (das im Übrigen ein sehr kleines Kaff ist, und einem Geisterdorf ähnelt, so wenig Leute sieht man außerhalb der beiden zentralen Straßen) ist der Muztagh Ata, der von fast überall bei klarem Wetter in der Ferne zu sehen ist.

Also hatten wir erneut einen herzzerreißenden Abschied und ich wartete fünf Tage in dem kleinen Kaff, bis Sadaqat erneut einreisen durfte. Dieser Abschied war auch für Sada sehr schlimm, er meinte, er habe noch nie eine so emotional schwierige Situation erlebt. ich nehme das mal als Kompliment. Wir mögen uns einfach zu sehr :)

Die nächsten Tage verbrachte ich damit, mit Pakistanis rumzuhängen – das waren die einzigen englischsprechenden, freundlichen und hilfsbereiten Menschen in diesem Ort. Außerdem war das pakistanische Restaurant der einzige Ort, wo ich problemlos warmes vegetarisches Essen finden konnte. Besonders freundete ich mich mit Khaled an. Ich war auf der Suche nach dem Hostel in seinen Edelsteinladen gekommen und er hatte mich sofort quasi adoptiert und half mir mit allen  meinen kleinen Problemchen (chinesische Sim-Karte bekommen, zum Beispiel).

Als Sadaqat dann beim dritten Versuch endlich einreisen durfte, konnten wir es beide kaum fassen. Ich dachte die ganze Zeit, dass ich träume. Im Endeffekt hat uns diese Erfahrung noch näher zusammengebracht und mir wurde klar, dass ich definitiv die nähere Zukunft mit ihm zusammen gestalten möchte. Wie genau das aussehen wird, wird sich zeigen. Aber ich bin immer noch ganz bezaubert von ihm, auch nach über einem Jahr, in dem wir 6 Monate fast täglich miteinander verbracht haben. Das ist eine sehr besondere Erfahrung für mich und ich bin gespannt, wie sich unsere Beziehung in der Zukunft entwickeln wird.

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Die Macht schlechter Omen oder: Euphorisch in Kirgisistan

Ich bin gerade in Kirgisistan. Das stand so bis vor 3 Wochen nicht auf meinem Plan, aber wie gesagt, Pläne sind flexibel. Hier habe ich endlich wieder Internet. Es ist sogar so gut, dass ich neue Fotos auf Picasa hochladen konnte und zum ersten Mal seit über 3 Monaten auf Youtube Musik hören konnte – Sabatons „Panzerkampf“ wurde nach kurzer Überlegungszeit das erste Lied. Ich hatte ja schon geglaubt, dass sich mein Musikgeschmack seltsamerweise dauerhaft von Metal auf Bollywood-Popsongs und Eminem (der 8-Mile-Soundtrack ist echt gut!) gewandelt hat, aber ich denke, ich konnte in meinen 40 GB überwiegend Metal nichts Neues mehr finden. Sabaton kann ich zwar teilweise schon mitsingen, aber die sind halt einfach gut. Hört mal „Primo Victoria“, „Ghost Division“ und „To Hell and Back“ an. Ääääh abgeschweift.

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Natürlich gab es auch schöne Momente in China. Es ist ja nicht so, dass alles dort übel ist und man 24 Stunden am Tag nur vor sich hinleidet, aber insgesamt gab es einige Punkte, die mir als Touristin die Lust am Land verdarben.

China hat sich in den beinahe vier Wochen, die ich gezwungenermaßen dort verbringen konnte, von „ich glaube hier gefällt es mir nicht“ zu „ich komme NIE WIEDER nach China“ verschlimmert und ist hiermit offiziell das erste Land, dem das gelang. Normalerweise denke ich mir höchstens „Ach, das war jetzt nicht so sehenswert, brauche ich nicht nochmal“. Das ist eine lange Geschichte und Näheres dazu folgt in einem anderen Blogeintrag, den ich dank der chinesischen Regierung (anders kann ich mir die seltsamen Ereignisse im nächsten Abschnitt nicht erklären) bisher nicht veröffentlichen konnte.

China. Internetzensur. Das ist kacke. Hatte ich ja schon im letzten Eintrag vor ein paar Wochen erklärt. Damals hatte ich noch einen sicheren Internetzugang mit der Hilfe zweier Proxyprogramme – oder sagt man da VPN-Programm? Keine Ahnung – und ein bisschen Zauberei. Nach einigen Tagen am gleichen Ort fiel dann erst das Freegates-VPN-Programm aus. Als nächstes gingen auch alle unzensierten Internetseiten nicht mehr – bis auf Bing und Wikipedia. Alle anderen Internetnutzer im Hostel hatten dieses Problem nicht, nur ich. Ich verarsche euch nicht. Das passierte mir sowohl in Kashgar als auch in Tashkurgan. Bei meinem zweiten Besuch in Kashgar gab nach kurzer Zeit mein zweites Programm, der Tor-Browser ebenfalls den Geist auf, kurz danach konnte ich mich nicht einmal mehr mit dem Internet verbinden. Ich glaube nicht, dass ich überparanoid bin, wenn ich behaupte, dass mein Computer von der chinesischen Regierung gefunden und systematisch blockiert wurde, denn das war die erste Vermutung meines sehr rationalen Vaters, als ich ihm von diesen seltsamen Ereignissen erzählte.

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Noch so ein Punkt auf der langen Liste „Was ich nicht gut finde in China“: 2012 wurde die historische Altstadt von Kashgar plattgemacht und neu aufgebaut. Das hier ist ein auf alt gestyltes neues Geäude. Die „Altstadt“ hat meiner Meinung nach keine Seele mehr. Sie ähnelt mehr einer Filmkulisse als dem Herzen einer jahrtausende alten Handelsstadt an der Seidenstraße.

