Gastbeitrag: Tour de Mont Blanc

***Christian ist vor kurzer Zeit die Tour du Mont Blanc gewandert, laut ihm in Fachkreisen auch bekannt als „Höllentrip durch die Berge“, „Todesmarsch“ oder „das ist kein Spaziergang“. Seine Schilderung fand ich so amüsant, dass ich sie gerne mit euch teilen möchte. Viel Spaß beim Lesen.***           

Wenn man sich sich hin und wieder spontan vom Leben treiben lässt, dann kann es schon mal passieren, dass man den Sommerschlafsack einpackt um sich per Anhalter in Richtung Südfrankreich zu machen, dann aber plötzlich in den Alpen auf über 2000 Metern Höhe landet und sich, zurückhaltend ausgedrückt, die Zehen abfriert.

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Nachdem ich mehrere Wochen zuhause fleißig französisch übte, sollte es also in den warmen Süden gehen. Während der Duft der Provence bereits in meiner Nase lag und die Wellen des Mittelmeers durch meine Träume rauschten, stellte ich ernüchtert fest, dass ich für Straßburg, meine erste Zwischenstation, gar keine Unterkunftsmöglichkeit bei Couchsurfing gefunden hatte, da alle entweder im Urlaub oder aufgrund der Semesterferien in ihrem Heimatort waren. Da kam es wie gerufen, dass Tobi, ein langjähriger Freund aus Freiburg, mich einlud ihn dort zu besuchen und mich in seinem Auto bis zum Mont Blanc mitzunehmen. Dort wollte er eine Wandertour starten und ich hätte es dann auch nicht mehr weit zum Meer gehabt.  Er schwärmte mir vor, dass die 170km lange Tour du Mont Blanc als die schönste Wanderroute der Alpen und als eine der spektakulärsten weltweit gilt. Es sind sage und schreibe 10.000 Höhenmeter zu überwinden, es geht also für ca. 7-10 Tage fast ständig den Berg rauf und runter. Man läuft einmal um das Mont Blanc Massiv, mit 4800 Metern der höchste Berg Europas und man durchquert Frankreich, Italien und die Schweiz. Hörte sich eigentlich wunderbar an, als alter Wanderfuchs und mit ausreichend Zeit ausgestattet, konnte ich es mir es dann natürlich nicht nehmen lassen, ihn spontan zu begleiten. Da wir keinen Camping-Kocher hatten und Tobi diesen auch nicht für notwendig befand, kauften wir Müsli und Brot für die ersten Tage. Obwohl man die meiste Zeit zwar in den Bergen unterwegs ist kommt man alle paar Tage mal wieder in kleinere Dörfer im Tal wo man Nachschub besorgen kann.

Theoretisch gesehen kann man die Tour natürlich auch in der „deluxe“ Variante laufen, also statt wild zu zelten, in den zahlreichen Berghütten übernachten und dort im Restaurant speisen, statt eine Woche lang Müsli mit Obst oder Brot mit Pesto zu essen. Aber wir waren ja schließlich nicht zum Urlaub machen unterwegs, sondern zum Wandern, „wenn schon, dann richtig“, war unser Motto. So wurden wir in der Regel auch eher belächelt und bemittleidend angeschaut von den klassischen Alpenwanderer, also eher etwas ältere Semester, die stets den Eindruck machten, als hätten sie mal eben ein Monatsgehalt im Outdoorshop gelassen um sich für die Tour auszurüsten. Manchmal waren ganze Alpenvereine mit 10-15 Leuten unterwegs. Schwerbepackt stapften wir mit Turnschuhen und T-Shirt stets an ihnen vorbei, ihre Wanderstiefel, Wanderstöcke, Funktionskleidung und Sonnenhütte halfen ihnen dann auch nicht schneller den Berg hochzukommen.

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Das Hinuntergehen war allerdings immer eine große Belastung für die Knie. Während das glücklicherweise an mir noch unbeschadet vorüberging, hinterließ es bei Tobi leider stets starke Knieschmerzen. Schon am Ende des ersten Tages befürchtete ich, dass er die Wanderung nicht durchstehen wird, als er sich mit schmerzverzerrtem Gesicht bergabwärts quälte. Dabei war er vorher noch äußerst optimistisch, sprach von „12 Stunden pro Tag wandern schaffen wir locker“, „wir machen das in 5 Tagen“ und am Ende wolle er als Sahnehäubchen noch den Gipfel des Mont Blanc’s erklimmen.