Aber wer weiß, vielleicht hätte ich sowieso nichts Neues hier veröffentlicht, denn die meiste Zeit erfreute ich mich einfach an jedem Moment, den ich mit Sadaqat verbringen konnte, nachdem er beim dritten Versuch endlich nach China einreisen durfte. Dieses Drama ist einen eigenen Blogeintrag wert, der sogar zu drei Vierteln schon fertig ist! Liebe Leser, ich kann es selbst kaum glauben, aber ich werde tatsächlich innerhalb einer Woche MINDESTENS zwei Einträge veröffentlichen können – falls mein Laptop nicht beschließt, sich mal wieder scheintot zu stellen.

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Wer bringt es bloß übers Herz, so ein glückliches Pärchen trennen zu wollen? China. Und Deutschland.

Nach beinahe zwei Wochen mit Sadaqat musste ich mich von ihm verabschieden, aber es war lange nicht so traumatisch und tränenreich wie bei seinem zweiten Einreiseversuch (diese Werbung hier! Schaut morgen nochmal rein). Leider war es auch dieses Mal kein einfacher Abschied, denn nachdem wir endlich alle Dokumente zusammengesucht hatten wollten wir einen Termin bei der deutschen Botschaft für ihn buchen. Normalerweise muss man darauf etwa zwei Wochen warten und kann sich im Onlineterminkalender einen aussuchen. Nicht so momentan: „Zur Zeit sind keine Termine verfügbar. Bitte schauen Sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder herein“ – ich vermute SCHWER, dass das an der Flüchtlingskrise und eventuell der neu nomierten Botschafterin liegt, denn selbst wenn alle Termine ausgebucht wären, sollte man normalerweise den vollen Terminkalender sehen können, Absagen kommen ja immer wieder vor. Telefonische Kontaktversuche sind vergeblich, wir haben ein paar offene Fragen und haben im letzten Monat 40 Mal versucht, die Botschaft zu erreichen – außer „Momentan sind alle Leitungen belegt, bitte warten Sie einen Moment, einer unserer Telefonisten hilft Ihnen gerne weiter“ hört man nichts. E-Mailkontakt ist auch vergeblich. Sadaqat ist als alter Optimist immer noch optimistisch, ich als alte Pessimistin sehe unsere Chancen auf ein Wiedersehen in Deutschland dahinschwinden. Aber ihr kennt ja das Sprichwort, wenn der Berg nicht zu Mohammed kommt, dann reist Mohammed eben zum Berg… Pakistan ist bei der Visavergabe erheblich kulanter und hilfsbereiter, als die deutsche Botschaft, aber wen überrascht das?

Sadaqat reiste also zurück nach Pakistan, ich brach einem polnischen Ehepaar auf zur kirgisisch-chinesischen Grenze, einerseits traurig über den Abschied, andererseits euphorisch, das Land der pantomimischen Kommunikation und dem Überwachungsstaat mit dem Land mit der russischen Kommunikationsmöglichkeit zu vertauschen zu können und vielleicht ein leichteres Leben zu haben.

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Das hier meine ich mit „trockene Erosionslandschaft“, ich konnte mich kaum sattsehen und hing die ganze Zeit mit der Nase am Fenster, 150 Kilometer weit.

Der Weg nach Kirgisistan verlief so:

  1. Taxi für 100 Kilometer von Kashgar nach Wuqia das aussieht wie eine Geisterstadt, riesige leere Wohnblocks überall. Aussteigen, durch ein Tor laufen.
  2. Taxi für 2 Kilometer (kostenlos!) bis zur chinesischen Immigration. Erstaunlich, wie gut man sich pantomimisch verständigen kann.
  3. Dort warteten schon 50 Leute bis zu drei Stunden lang, weil es Probleme mit dem Computersystem gab. Nach kurzer Zeit wurden wir in Gruppen nach Ankunftszeit durchgelassen. Wir bekamen die Nachricht „Ihr kommt hier nur durch, wenn auf der anderen Seite ein Taxi mit den erforderlichen Permits für den Fahrer wartet, das euch in Grenznähe bringen kann. In ner halben Stunde machen wir übrigens Mittagspause. Die dauert so 1.5 Stunden.“
  4. Zum Glück kam ein Taxi und wir konnten zur ersten Kontrollstelle, unser Gepäck scannen und den Pass stempeln lassen. Mit ein paar anderen Leuten fuhren wir die nächsten 150 Kilometer durch hügelige trockene Erosionslandschaften zur Grenze. Wir warteten vor einem Tor, um uns herum überall Bauschutt, fuhren hindurch und waren offiziell in Kirgisistan. Okay, zwischendurch gab es noch ein paar Checkposts, aber die sind wir ja mittlerweile gewöhnt
  5. 2 Kilometer weiter hielt unser Wagen an und wir mussten mitten im Nirgendwo aussteigen. Ein Soldat hatte Listen in der Hand und hielt uns auf: „Seid ihr zwei Polen, 1 Deutsche, 1 Japaner, 4 Kirgisen, ein Korenaer?“ „Der Koreaner ist nicht mehr hier, der ist schon vorausgelaufen.“ „Wo ist der Koreaner?“ „Ja, also, hier ist er nirgends mehr.“ Ich hatte wirklich Mitleid mit dem armen verwirrten Soldaten. Fünf Minuten später durften wir dann durch und gingen 300 Meter zu Fuß zu einer Hütte an der Straße. Dort warteten wieder alle 50 Grenzüberquerer auf Taxis zur kirgisischen Immigration.
  6. Ein Bus kam, der Fahrer stieg aus: „Hello guys, who is from Australia?“ Die grimmig aussehende fünfköpfige Rentnerreisegruppe setzte sich mit ihrer jungen Führerin in Bewegung. „Do you still have space for 4 people, to the immigration?“ fragte Aga, die Polin, hoffnungsvoll, denn der Bus hatte fast 20 Plätze. Sie hatten Platz und wir quetschten uns mit unserem Gepäck durch die Reihen.
  7. 5 Minuten später hatten wir die Immigration erreicht, unsere Körpertemperatur wurde gemessen, die Pässe wurden gestempelt und wir organisierten das nächste Taxi.
  8. 200 Kilometer bis Osh lagen vor mir, den beiden Polen, einem 57-jährigen Japaner, dem Fahrer, dessen Ehefrau und dessen Bruder, die er unterwegs noch aufsammelte.
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Das ist noch in China, die süßen kontaktfreudigen Mädels tadschikischer Abstammung wollten unbedingt meine Haare flechten. Danach machten wir noch ein paar Gruppenfotos und das war nach 10 Tagen der erste Moment in China, in dem ich wirklich glücklich war.

Mein erster Eindruck von Kirgisistan war extrem positiv: einfache Grenzformalitäten, englischsprechende Kontrollposten, wunderschöne Landschaft, gewöhnungsbedürftige Musik, lächelnde Menschen… nachdem ich von meinen beiden letzten neuen Ländern (Thailand und China) auf Anhieb nicht sehr begeistert war, erlebte ich hier endlich wieder das Gegenteil. Leider gab es an diesem Tag auch ein paar Ereignisse, die mich meinen ganzen restlichen Reiseplan überdenken und ändern ließen. Ich konnte keinen Schlaf finden, weil meine Gedanken sich im Kreis drehten. Sadaqat, das Visumsdilemma, die Zukunft, wie verdiene ich wieder Geld, wo bin ich im Frühjahr, muss ich nach Pakistan ziehen um mit ihm zusammensein zu können, was mache ich mit meinem toten Laptop, bin ich reisemüde oder habe ich Angst, möchte ich unbedingt beweisen, dass ich etwas kann? Ich besorgte mir Papier und schrieb um Mitternacht alle wirren Gedanken geordnet auf. Dabei kam so etwas heraus wie „Das ist kein Versagen. Man darf seine Pläne ändern. Liegt das nur am Ausfall des Laptops? Drei schlechte Vorzeichen an einem Tag! Ist das eine Warnung?? [Zeile darunter, nachdenklich] Bin ich zu abergläubisch? Warum 5000 Kilometer fahren, wenn da nichts Interessantes ist? Aber das gute Essen in Deutschland! Und Kastanien!“

100 Kilometer vor Osch überfuhr unser Fahrer einen Hund, der vor das Auto sprang. Kurz darauf wurde er von der Polizei wegen zu schnellen Fahrens angehalten, wir mussten zur Polizeistation und er bekam einen Strafzettel. Ich hatte die ganze restliche Fahrt Angst vor einem weiteren Unfall, denn aller guten Dinge sind drei, nicht wahr? Der Unfall kam nicht, wir checkten in ein schnuckeliges winziges Hostel im vierten Stock eines verfallenden Sowjetplattenbaus ein und ich freute mich, endlich wieder unzensiertes Internet benutzen zu können, aber mein Laptop war da anderer Meinung.

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Die Höhenlagen von Kirgisistan wurden von einem frühen Wintereinbruch überrascht und die Arka-Alaj-Berge sind bedeckt von ewigem Eis und ein bisschen Neuschnee.

„No bootable device found. Press any key to continue“. Der nächste Bildschirm zeigte das Boot-Menu, aber: es gab keine Auswahlpunkte. Da war nichts mehr. Neustart und Batteriewechsel halfen nicht weiter. Ich kontaktierte fast weinend meinen Vater mit einem geliehenen Laptop: „Es kann tatsächlich der Virus sein, den du vorher hattest. Oder deine Festplatte hat eine Macke.“ Man könnte die fehlerhaften Sektionen zwar reparieren, aber wie sollte ich das hier in Kirgisistan mit mangelhaften Sprachkenntnissen hinbekommen, und vor allem: wie viele Daten würde ich verlieren? Zum Glück hatte ich alle Bilder im Juni 2015 doppelt in Deutschland gesichert, halbfertige Blogeinträge hatte ich nur 3, Sadaqat hatte einige Fotos aus Pakistan und China auf einem virenverseuchten USB-Stick, aber trotzdem. Ohne funktionstüchtigen Laptop weiterreisen? Das wäre nur der halbe Spaß. Ich beschloss bei meiner nächtlichen Gedankensortieraktion, mein Glück in einem PC-Laden zu versuchen.

Im ersten Laden wollten sie für 30 Dollar Laufwerk C formatieren. Ich flüchtete, denn Daten wollte ich wirklich nicht verlieren. Allerdings gab es einen kleinen Lichtblick: die Nachricht über das Bootmenu erschien nicht mehr, stattdessen zeigte sich nach dem Start ein komplett schwarzer Bildschirm. 3 Versuche später kam sogar die Nachricht „Sorry, hier lief was schief, wir starten neu“ und ich traute meinen Augen kaum. Im zweiten Laden sprachen Alex und Victor sehr gutes Englisch, beinahe besser als ich. Beim Start meines Laptops funktionierte er hier plötzlich wieder einwandfrei. Der Schluckauf war behoben – fragt sich nur, wie lange die gute Phase anhalten wird. Weder ich noch mein technisch recht versierter Vater haben eine Ahnung, was diesen Totalausfall verursacht hat. In weiser Voraussicht habe ich den heutigen Nachmittag damit verbracht, eine Systemabbildsicherung auf meiner neuen externen Festplatte zu machen, um beim nächsten Mal besser gewappnet zu sein.

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Sind sie nicht wunderschön? Die Landschaft hier fand ich sehr beeindruckend, sanfte Hügel mit ein bisschen Gras wurden von tiefen Flusstälern durchschnitten, im Hintergrund erhoben sich majestätisch die Berge, und irgendwo dahinter versteckt sich der Pik Lenin.

Ich habe beschlossen, von Bischkek nach Sankt Petersburg zu fliegen und von dort aus weiterzureisen. Vielleicht ändert sich der Gedanke auch wieder zurück in „Ach was, 5000 Kilometer durch die kasachische Einöde und durchs wilde Russland klingen nach Spaß!“, aber momentan bin ich einfach nur froh, dass der kleine „Ich will jetzt sofort wieder heim“-Gedanke verschwunden ist.