Das war aber alles schnell hinfällig, nach 7-8 Stunden wandern fühlten wir uns jeden Abend als hätten wir den Everest bestiegen und fielen bei Einbruch der Dunkelheit um neun Uhr schon erschöpft in den Schlafsack. Dummerweise trug Tobi auch noch recht neue Schuhe, so dass sich die Blase an seiner Ferse schon am dritten Tag, als wir Courmayeur in Italien erreichten, in etwas verwandelt hatte, das einem riesigen Vulkankrater glich. Dazu regnete es den ganzen Tag in Strömen und es galt über 1000 Höhenmeter hinabzusteigen. Die Schmerzen seines Knies und seiner Ferse schienen sich wohl gegenseitig übertreffen zu wollen und das einzige was ihn, nach seiner Aussage, „am Leben hielt“ war die Aussicht auf eine Steinofen Pizza am Abend im Dorf. Diese war dann auch tatsächlich aus einer anderen Welt und fast jede x-beliebige italienische Pizzeria gibt einem das Gefühl in einem Gourmet-Tempel zu sein. Während ich fest damit rechnete, dass er vorschlägt den Bus durch den Mont Blanc Tunnel nach Les Houches zu nehmen, wo sein Auto stand, schien der strahlende Sonnenschein am nächstem Morgen und die Erinnerung an die Pizza am Vorabend, ihm neue Lebensgeister eingehaucht zu haben. Er kaufte sich Pflaster, Desinfektionsmittel und eine Salbe für die Blasen, sowie Wanderstöcke gegen die Knieschmerzen beim abwärts gehen und los gings. Diesmal wieder stundenlang bergauf und die Ausblicke waren absolut unbeschreiblich. Courmayeur wurde immer kleiner und die schneebedeckten Berge wirkten mit ihren Gletschern immer gewaltiger. Über allem thronte majestätisch der Mont Blanc, ein prachtvoller Anblick unter strahlend blauem Himmel, fast wie gemalt und jede Mühe wert.
Am fünften Tag überquerten wir einen weiteren Pass und landeten in der Schweiz. Unter strömendem Regen ging es am Ende des Tages noch einmal steil bergauf nach Champex-Lac, ein nettes, kleines Dorf an einem wunderschönen See. Nur leider führte der Besuch im Supermarkt beim Blick auf die Preise schnell zu mieser Laune. Hier war tatsächlich alles fast dreimal so teuer als in Deutschland. Das günstigste, abgepackte Brot kostete knapp drei Euro. „Pain d’épices, was heißt denn des?“ fragte mich Tobi. „Keine Ahnung, glaub irgendwas mit Gewürzen“ antwortete ich. „Mhm, Hauptsache nicht so teuer, lass mal gleich zwei Packungen nehmen“, sprach er und wir gingen zur Kasse, wo wir von der Verkäufern bereits etwas irritiert angeschaut wurden.

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Es regnete immer noch, wir waren unglaublich erschöpft, hungrig und hatten auch noch keinen Schlafplatz gefunden. Die Stimmung war zum ersten Mal im Eimer, die hohen Preise wirkten nach und wir stritten darüber, wie wir am besten rationieren können, bis wir wieder in Frankreich sind. Egal, erst mal was essen! Wir setzten uns wie die letzten Penner, verschwitzt, ungeduscht, mit stinkenden Klamotten und mit zerzausten Haaren unter ein kleines Vordach. Nur der Gedanke an den teuren, aber das Wasser im Mund zusammenlaufen lassenden Käse war ein kleiner Lichtblick. Während ich zunächst ein Stück Schokolade aß, beobachtete ich wie Tobi das Brot auspackte, hineinbiss und plötzlich in schallendes Gelächter ausbrach. „Scheiße Mann, wir haben Lebkuchen gekauft!!! Ich hasse Lebkuchen!“ Die Stimmung war natürlich wieder gerettet, wir lachten über unsere eigene Dummheit und irgendwie war die Lage so im Arsch, dass uns nur noch Humor helfen konnte. Der einzige Supermarkt hatte kurz vorher, um sieben Uhr abends, bereits dicht gemacht und die einzige Bäckerei vermutlich schon am frühen Nachmittag. Wir hatten seit Stunden nichts gegessen und kein Brot. Es gab also Käse und Lebkuchen zum Abendessen. Verzweifelt schmierte Tobi auch noch abwechselnd Nutella und Pesto auf den Lebkuchen, was genau so widerlich schmeckte, wie man es sich vorstellt.

12002865_10207930880693961_6256526428802920098_nImmerhin hatte es aufgehört zu regnen und wir fanden einen Zeltplatz im Wald, mitten auf einem „Trimm-dich-Pfad“. „Scheißegal, so spät und bei dem Regen kommt hier eh niemand mehr vorbei!“ Naja, dachten wir zumindest, bis wir ein altes Ehepaar sahen, dass uns anschaute als wären wir aus dem Knast geflohene Schwerverbrecher, aber zum Glück riefen sie nicht die Polizei.

Während wir dann immer noch hungrig im Schlafsack lagen, stand ich wieder auf und sagte: „Scheiß drauf, ich geh jetzt Brot besorgen“. „Du hast doch nen Knall!“ entgegnete Tobi und konnte sich mal wieder vor Lachen nicht einhalten. Mich auf meinen Instinkt und mein Talent als Werber verlassend machte ich mich wieder zurück ins Dorf. Obwohl es gerade erst halb neun war und die Dämmerung anbrach, war das Dorf fast wie ausgestorben. Da ich allerdings keine Taschenlampe hatte um zurück zum Zelt zu finden musste es schnell gehen. Ich ging in ein Restaurant und erklärte in einem Mischmasch aus Englisch und Französisch, dass die Geschäfte bereits geschlossen seien, ich nach einer harten Wanderung aber am Verhungern sei und ich bat eine Bedienung mir etwas Brot zu verkaufen. Sie bot mir stattdessen eine kleine Portion Pommes an, für 7 Euro, das Günstigste auf der Karte. Ich erklärte ihr, dass ich als mittelloser Wanderer leider nicht so viel Geld hätte, so dass sie davonlief um ihren Chef zu fragen. Als sie dann mit einem halben Leib frischem Mehrkornbrot zurückkam und mir diesen sogar noch schenkte, fühlte sich das an wie Weihnachten und Ostern an einem Tag. Dieses Brot mit Pesto und Bergkäse war ein absolutes Festmahl, ein Feuerwerk für den Gaumen. Das ist das Wunderbare am Wandern, man geht irgendwie zurück zu den Basics und weiß die einfachen Dinge des Lebens viel mehr zu würdigen und genießen.