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Dieser Blogeintrag ließ sich endlich wieder flüssig schreiben und ich hatte Spaß dabei! Kein Gekrampfe und kein vergebliches Suchen nach den Worten! Natürlich ist er viel zu lang, normalerweise kürze ich eisern, aber heute habe ich darauf keine Lust. Ich habe die meiste Zeit glücklich vor mich hingegrinst, während ich schrieb und fühlte mich wirklich beflügelt. Ich vergaß sogar, mein schon ausgepacktes Twix, die erste Schokolade seit Monaten, die diesen Namen verdient, zu essen. Vielleicht war das, was mir so oft die Motivation verdarb, das schlechte Internet, das keine anständige Hintergrundmusik erlaubte? Hach, diese Freude über die kleinen Dinge, ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie sehr man sich über Sauerrahm, Himbeeren und Multivitaminsaft freuen kann.

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Tanz über den Gletscher: ein Blick auf den K2

Zum Einstieg in diesen monströsen Blogeintrag habe ich euch ein paar Zitate mitgebracht.

„Zum Glück bist du nicht unsere Mutter, du kannst auch Gepäck tragen“, das ist echt pakistanischer Humor.

„Ich fühle mich, als ob ich die ganze Zeit nichts anderes mache, als über Steine zu tanzen!“ Ich, ziemlich verzweifelt.

„I spit on this glacier before I left it and I swore to myself that I would never come back…“ Sadaqat nach dem halbstündigen  Sandsturm-Abschiedsgruß des Baltorogletschers

„Wohin wollt ihr, zum Concordia-Platz? Sie ist zu dünn, sie wird so sehr frieren“ – tat ich auch, aber alle anderen froren gerade genauso, da hatte der ISI-Mensch nicht recht.

„Wie kannst du denn in dem dünnen Schlafsack schlafen, erfrierst du nicht?“ „Wenn mein Hintern kalt wird, muss ich mich halt auf die andere Seite drehen,“ meinte Basharat und löste damit viel Gelächter aus.

Gespräch zwischen Sadaqat und mir: „Bitte schreib nicht über die Sachen, die du an dem Trek schrecklich fandest. Sonst schaffen wir es nie, mehr Touristen nach Pakistan zu bringen.“ „Ich mache keine Werbung, ich schreibe meine Meinung… aber wenn sie die tollen Fotos sehen, ist ihnen bestimmt egal, wie anstrengend es ist.“

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Die Berge sind hier zwar noch nicht so spektakulär, aber das ist mit Abstand mein Lieblingsfoto vom ganzen Trek. Entstanden ist es am ersten Tag, und dieser kurze Abschnitt über dem Fluss am Hang entlang war mein Lieblingswegstück: interessant, mit Tief- und Weitblicken, keine Stolperfallen.

Einer der berühmtesten Treks der Welt ist der Trek zum K2 Basecamp, mitten ins Herz des Karakorum-Gebirges. Der Trek verläuft so: zuerst muss man irgendwie nach Skardu kommen. Mit dem Bus dauert das für die 200 Kilometer ab Gilgit 7 Stunden, wenn unterwegs die Straße nicht wie so oft gerade durch Regenfälle und spontan entstandene reisende Flüsse zerstört wurde. In Skardu muss man mit seinem vom Ministerium in Islamabad geschickten Permit zu drei verschiedenen anderen Permitstellen gehen: Polizei, übergeordnete Polizei und Militär. Als Ausländer darf man aber keines der Büros betreten, so dass das alles vom Guide organisiert wird. Danach gibt es ein Briefing und man kann endlich los (mit aller Ausrüstung und allem Essen), mindestens 7 Stunden mit dem Jeep nach Askole. Die Strecke ist zwar nur 115 Kilometer lang, aber 70 Kilometer sind ungeteert und teilweise in erbärmlichem Zustand. Von Askole aus geht man zu Fuß. Eigentlich sind die Tagesetappen nur 5-6 Stunden lang, aber wir waren selten unter 10 Stunden unterwegs. Sadaqat und ich machten allerdings alle 1.5 Stunden 10-15 Minuten Pause, eine einstündige Mittagsrast hatten wir auch. Trotzdem. Ich weiß nicht, wie schnell man laufen soll, um in 6 Stunden am Tagesziel anzukommen.

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Die Berge im Hintergrund nähern sich schon dem Concordia-Platz. Ganz leicht kann man auch den Beginn des Baltorogletschers erahnen. Wir sind hier auf dem Weg von Jula nach Pajú, und es dauert noch über eine halbe Stunde, bis wir den grünen Fleck erreicht haben. Dort gibt es riesige Bäume, die letzten auf dem Weg ins Gebirge. Außerdem auch die letzten benutzbaren Toiletten, danach sehen sie aus wie 10 Jahre nicht saubergemacht (könnte hinkommen…). Über den Zustand der Toiletten habe ich mich danach beim Debriefing beim Tourismusministerium beschwert. Kann ja nicht sein, dass wir 50 Euro „Eintritt“ und jedes Mal fast 10 Euro Campinggebühr zahlen und es sanitäre Anlagen über 4000 Meter nur in unzumutbarem Zustand gibt. Größere Gruppen tragen übrigens ihre eigene tragbare Toilette mit, aber dafür hatten wir wirklich keine Kapazitäten frei.

Im Allgemeinen verläuft der Trek so: Askole – Jula (von 3.000 auf etwa 3.100 Meter). Paju (3300 Meter). Khoburtse oder Urdukas (3900 bzw 4050 Meter). Goro 2 (4200 Meter), das erste Camp auf dem Gletscher. Concordia (4500 Meter). Bei Belieben noch bis zum K2 Basecamp (5100 Meter), wenn man Zeit und Lust hat. Die Aussicht von dort auf den K2 soll nicht so schön sein. Früher sind die Treks oft über den Gondogoro La (5400 Meter), einen lawinen- und steinschlaggefährdeten Pass zum Hushe-Tal nach Süden weitergegangen, aber in den letzten zwei Jahren war das nicht möglich. Wir sind bis zum Concordia Platz in 6 Tagen gewandert, leider wegen Zeitmangels (in Islamabad gab es Probleme mit meinem Permit, da ich durch Indien gereist bin) ohne Rasttage. Zum Glück weiß ich, dass ich mich relativ gut an Höhe anpassen kann.

Wir waren sehr spartanisch unterwegs und hatten „nur“ etwa 100 Kilo Gepäck dabei. Essen für vier Personen, zwei Zelte, unsere Kleidung, Schläfsäcke, Kochausrüstung inklusive Schnellkochtopf… das wiegt einiges. Wir hatten 3 Porter: Basharat, einen alten Freund von Sadaqat und ein Maultier samt Maultierführer Elias. Maultiere können nämlich doppelte Lasten tragen und essen Gras oder Trockenfutter, dadurch sparten wir am Essen.

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Wie man sieht was es sehr windig und sehr kalt. Wir waren alle froh über die warme Nudelsuppe.

Niemand von uns trug „richtige“ Wanderkleidung oder gar gute Schuhe. Sadaqat hatte alte Wanderschuhe seines Bruders, deren Sohle sich an einigen Stellen ablöste. Basharat und Elias trugen Plastiksandalen, ich hatte meine alten Trekkingschuhe an. Ich hatte ernsthaft überlegt, mir in Skardu gebrauchte Wanderschuhe zu kaufen, aber die Schuhe mit guten Sohlen waren alle aus Leder und mordsschwer. Ich glaube, meine zarten Füßchen hätten sehr gelitten. Außerdem habe ich mir schon oft den Knöchel umgeknickt und dank meiner viel zu lockeren Bänder ist noch nie was passiert, deshalb machte ich mir da nicht viele Sorgen. Im Nachhinein würde ich aber Schuhe mit einer besseren Sohle empfehlen, in losem Sand oder auf glatten rutschigen Steinen hätte ich damit weniger Probleme gehabt. Außerdem hat der Trek meine Schuhe ziemlich zerfetzt, aber für 50 Cent habe ich sie reparieren lassen, jetzt sind sie wieder voll einsatzfähig.

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Das ist der Blick auf das Pajú-Camp. Ich finde, das Licht wirkt wie aus einem Märchen. ich habe ausnahmsweise etwas an den Einstellungen verändert und „intensive Farben“ ausgewählt, aber genauso sah es auch in Realität aus. Das Foto wurde zu blass.

Das allergrößte Problem für mich war aber, dass ich in einem sehr schlechten Allgemeinzustand startete. Ich hatte den Monat davor vor allem im Bett verbracht: entweder es war viel zu heiß, oder ich hatte eine Erkältung, oder der Zustand meiner Eingeweide war flüssig. Ich besiegte den hartknäckigen Durchfall erst 3 Tage vor Start unserer Reise und dementsprechend winzig waren meine Beinmuskeln geworden. Kaum mehr fühlbar, ich war entsetzt. Wenn man untrainiert losläuft, werden die Muskeln sehr schnell müde und nach zwei Tagen hat man bleischwere Beine, die eigentlich dringend einen Erholungstag bräuchten, aber mit unserem straffen Zeitplan war das nicht möglich. Und so quälte ich mich weiter… ohne Witz, alle anstrengenden Wanderungen meines Lebens waren nichts gegen diese 10 Tage. Sadaqat nahm fast 5 Kilo ab und ich verlor 3 Kilo – obwohl wir regelmäßig und viel aßen. Jeden Morgen standen wir gegen 5 Uhr auf, frühstückten, packten und brachen um 6 Uhr auf. Meistens gegen 17 oder 18 Uhr kamen wir im Camp an. Freizeit, Bücherlesen? Wenn man spätestens um 21 Uhr schon im Zelt liegt und versucht, Schlaf zu finden, wird es knapp. Zum Glück mussten wir nicht selbst kochen, das hat der unermüdliche Basharat unternommen.

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Hier machten wir eine wohlverdiente Rast. Nicht zu lange, wir hatten Angst in die Dunkelheit zu kommen und mit nur einer Stirnlampe wäre es schwierig geworden, den Weg durch das Gletscherlabyrinth kurz vor Urdukas zu finden.

Basharat ist 22, schon seit 2 Jahren verheiratet und hat eine kleine Tochter. Er ist momentan der Alleinverdiener in seiner Familie, sein Vater hat Nierensteine und ist daher zu krank zum Arbeiten. Letztes Jahr ist er 7 Mal als Träger auf dem Weg zum K2 unterwegs gewesen, dieses Jahr war es erst das zweite Mal. Er hat jetzt weniger Zeit, da er auch viel in der Landwirtschaft der Familie mitarbeitet. Basharat konnte bis zur 10. Klasse zur Schule gehen, aber er spricht kein Wort Englisch, nur Balti, Urdu und ein bisschen Arabisch. Für mich war das gut, mein Urdu wurde erheblich flüssiger durch meine paar gestammelten Unterhaltungen mit ihm. Er war außerdem so ein lieber Mensch. Ich sagte ungefähr 50 Mal zu Sada: „You know, Basharat is a REALLY nice guy! I like him a lot“. Basharat war der Allrounder des Treks: Träger, Koch und Helfer bei Allem, beispielsweise Zelt aufbauen, Geschirr spülen, Weg finden, das störrische Maultier zum Laufen bringen…

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Das Maultier, das uns den Hintern zuwendet, ist Maultier Nummer 2. Nummer 1 hatte einen Widrigkeitsanfall auf dem Gletscher kurz vor Urdukas und wollte nicht mehr weiterlaufen. Es habe nicht genug Übung, meinten die Leute, und deshalb bekamen wir ein besser erzogenes. Leider hatte dieses Maultier Angst vor großen Steinen, und so trafen Sadaqat und ich auf das verängstigte Maultier und den verzweifelten Elias. Er hatte alle Lasten abgeladen und den Hügel hochgetragen, aber das Maultier wollte einfach nicht folgen. Außerdem hatte das arme Tier eine Hufverletzung und wurde gerade fast panisch. Elias hatte sogar versucht, ihm eine Treppe zu bauen, aber erfolglos. Sadaqat blieb wie immer ruhig und fand einen anderen, einfacheren Weg für das Tier, im Flussbett, Elias konnte leider nicht so weit um die Ecke denken. Das Ganze dauerte fast eine Stunde, und auf dem Weiterweg trafen wir auf Basharat, der sich schon Sorgen gemacht hatte und uns entgegenkam, um zu helfen.