Die letzten beiden Tage überstanden wir dann auch noch. Es ging wieder nach Frankreich, es gab wieder billiges Baguette und wir humpelten teilweise mehr als wir gingen. Auch bei mir machten sich Blasen bemerkbar und teilweise fühlte es sich an, als würde mir jemand hin und wieder ein Messer in die Ferse stecken. Wir nahmen es allerdings mit Humor und freuten uns bereits darauf im Anschluss tagelang einfach nichts zu tun und uns zu erholen. Das Mittelmeer war für mich passé, ich wollte einfach nur noch nach Hause.

Die letzten Nächte wurde es zudem immer kälter. Während ich am Anfang der Wanderung noch vor Hitze nur in Unterhose im halb geöffneten Schlafsack lag, änderte sich nach ein paar Tagen die Wetterlage und es kühlte um gut zehn Grad ab. Dazu kam, dass wir in der letzten Nacht auf über 2000 Metern Höhe zelten mussten, da Tobi zu erschöpft für den Abstieg war. Der Ausblick war natürlich absolut überwältigend, aber da Tobi selbst in seinem Superschlafsack mit einem Extrembereich von -20 Grad fror, ging es mir in meinem dünnen Sommerschlafsack natürlich nicht besser. Auch alle meine Kleidung, inklusive Alpaka-Pullover, zu tragen verhinderte nicht, dass mir teilweise vor Kälte die Zähne klapperten und ich am Morgen meine Füße fast nicht mehr spürte. Wir beschlossen, dass der siebte Tag auf jeden Fall auch der letzte sein sollte. Aufgeben kam so kurz vor dem Ziel natürlich nicht in Frage, aber es galt noch mal fast 30 Kilometer die Zähne zusammen zu beißen.

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Wir wählten eine flache Alternativstrecke durch Tal, statt wieder am Berg rauf und runter zu steigen und schafften es tatsächlich zurück zum Auto. Total abgekämpft, als kämen wir aus einer Schlacht oder von einem Todesmarsch durch die Wüste, aber wir hatten es geschafft! Wie bei einem Marathon ging es am Ende nur noch ums Durchhalten, aber dann im Ziel zu sein fühlte sich an, als wären wir gerade Weltmeister geworden, worin auch immer.

Als wir genau eine Woche vorher aufbrachen, kamen in Chamonix-Mont Blanc gerade die Sieger des Ultramarathons ins Ziel. Diese Extremsportler haben dieselbe Strecke, für die wir 7 Tage brauchten, in etwas mehr als 20 Stunden geschafft. „Ach was, netto sind wir auch nur gut 60 Stunden gelaufen, in einem durch, ohne Schlaf und ohne Gepäck wären wir vielleicht auch so schnell gewesen…“ redeten wir uns ein und fielen erschöpft ins Auto. Ich war froh, dass ich jetzt nicht noch 4 Stunden fahren musste! Aber mit einem warmen Bett, gekochtem Essen und einer heißen Dusche vor Augen schaffte Tobi das auch noch. Wenngleich er unterwegs an einer Tankstelle noch den Tankdeckel verlor und er später das Einfüllloch mit Zeitungspapier stopfen mussten. Schön wenn jemand genauso verpeilt ist wie ich…

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Wieso das mein letzter Besuch in China war

„Ich komme NIE MEHR nach China. Nie in meinem Leben. Das ist so scheiße hier!“ rief ich meinem Laptop zu und hoffte, dass meine Schwestern in Deutschland es verstehen würden. Meine Internetverbindung brach nämlich oft ab und Carolins Internet war so schlecht, dass sie per Telefon zuhörte, das Laura vor den Lautsprecher ihres Laptops hielt. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir schon eine halbe Stunde lang geskypt und ich hatte ihnen mein Leid geklagt. Der meist gesagte Satz war allerdings: „Hallo? Hört ihr mich noch? Hallo? …. Hallo???“
„Nein, ich würde an deiner Stelle auch nicht mehr nach China wollen,“ meinte Laura verständnisvoll.
„Ich wollte eigentlich mein Chinesisch auffrischen, aber jetzt ist mir die Lust darauf vergangen,“ sagte Carolin.
„Wenn Sadaqat und ich nicht so aneinander hängen würden und uns unbedingt hier sehen wollten, würde er nie mehr versuchen einzureisen und ich wäre innerhalb von 2 Tagen in Kirgisistan und auf dem Rückweg nach Deutschland!“ Ich habe meine Reisepläne schon nach zwei Tagen in Westchina geändert, hier zu reisen ist mir zu anstrengend und ich möchte lieber durch Länder, in denen ich mich mit meinem bisschen Russisch verständigen kann. Außerdem sind die alle visafrei bis auf Russland, und das Visum habe ich im Pass. Kirgisistan, einmal quer durch Kasachstan [oder auch nicht mehr, wer weiß], nach Moskau und Sankt Petersburg, durch die baltischen Staaten, Polen und zurück nach Deutschland. Das ist momentan die Reiseroute. Kurzzeitig hatte ich die südliche Variante mit Zwischenstop am Mittelmeer (Kroatien?) erwogen, aber das ist mir doch zu weit.