In den ersten Tagen brannte die Sonne erbarmungslos vom Himmel und wir liefen oft über Sand, es war wie eine Gluthölle. Der Boden war nie eben, denn „hast du etwa einen roten Teppich zum K2 erwartet?“ Nein, aber auch nicht so viel rutschigen Sand und so viele Probleme, meine Füße gut zu setzen. Jeden Tag hatte der Weg andere fiese Überraschungen auf Lager – losen Sand, runde Steine, steile rutschige Hänge, das Ziel ist sichtbar aber kommt nicht näher, vor dem Rastplatz muss man noch einen 100 Meter hohen Steilhang erklimmen, oberschenkeltief durch eisige Flüsse waten (ich wurde von Sadaqat getragen, denn das war echt nicht ohne, an der Stelle sind in den letzten Jahren mindestens 5 Leute ertrunken), einen Gletscher auf Blankeis überqueren, über Blockgelände springen, über Gletscherspältchen springen, etc etc. Ich lernte bald, den Baltorogletscher zu hassen. Erst ging es kilometerweit Hügelchen hoch und wieder hinunter, verfolgt von Fliegen, die sich von Eselscheiße ernähren, nach Wasser und Essen lechzend, immer wieder auf dem losen Sand abrutschend. Später ging es durch ein Labyrinth von Gletscherspalten, dann über weite Schutthügel, auf denen man trotzdem die ganze Zeit seine Füße beobachten musste. Stundenlang nur Steine zu sehen ist sehr langweilig. Nachts konnten wir auf dem Gletscher vor aufsteigender Kälte kaum ein Auge schließen. Auf dem zwei Tage dauernden Rückweg freuten wir uns wie Schneiderlein, endlich den Gletscher verlassen zu können, aber er zeigte uns nochmal sehr deutlich, wer hier die Oberhand hat: in der letzten halben Stunde kämpften wir gegen einen Sandsturm, der so stark war, dass ich nur ein halbes Auge nutzen konnte und bei jedem neuen Schritt zur Seite geweht wurde. Sadaqat meinte hinterher, er habe sich geschworen, nie mehr auf diesen Gletscher zu kommen und habe auf ihn gespuckt. Kann ich gut nachvollziehen.

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If you look closely, you will be able to see the skeleton of a mule in the middle of this apocalyptic picture.

Das klingt jetzt alles schrecklich und ihr würdet so etwas nie machen wollen? Ich habe mir jeden Tag 10 Mal geschworen, nie wieder auf einem Gletscher wandern zu gehen und nie wieder in Pakistan zu wandern, weil das so anstrengend ist. Aber für die Ausblicke und Erlebnisse hat es sich wirklich gelohnt. Schon am ersten Tag fand ich die Berge spektakulär, aber das war erst der Anfang. Ich weiß nicht, ob es irgendwo noch schönere, beeindruckendere Berge gibt. Wenn ich überlegte, dass die besten Bergsteiger der Welt auf genau diesem Weg gewandert waren, wurde ich beinahe ehrfürchtig – und ein bisschen deprimiert, für die war das bestimmt ein Klacks, für mich war es enorm schwierig.

DSCN7855kAbwechslung bot es auch, wenn ich mich als Ärztin betätigen durfte: Pflaster, Medikamente gegen Durchfall, Bauchkrämpfe, Kopfschmerzen und Sodbrennen waren gefragt :) Das stetig wachsende Gewicht meines Medikamentenbeutels lässt darauf schließen, dass ich vielleicht doch ein paar Gene von meiner Mutter, einer Krankenschwester, geerbt habe.

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Auf einem Gletscher zu schlafen ist nicht schön. Nachts steigt eisige Kälte vom Eis unter der dünnen Steinschicht auf, in unserem Zelt hatte es 0 Grad, alles war von Raureif bedeckt und wir wunderten uns, wie professionelle Bergsteiger das bloß machen. Wahrscheinlich haben sie viel bessere Ausrüstung.

Wir trafen auch andere Wandergruppen, aber die waren größer als unsere winzige. Beispielsweise: 2 Italiener, 24 Porter (die hatten auch Stühle und Tisch dabei). Große chinesische Gruppen, die einen Generator dabei hatten. Aber besonders im Gedächtnis blieb uns der alte Japaner, er muss etwa um die 80 gewesen sein. Er war mit 30 Portern unterwegs und ritt auf einem Pferd. Er würde bis zum K2 Camp begleitet werden und insgesamt 22 Tage unterwegs sein. Insgesamt hatten sie 60 Kilo Gemüse dabei. Allein das Pferd kostet 1000 Dollar für die drei Wochen, insgesamt muss er grob geschätzt zwischen 12.000 und 15.000 Dollar bezahlt haben.

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Der K2 um 5 Uhr morgens

Leider war das Ende unseres Treks ziemlich dramatisch. Beim Rückweg machten wir in Pajú Halt und erfuhren dort, das Elias älterer Bruder beim Freiräumen des neuen Erdrutsches auf dem Weg von Skardu nach Askole gestorben war. Er wurde von einem Stein getroffen und fiel den Steilhang hinunter in den reißenden Fluss. Das traurige ist, dass er drei Kinder hat und seine Frau schon vor ein paar Jahren gestorben ist. Da seine und Elias Eltern schon vor vielen Jahren verstorben sind, ist Elias (der übrigens nicht mal die Grundschule besuchen konnte) mit 23 das Familienoberhaupt und muss zusätzlich zu seinen beiden eigenen auch für die 3 Kinder seines älteren Bruders sorgen. Es tat mir schrecklich leid für ihn. Elias hatte kein leichtes Leben, schon mit 13 reiste er alleine durch das halbe Land nach Karachi, um dort in einer Plastikfabrik als Packer Geld zu verdienen. Das Schlimmste für mich aber war, dass wir uns nichts anmerken lassen durften, wir waren noch 1,5 Tagesmärsche von Askole entfernt und eigentlich ist es Aufgabe der Verwandten, solche Hiobsbotschaften zu überbringen. Mir kamen ein paar Mal die Tränen, denn Elias ist ein so fröhlicher und immer gut gelaunter Mensch, auch Sadaqat und Basharat nahm die ganze Geschichte sehr mit.