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Leider habe ich keine Fotos von der Passüberquerung, da mein Foto nach dem K2 Trek kurzzeitig außer Gefecht gesetzt war: die Batterie war leer und beim Reinfahren des Objektivs blieb es auf halbem Weg hängen. In Kashgar konnte ich es für 40 Euro reparieren lassen, bis dahin war ich leider fotolos. Da die Kamera vor 2 Jahren nur 100 Euro gekostet hat, habe ich mir diese Investition wirklich schwer überlegt, aber die Sentimalität hat gesiegt. Ich mag keine neue Technik.

Also. Was ist so scheiße hier? Abgesehen davon, dass es in Westchina quasi nur Lammfleisch gibt, so gut wie niemand Englisch kann und ich mich meistens pantomimisch verständige, die Leute echt unhöflich und nicht hilfsbereit sind, die „historischen“ Gebäude von den Chinesen erst plattgemacht (eine andere Kultur, das geht ja gar nicht!) und dann wieder nachgebaut wurden, die Architektur gigantomanisch ist, für jeden Scheiß Eintrittsgeld verlangt wird (die Wüste, den Wald…), die Tischmanieren in Deutschland jeden gruseln würden und das Internet zensiert ist?

Die Regierung und untergeordnet die Immigration.

Jetzt muss ich ein bisschen ausholen. Sadaqat kommt aus Gilgit-Baltistan und seit über 20 Jahren gibt es mit der chinesichen Regierung ein Abkommen, so dass Einwohner seiner Region ganz einfach einen Border Pass bekommen können, mit dem sie sich bis zu 30 Tage am Stück in der Provinz Xinjiang aufhalten dürfen. Das machen viele Pakistanis, das Gemstone-Business hat hier Hochkonjunktur. Wir beantragten also seinen Borderpass und gingen zum K2, auf dem Rückweg bekamen wir von der Passstelle eine schlechte Nachricht: wer zum ersten Mal nach China einreist, darf das zwischen 18. August und 3. September nicht tun, stünde in einem Brief von der chinesischen Botschaft in Islamabad. Wieso? Tja, das wusste niemand. Also reiste ich alleine aus Pakistan aus, da mein China-Visum sonst verfallen würde.

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Die größte Attraktion in Tashkurgan ist meiner Meinung nach das Grasland, eine riesige sumpfige Weide, in der die Tiere grasen und Nomaden ihre Yurten aufgebaut haben.

Der Karakorum Highway über den 4800 Meter hohen Khunjerab Pass war die reinste Augenweide. Von der pakistanischen Seite aus folgt man dem Hunzariver nach Norden, entlang 7000 Meter hoher Berge, einigen der längsten Gletscher Pakistans und filigranen Bergriesen wie der Passu Cathedral. Die Gegend ist dünn besiedelt, nur manchmal gibt es kleine Dörfer mit Bewässerungslandwirtschaft. Sadaqat fuhr mit mir mit dem Motorrad die 100 Kilometer bis nach Sost. Der Abschied war richtig hart, obwohl es eigentlich nur für kurze Zeit war. Die pakistanischen Grenzbeamten hätten ihn natürlich durchgelassen (in Pakistan ist fast nichts unmöglich): „Wir verstehen, dass es deine Zukunft ist, mit diesem Mädchen zu reisen. Aber die Chinesen sind ein bisschen seltsam. Da weiß man nie, was sie denken. Die würden dich bestimmt wieder zurückschicken, und das wäre schwierig dort oben mitten auf dem Pass.“ Für die nächsten 200 Kilometer braucht man einen ganzen Tag, da die chinesischen Grenzkontrollen äußerst langwierig sind.

Zuerst fährt man 100 Kilometer in Pakistan bis zum Pass, dann kommen krasse Kontrollen: Das Gepäck und die Schuhe werden durchleuchtet, man muss in einen Ganzkörperscanner stehen und das Gepäck wird akribisch durchsucht. Besonders interessiert war der junge Soldat an Fotos von meiner kleinen Schwester Laura. Jedes Mal, wenn er wieder eines öffnete, sagte ich mit stählerner Stimme „Sister.“ „Sister.“ „Sister!“. Auch Filme schaute er wahllos an. Suchte er etwa nach… äh… erotischen Kurzfilmchen? Im Wartesaal hingen Sauerstoffschläuche von der Wand. Immerhin waren wir hier auf 4800 Metern Höhe, und das kann einen ohne vorherige Akklimatisation ziemlich aus der Bahn werfen. Es wurden auch ein paar schöne Propagandafotos gezeigt, wie hilfsbereite chinesische Soldaten höhenkranken pakistanischen Männern Sauerstoff geben. Nach beinahe zwei Stunden ging es endlich weiter.

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Im Film „The Kiterunner“ spielen fast alle Szenen in Tashkurgan, Kashgar oder in der Landschaft dazwischen. Der Film ist zwar in Afghanistan angesiedelt, aber Dreharbeiten dort wären zu gefährlich gewesen. Ich habe das Buch in Tashkurgan innerhalb von 2 Tagen verschlungen, mit Sadaqat den Film angeschaut (hauptsächlich auf Dari, leider ohne Untertitel… aber da ich das Buch gelesen habe und ein paar Worte in Urdu ähnlich sind, konnten wir der Handlung sehr gut folgen) und tatsächlich viele der Drehorte wiedererkannt.

Auf den nächsten 100 Kilometern in Richtung Tashkurgan änderte sich die Landschaft: Das Tal war sehr breit, sehr grün, umgeben von Bergen die im Abendlicht immer wieder ihre Farbe änderten – braun, orange, lila, sogar rosa war dabei. Ich sah viele Jurten und zwischendurch sogar ein paar Kamele.

Nach erneuten langwierigen Grenzkontrollen inklusive Fiebermessen (nur bei mir, Begründung: „Du kommst aus Deutschland“ – hä?) verbrachte ich eine kurze nicht so gute Nacht in Tashkurgan nahe der Grenze und reiste dann von dort nach Kashgar. Zwischendrin wurde ich beinahe von einem Taxifahrer geschlagen und ging siegreich aus unserem Brüllduell hervor – soviel zu „ich bin ein sanftmütiges Mädchen und gerate nie aus Sturheit in Schwierigkeiten, weil andere Leute gleich aggressiv werden“. Nach einer Woche in Kashgar unternahm ich die zwölfstündige Reise zurück nach Tashkurgan, um Sadaqat pünktlich am 4. September in Empfang zu nehmen.

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Da das Grasland so sumpfig ist, führt ein System von Holzstegen hindurch. Dort zu laufen hat Spaß gemacht, manchmal waren sogar Hängebrücken eingebaut. Das Holz wurde übrigens importiert, weil in China kein für diese Nässe ausgelegtes Holz auffindbar war.

Ich wartete eine Stunde lang in der Kälte vor dem Gebäude der Immigration. Irgendwann kamen Pakistanis mit Gepäck aus dem Gebäude heraus, ich sprach sie an und erfuhr, dass Sadaqat nicht einreisen durfte und deportiert wird. „Ist das ein Witz?“ fragte ich fassungslos. „Nein, es stimmt.“ Ich zeigte dem Mann sogar ein Foto und er sagte „Ja, und er hat ein Guesthouse in Karimabad? Ja, das war er.“ Er wurde sofort mit dem Auto abgeholt und ich fuhr mit ihm 300 Meter in Richtung Innenstadt, da die weit entfernt ist und es in Tashkurgan fast keine Taxis gibt, bis ich erfuhr, dass Sada hier ist. „Bitte halte sofort an, ich muss zurück. Ich muss versuchen, ihn zu sehen.“ Ich hatte gedacht, dass er schon am Khunjerabpass ausgewiesen wurde und war sehr überrascht, lief also so schnell wie möglich die 300 Meter zurück zum Immigration-Gebäude und wurde tatsächlich hineingelassen. Als ich Sada umarmte, kamen uns beiden die Tränen und ich versuchte dann auch gar nicht mehr, mich wieder zu fangen – je mitleidserregender wir aussehen, desto besser, war mein Gedanke. Leider hilft das mit den chinesischen Grenzbeamten überhaupt nichts, so unfreundliche Menschen habe ich selten getroffen. Ohne Witz, in Pakistan wären alle sofort besorgt gewesen und hätten irgendwie eine Lösung gefunden. Hier ist China. Die Begründung dafür, wieso Sada nicht einreisen durfte: in dem Zeitraum, in dem sein Borderpass ausgestellt wurde, hätte Pakistan gar keine ausstellen dürfen. Dumm nur, dass das in Pakistan niemand wusste. Und die ersten chinesischen Grenzkontrolleure auf dem Khunjerab-Pass auch nicht. Ich glaube auch nicht, dass er in den letzten Tagen der einzige war, der aus diesem Grund abgewiesen wurde. KOMMUNIKATION? Hallo??? Ich habe keine Ahnung, wie so etwas passieren kann. Man könnte jetzt natürlich sagen „Ja klar ist das die Schuld von Pakistan, die haben es einfach nicht drauf“, aber ich finde, das ist nur die halbe Wahrheit.

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Eine weitere Attraktion Tashkurgans (das im Übrigen ein sehr kleines Kaff ist, und einem Geisterdorf ähnelt, so wenig Leute sieht man außerhalb der beiden zentralen Straßen) ist der Muztagh Ata, der von fast überall bei klarem Wetter in der Ferne zu sehen ist.

Also hatten wir erneut einen herzzerreißenden Abschied und ich wartete fünf Tage in dem kleinen Kaff, bis Sadaqat erneut einreisen durfte. Dieser Abschied war auch für Sada sehr schlimm, er meinte, er habe noch nie eine so emotional schwierige Situation erlebt. ich nehme das mal als Kompliment. Wir mögen uns einfach zu sehr :)

Die nächsten Tage verbrachte ich damit, mit Pakistanis rumzuhängen – das waren die einzigen englischsprechenden, freundlichen und hilfsbereiten Menschen in diesem Ort. Außerdem war das pakistanische Restaurant der einzige Ort, wo ich problemlos warmes vegetarisches Essen finden konnte. Besonders freundete ich mich mit Khaled an. Ich war auf der Suche nach dem Hostel in seinen Edelsteinladen gekommen und er hatte mich sofort quasi adoptiert und half mir mit allen  meinen kleinen Problemchen (chinesische Sim-Karte bekommen, zum Beispiel).

Als Sadaqat dann beim dritten Versuch endlich einreisen durfte, konnten wir es beide kaum fassen. Ich dachte die ganze Zeit, dass ich träume. Im Endeffekt hat uns diese Erfahrung noch näher zusammengebracht und mir wurde klar, dass ich definitiv die nähere Zukunft mit ihm zusammen gestalten möchte. Wie genau das aussehen wird, wird sich zeigen. Aber ich bin immer noch ganz bezaubert von ihm, auch nach über einem Jahr, in dem wir 6 Monate fast täglich miteinander verbracht haben. Das ist eine sehr besondere Erfahrung für mich und ich bin gespannt, wie sich unsere Beziehung in der Zukunft entwickeln wird.