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Broad Peak und Gasherbrum im frühen Morgenlicht

Außerdem starb das arme Maultierfast an einem Herzanfall. Um Elias möglichst schnell zum Haus seines Bruders zu bringen, sollte der Maulesel auf einen Jeep verladen werden (denn der musste ja ins gleiche Dorf, und Elias war für ihn zuständig und hätte eigentlich mit ihm zu Fuß gehen müssen) – aber das arme Tier hat Angst vor großen Schritten und Erhebungen. Das war nicht unsere Idee, sondern die unseres nominellen Guides. Ohne Guide darf man nicht gehen, also hatten wir einen, der uns nur am Hin- und Rückweg durch die Polizeikontrollen begleitete. Als Sadaqat und ich die Szene erreichten, war das Maultier schon hysterisch. „Oh Gott, es bekommt gleich einen Herzinfarkt,“ meinte ich und sagte ebenfalls leicht hysterisch „You stupid people, do you want to kill it? Let it go!“, es riss sich los und fiel schwer schnaufend zu Boden. Ich kann alle Leser nur davor warnen, mit Maultieren wandern zu gehen, neben der teilweise schlechten Behandlung durch die Menschen leiden sie auch unter den Lasten, die Tragegurte reiben ihre Haut auf und das bloße Fleisch schaut heraus. Das sieht man meistens nicht, da tagsüber die Gurte darüber sind und die Stellen am Unterbauch sind. Es ist scheinbar so, dass die Haut mit der Zeit unempfindlich wird und sie dort keine Schmerzen mehr spüren, aber trotzdem hatte ich kein gutes Gefühl dabei. Leider war mir das vorher nicht klar, manchmal bin ich sehr naiv.

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Hier ist der Erdrutsch. Sieht nicht so schlimm aus? Ich sags euch, das war mit Abstand die gefährlichste Situation des ganzen Treks. Immer wieder rollten kleinere oder größere Steine den Hang hinunter, auch 10 Tage nach dem Erdrutsch war er noch sehr instabil. Wenn dich so ein Stein unglücklich trifft, kann man schnell das Gleichgewicht verlieren.

Wir ließen das Maultier dort alleine zurück, damit es sich erholen kann und fuhren trotzdem los. Eine halbe Stunde später stiegen Basharat, Sada und ich aus, der Jeep fuhr hoch zu dem Dorf unseres Guides und Elias. Der Guide hatte die unangenehme Aufgabe, Elias die schlechte Nachricht zu überbringen.

Einige Zeit später erreichten wir den Erdrutsch. „Oh shit“ sagte Basharat sofort. Ich war verwirrt, denn ich konnte nur Staubfahnen am Berghang sehen – kurz darauf wurde mir klar, warum da so viele Staubfahnen waren: die ganze Zeit rollten kleinere Steine den Hang hinunter, manchmal waren sie aber auch faustgroß oder größer. Das war mit Abstand die gefährlichste Situation des gesamten Treks und wie ihr gelesen habt, ist diese Stelle lebensgefährlich. Wir warteten auf eine kurze Steinpause und sprinteten dann einer nach dem anderen die 50 Meter auf dem schmalen, gefährlichen Pfad, während alle anderen den Hang im Auge hielten. Basharat trug meinen Rucksack und Sada brüllte die ganze Zeit „Schau nach oben, schau nach oben“, als ich an der Reihe war. Ich war ganz zittrig, als ich ich endlich wieder in Sicherheit war.

Der Rückweg war sehr schön, ich genoss es, endlich wieder Bäume und Felder zu sehen. Außerdem waren zu dieser Tageszeit viele Leute draußen unterwegs und ich konnte ungestört einen Einblick in ihren Tagesablauf gewinnen.

Fazit: es war unglaublich hart, aber mit einem besseren Training ist es sicherlich einfacher. Die Ausblicke waren die Mühe aber wert.

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Länderfazit Nepal

***Darauf habt ihr sicherlich alle sehnsüchtig gewartet :-) Eeeendlich wieder ein interessantes *hüstel* Länderfazit. Leider momentan ohne Fotos, China + Internetzensur = %&/§$%&***

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Eine Gebetsmühlenwand auf dem Annapurna-Trek, dazu Gebetsfahnen. Nepal kann extrem malerisch sein.

Tja, was soll ich zu Nepal sagen. Wie ich es fand, konntet ihr ja schon rauslesen. Ich versuchte zwar, mit einer positiven Einstellung durchs Leben zu gehen aber es fiel mir schwer. Nichts was ich mir vornahm klappte so, wie es angedacht war. Außerdem wurde ich böse krank und Dezember 2014 würde ich am liebsten aus meinem Gedächtnis streichen.

Nepal ist ein meiner Meinung nach sehr gehyptes Land – vielleicht liegt das daran, dass viele Leute dort hingehen, die gerne wandern und zum ersten Mal außerhalb von Europa unterwegs sind? Nur eine Theorie. Ich habe sehr wenige Reisende getroffen, die mit Nepal auch nicht richtig warm wurden – und die waren alle vorher in Pakistan. Ich hatte außerdem das Gefühl, dass die Freundlichkeit der Nepalesen manchmal aufgesetzt war und nur dazu diente, mehr an den Touristen zu verdienen.

Natur:
Für so ein kleines Land ist sie extrem vielfältig, es gibt dort alle Klimazonen vom tropischen Tiefland bis hin zum ewigen Eis.