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Die Macht schlechter Omen oder: Euphorisch in Kirgisistan

Ich bin gerade in Kirgisistan. Das stand so bis vor 3 Wochen nicht auf meinem Plan, aber wie gesagt, Pläne sind flexibel. Hier habe ich endlich wieder Internet. Es ist sogar so gut, dass ich neue Fotos auf Picasa hochladen konnte und zum ersten Mal seit über 3 Monaten auf Youtube Musik hören konnte – Sabatons „Panzerkampf“ wurde nach kurzer Überlegungszeit das erste Lied. Ich hatte ja schon geglaubt, dass sich mein Musikgeschmack seltsamerweise dauerhaft von Metal auf Bollywood-Popsongs und Eminem (der 8-Mile-Soundtrack ist echt gut!) gewandelt hat, aber ich denke, ich konnte in meinen 40 GB überwiegend Metal nichts Neues mehr finden. Sabaton kann ich zwar teilweise schon mitsingen, aber die sind halt einfach gut. Hört mal „Primo Victoria“, „Ghost Division“ und „To Hell and Back“ an. Ääääh abgeschweift.

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Natürlich gab es auch schöne Momente in China. Es ist ja nicht so, dass alles dort übel ist und man 24 Stunden am Tag nur vor sich hinleidet, aber insgesamt gab es einige Punkte, die mir als Touristin die Lust am Land verdarben.

China hat sich in den beinahe vier Wochen, die ich gezwungenermaßen dort verbringen konnte, von „ich glaube hier gefällt es mir nicht“ zu „ich komme NIE WIEDER nach China“ verschlimmert und ist hiermit offiziell das erste Land, dem das gelang. Normalerweise denke ich mir höchstens „Ach, das war jetzt nicht so sehenswert, brauche ich nicht nochmal“. Das ist eine lange Geschichte und Näheres dazu folgt in einem anderen Blogeintrag, den ich dank der chinesischen Regierung (anders kann ich mir die seltsamen Ereignisse im nächsten Abschnitt nicht erklären) bisher nicht veröffentlichen konnte.

China. Internetzensur. Das ist kacke. Hatte ich ja schon im letzten Eintrag vor ein paar Wochen erklärt. Damals hatte ich noch einen sicheren Internetzugang mit der Hilfe zweier Proxyprogramme – oder sagt man da VPN-Programm? Keine Ahnung – und ein bisschen Zauberei. Nach einigen Tagen am gleichen Ort fiel dann erst das Freegates-VPN-Programm aus. Als nächstes gingen auch alle unzensierten Internetseiten nicht mehr – bis auf Bing und Wikipedia. Alle anderen Internetnutzer im Hostel hatten dieses Problem nicht, nur ich. Ich verarsche euch nicht. Das passierte mir sowohl in Kashgar als auch in Tashkurgan. Bei meinem zweiten Besuch in Kashgar gab nach kurzer Zeit mein zweites Programm, der Tor-Browser ebenfalls den Geist auf, kurz danach konnte ich mich nicht einmal mehr mit dem Internet verbinden. Ich glaube nicht, dass ich überparanoid bin, wenn ich behaupte, dass mein Computer von der chinesischen Regierung gefunden und systematisch blockiert wurde, denn das war die erste Vermutung meines sehr rationalen Vaters, als ich ihm von diesen seltsamen Ereignissen erzählte.

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Noch so ein Punkt auf der langen Liste „Was ich nicht gut finde in China“: 2012 wurde die historische Altstadt von Kashgar plattgemacht und neu aufgebaut. Das hier ist ein auf alt gestyltes neues Geäude. Die „Altstadt“ hat meiner Meinung nach keine Seele mehr. Sie ähnelt mehr einer Filmkulisse als dem Herzen einer jahrtausende alten Handelsstadt an der Seidenstraße.

Aber wer weiß, vielleicht hätte ich sowieso nichts Neues hier veröffentlicht, denn die meiste Zeit erfreute ich mich einfach an jedem Moment, den ich mit Sadaqat verbringen konnte, nachdem er beim dritten Versuch endlich nach China einreisen durfte. Dieses Drama ist einen eigenen Blogeintrag wert, der sogar zu drei Vierteln schon fertig ist! Liebe Leser, ich kann es selbst kaum glauben, aber ich werde tatsächlich innerhalb einer Woche MINDESTENS zwei Einträge veröffentlichen können – falls mein Laptop nicht beschließt, sich mal wieder scheintot zu stellen.

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Wer bringt es bloß übers Herz, so ein glückliches Pärchen trennen zu wollen? China. Und Deutschland.

Nach beinahe zwei Wochen mit Sadaqat musste ich mich von ihm verabschieden, aber es war lange nicht so traumatisch und tränenreich wie bei seinem zweiten Einreiseversuch (diese Werbung hier! Schaut morgen nochmal rein). Leider war es auch dieses Mal kein einfacher Abschied, denn nachdem wir endlich alle Dokumente zusammengesucht hatten wollten wir einen Termin bei der deutschen Botschaft für ihn buchen. Normalerweise muss man darauf etwa zwei Wochen warten und kann sich im Onlineterminkalender einen aussuchen. Nicht so momentan: „Zur Zeit sind keine Termine verfügbar. Bitte schauen Sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder herein“ – ich vermute SCHWER, dass das an der Flüchtlingskrise und eventuell der neu nomierten Botschafterin liegt, denn selbst wenn alle Termine ausgebucht wären, sollte man normalerweise den vollen Terminkalender sehen können, Absagen kommen ja immer wieder vor. Telefonische Kontaktversuche sind vergeblich, wir haben ein paar offene Fragen und haben im letzten Monat 40 Mal versucht, die Botschaft zu erreichen – außer „Momentan sind alle Leitungen belegt, bitte warten Sie einen Moment, einer unserer Telefonisten hilft Ihnen gerne weiter“ hört man nichts. E-Mailkontakt ist auch vergeblich. Sadaqat ist als alter Optimist immer noch optimistisch, ich als alte Pessimistin sehe unsere Chancen auf ein Wiedersehen in Deutschland dahinschwinden. Aber ihr kennt ja das Sprichwort, wenn der Berg nicht zu Mohammed kommt, dann reist Mohammed eben zum Berg… Pakistan ist bei der Visavergabe erheblich kulanter und hilfsbereiter, als die deutsche Botschaft, aber wen überrascht das?

Sadaqat reiste also zurück nach Pakistan, ich brach einem polnischen Ehepaar auf zur kirgisisch-chinesischen Grenze, einerseits traurig über den Abschied, andererseits euphorisch, das Land der pantomimischen Kommunikation und dem Überwachungsstaat mit dem Land mit der russischen Kommunikationsmöglichkeit zu vertauschen zu können und vielleicht ein leichteres Leben zu haben.

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Das hier meine ich mit „trockene Erosionslandschaft“, ich konnte mich kaum sattsehen und hing die ganze Zeit mit der Nase am Fenster, 150 Kilometer weit.

Der Weg nach Kirgisistan verlief so:

  1. Taxi für 100 Kilometer von Kashgar nach Wuqia das aussieht wie eine Geisterstadt, riesige leere Wohnblocks überall. Aussteigen, durch ein Tor laufen.
  2. Taxi für 2 Kilometer (kostenlos!) bis zur chinesischen Immigration. Erstaunlich, wie gut man sich pantomimisch verständigen kann.
  3. Dort warteten schon 50 Leute bis zu drei Stunden lang, weil es Probleme mit dem Computersystem gab. Nach kurzer Zeit wurden wir in Gruppen nach Ankunftszeit durchgelassen. Wir bekamen die Nachricht „Ihr kommt hier nur durch, wenn auf der anderen Seite ein Taxi mit den erforderlichen Permits für den Fahrer wartet, das euch in Grenznähe bringen kann. In ner halben Stunde machen wir übrigens Mittagspause. Die dauert so 1.5 Stunden.“
  4. Zum Glück kam ein Taxi und wir konnten zur ersten Kontrollstelle, unser Gepäck scannen und den Pass stempeln lassen. Mit ein paar anderen Leuten fuhren wir die nächsten 150 Kilometer durch hügelige trockene Erosionslandschaften zur Grenze. Wir warteten vor einem Tor, um uns herum überall Bauschutt, fuhren hindurch und waren offiziell in Kirgisistan. Okay, zwischendurch gab es noch ein paar Checkposts, aber die sind wir ja mittlerweile gewöhnt
  5. 2 Kilometer weiter hielt unser Wagen an und wir mussten mitten im Nirgendwo aussteigen. Ein Soldat hatte Listen in der Hand und hielt uns auf: „Seid ihr zwei Polen, 1 Deutsche, 1 Japaner, 4 Kirgisen, ein Korenaer?“ „Der Koreaner ist nicht mehr hier, der ist schon vorausgelaufen.“ „Wo ist der Koreaner?“ „Ja, also, hier ist er nirgends mehr.“ Ich hatte wirklich Mitleid mit dem armen verwirrten Soldaten. Fünf Minuten später durften wir dann durch und gingen 300 Meter zu Fuß zu einer Hütte an der Straße. Dort warteten wieder alle 50 Grenzüberquerer auf Taxis zur kirgisischen Immigration.
  6. Ein Bus kam, der Fahrer stieg aus: „Hello guys, who is from Australia?“ Die grimmig aussehende fünfköpfige Rentnerreisegruppe setzte sich mit ihrer jungen Führerin in Bewegung. „Do you still have space for 4 people, to the immigration?“ fragte Aga, die Polin, hoffnungsvoll, denn der Bus hatte fast 20 Plätze. Sie hatten Platz und wir quetschten uns mit unserem Gepäck durch die Reihen.
  7. 5 Minuten später hatten wir die Immigration erreicht, unsere Körpertemperatur wurde gemessen, die Pässe wurden gestempelt und wir organisierten das nächste Taxi.
  8. 200 Kilometer bis Osh lagen vor mir, den beiden Polen, einem 57-jährigen Japaner, dem Fahrer, dessen Ehefrau und dessen Bruder, die er unterwegs noch aufsammelte.
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Das ist noch in China, die süßen kontaktfreudigen Mädels tadschikischer Abstammung wollten unbedingt meine Haare flechten. Danach machten wir noch ein paar Gruppenfotos und das war nach 10 Tagen der erste Moment in China, in dem ich wirklich glücklich war.