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Patán – leider wurden bei dem schrecklichen Erdbeben in diesem Jahr viele Tempel zerstört

Aufenthaltsdauer:
3 Monate. Viel zu lange. Die meiste Zeit habe ich übrigens mit Warten verbracht: warten dass meine Schwester ankommt, warten auf Vipassana, warten dass ich gesund werde (was nie eintrat, haha)

Highlights

  • Wandern im Annapurna-Gebiet
  • Wandern im Everest-Gebiet
  • Die Annapurna-Gruppe von Gorkha aus im Sonnenaufgang zu beobachten
  • Laugenbrezeln und Buchläden – die Freuden des touristischsten Ortes dieser Welt, Thamel
  • auf dem Dach eines Jeeps mitfahren. So viel Wind um die Nase und so eine tolle Aussicht! Zum Glück saß ich oben, denn auf halber Strecke fiel plötzlich das komplette linke Hinterrad ab, der Jeep neigte sich bedenklich in Richtung Abhang, der nur 20 Zentimeter von uns entfernt war. Alle Dachsitzer sprangen sofort ab, alle anderen Reisenden wären drinnen gefangen gewesen
  • Divali! An diesem hinduistischen Festtag wird um materiellen Wohlstand im nächsten Jahr gebeten. Vor den Türschwellen werden aus buntem Pulver wunderschöne Muster und Blumen gemalt, von dort aus führt eine Spur ins Haus, und es brennen tausende Kerzen. Es war wunderschön und die Atmosphäre war ein bisschen ähnlich wie an Weihnachten.
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Boudha-Stupa in Kathmandu, in der Abenddämmerung ein beeindruckender Ort

Lowlights

  • beinahe alle Busfahrten
  • das Rumgerotze um 5 Uhr morgens, wenn die Nepalesen aufwachen und erst mal ne halbe Stunde lang ihre Kehle reinigen müssen.

Kosten
Ich gab meistens um die 15 USD pro Tag aus, selbst beim Trekken. Thamel, Kathmandus Touristenviertel, verführt allerdings zum Konsum: Laugenbrezeln, importierte sündhaft teure Lindtschokolade, Bücher – man findet dort ales.

Unterwegs als Vegetarier
In Nepal ist das absolut problemlos, Fleischesser werden es schwer haben, etwas Anders als Hühnchen zu finden. Am Besten fand ich Daal Bhat, Reis mit Linsen und Gemüse, dazu Pickle, und meistens so viel man essen kann. Momos waren auch sehr, sehr lecker.

Unterwegs alleine als Frau
Folgende Anekdote wurde mir unter viel Gelächter erzählt: zwei Deutsche, blond, groß, gutaussehend, 18 und 19 Jahre alt machten eine Motorradtour im untouristischen Osten Nepals. Abends klopfte es an ihre Zimmertür, der beinahe zwei Meter große 18-Jährige öffnete. Vor ihm stand ein kleiner Nepalese, der in dem Hotel arbeitet. Er gab ihm einen Zettel, auf dem stand „You me same sex I like“ und fasste ihm in den Schritt. Ganz langsam ging der perplexe Deutsche rückwärts und schloss die Tür.

Als Mann lebt man also unter Umständen nicht ungestört in Nepal. Bei mir war es ganz problemlos und in den Orten in denen ich war, waren die Nepalesen an Touristen gewöhnt, daher wurde ich nicht mal angestarrt.

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Kurz außerhalb von Pokhara ist der öffentliche Wasch- und Badeplatz an einem Abfluss des Sees

Sicherheit:
Die Busfahrten können manchmal ziemlich gefährlich sein im Hinblick auf halsbrecherische Überholaktionen und diebische Mitreisende. Ansonsten habe ich mich immer sehr sicher gefühlt.

Bemerkenswert:
Es werden in Kathmandu und Pokhara alle erdenklichen Abenteueraktivitäten angeboten, unter anderem Canyoning, Paragliding und Bungeejumping. Leider war ich immer genau dann schwer erkältet oder anderweitig außer Gefecht gesetzt, wenn ich mir so eine Aktivität vorgenommen hatte. Vielleicht war das ein Zeichen.

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Das war das tollste Hotel, in dem ich war :) 13 Euro für ein Doppelzimmer in Pokhara, es gab schnelles (woha) Internet und richtig heißes Wasser. Dazu noch die Dachterrasse mit Blick auf den Himalaya und diesen Balkon mit bequemen Sesseln und vielen Topfpflanzen.

Verloren

  • fast alle meine Socken
  • meine Mütze

Besondere Tips:
Kathmandu ist eine Oase der Erholung für alle, die „westliches“ Essen vermissen. Es gibt gute Pizza, Fetakäse, Kuchen und sogar mein absolutes Highlight: Laugenbrezeln! Ich habe fast jeden Tag strahlend welche in der Weizen Bakery gekauft. Einmal bekam ich sie ofenwarm und knusprig, gegen 9 Uhr morgens. Ich war im kulinarischen Himmel – fehlte nur noch gute Butter, aber die gab es leider nicht.

Erkenntnisse:
Ich hasse kalte Duschen, ich hasse schlechtes Internet, ich hasse Stromausfälle und ich hasse Lärm am frühen Morgen. Leider gab es das in Nepal jeden Tag, was es mir recht schwer machte, mit dem Land warm zu werden.

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Das Zensurproblem in China

Liebe Leser,

seit 3 Tagen bin ich in China. Ich dachte, schlimmer als im ländlichen Pakistan kann das Internet nicht sein, leider lag ich da falsch: das „normale“ Internet ist gut, allerdings ist da die Hälfte der Internetseiten gesperrt und ich kann Seiten wie Google (!), Facebook, Picasa oder WordPress nur durch große Schummelei mit Hilfe von Proxyprogrammen oder anonymen Webbrowsern benutzen. Leider ist das Internet dann so langsam wie in Pakistan, und außerdem werde ich teilweise alle 2 Minuten rausgeworfen.

Das macht verständlicherweise überhaupt keinen Spaß und ich habe es noch nicht geschafft, Fotos hochzuladen. Unter anderem von meiner epischen mörderischen Wanderung zum K2-Viewpoint, was auch der Grund ist, weshalb ich im August 2 Wochen lang kein internet hatte. Es wären also tatsächlich mal sehenswerte Fotos…

Ich werde in den nächsten Tagen ein paar Blogartikel schreiben, und hoffentlich werde ich sie auch irgendwie hier veröffentlichen können :)

Bis dann,

Sarah

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