Mein erster Eindruck von Kirgisistan war extrem positiv: einfache Grenzformalitäten, englischsprechende Kontrollposten, wunderschöne Landschaft, gewöhnungsbedürftige Musik, lächelnde Menschen… nachdem ich von meinen beiden letzten neuen Ländern (Thailand und China) auf Anhieb nicht sehr begeistert war, erlebte ich hier endlich wieder das Gegenteil. Leider gab es an diesem Tag auch ein paar Ereignisse, die mich meinen ganzen restlichen Reiseplan überdenken und ändern ließen. Ich konnte keinen Schlaf finden, weil meine Gedanken sich im Kreis drehten. Sadaqat, das Visumsdilemma, die Zukunft, wie verdiene ich wieder Geld, wo bin ich im Frühjahr, muss ich nach Pakistan ziehen um mit ihm zusammensein zu können, was mache ich mit meinem toten Laptop, bin ich reisemüde oder habe ich Angst, möchte ich unbedingt beweisen, dass ich etwas kann? Ich besorgte mir Papier und schrieb um Mitternacht alle wirren Gedanken geordnet auf. Dabei kam so etwas heraus wie „Das ist kein Versagen. Man darf seine Pläne ändern. Liegt das nur am Ausfall des Laptops? Drei schlechte Vorzeichen an einem Tag! Ist das eine Warnung?? [Zeile darunter, nachdenklich] Bin ich zu abergläubisch? Warum 5000 Kilometer fahren, wenn da nichts Interessantes ist? Aber das gute Essen in Deutschland! Und Kastanien!“

100 Kilometer vor Osch überfuhr unser Fahrer einen Hund, der vor das Auto sprang. Kurz darauf wurde er von der Polizei wegen zu schnellen Fahrens angehalten, wir mussten zur Polizeistation und er bekam einen Strafzettel. Ich hatte die ganze restliche Fahrt Angst vor einem weiteren Unfall, denn aller guten Dinge sind drei, nicht wahr? Der Unfall kam nicht, wir checkten in ein schnuckeliges winziges Hostel im vierten Stock eines verfallenden Sowjetplattenbaus ein und ich freute mich, endlich wieder unzensiertes Internet benutzen zu können, aber mein Laptop war da anderer Meinung.

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Die Höhenlagen von Kirgisistan wurden von einem frühen Wintereinbruch überrascht und die Arka-Alaj-Berge sind bedeckt von ewigem Eis und ein bisschen Neuschnee.

„No bootable device found. Press any key to continue“. Der nächste Bildschirm zeigte das Boot-Menu, aber: es gab keine Auswahlpunkte. Da war nichts mehr. Neustart und Batteriewechsel halfen nicht weiter. Ich kontaktierte fast weinend meinen Vater mit einem geliehenen Laptop: „Es kann tatsächlich der Virus sein, den du vorher hattest. Oder deine Festplatte hat eine Macke.“ Man könnte die fehlerhaften Sektionen zwar reparieren, aber wie sollte ich das hier in Kirgisistan mit mangelhaften Sprachkenntnissen hinbekommen, und vor allem: wie viele Daten würde ich verlieren? Zum Glück hatte ich alle Bilder im Juni 2015 doppelt in Deutschland gesichert, halbfertige Blogeinträge hatte ich nur 3, Sadaqat hatte einige Fotos aus Pakistan und China auf einem virenverseuchten USB-Stick, aber trotzdem. Ohne funktionstüchtigen Laptop weiterreisen? Das wäre nur der halbe Spaß. Ich beschloss bei meiner nächtlichen Gedankensortieraktion, mein Glück in einem PC-Laden zu versuchen.

Im ersten Laden wollten sie für 30 Dollar Laufwerk C formatieren. Ich flüchtete, denn Daten wollte ich wirklich nicht verlieren. Allerdings gab es einen kleinen Lichtblick: die Nachricht über das Bootmenu erschien nicht mehr, stattdessen zeigte sich nach dem Start ein komplett schwarzer Bildschirm. 3 Versuche später kam sogar die Nachricht „Sorry, hier lief was schief, wir starten neu“ und ich traute meinen Augen kaum. Im zweiten Laden sprachen Alex und Victor sehr gutes Englisch, beinahe besser als ich. Beim Start meines Laptops funktionierte er hier plötzlich wieder einwandfrei. Der Schluckauf war behoben – fragt sich nur, wie lange die gute Phase anhalten wird. Weder ich noch mein technisch recht versierter Vater haben eine Ahnung, was diesen Totalausfall verursacht hat. In weiser Voraussicht habe ich den heutigen Nachmittag damit verbracht, eine Systemabbildsicherung auf meiner neuen externen Festplatte zu machen, um beim nächsten Mal besser gewappnet zu sein.

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Sind sie nicht wunderschön? Die Landschaft hier fand ich sehr beeindruckend, sanfte Hügel mit ein bisschen Gras wurden von tiefen Flusstälern durchschnitten, im Hintergrund erhoben sich majestätisch die Berge, und irgendwo dahinter versteckt sich der Pik Lenin.

Ich habe beschlossen, von Bischkek nach Sankt Petersburg zu fliegen und von dort aus weiterzureisen. Vielleicht ändert sich der Gedanke auch wieder zurück in „Ach was, 5000 Kilometer durch die kasachische Einöde und durchs wilde Russland klingen nach Spaß!“, aber momentan bin ich einfach nur froh, dass der kleine „Ich will jetzt sofort wieder heim“-Gedanke verschwunden ist.

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Dieser Blogeintrag ließ sich endlich wieder flüssig schreiben und ich hatte Spaß dabei! Kein Gekrampfe und kein vergebliches Suchen nach den Worten! Natürlich ist er viel zu lang, normalerweise kürze ich eisern, aber heute habe ich darauf keine Lust. Ich habe die meiste Zeit glücklich vor mich hingegrinst, während ich schrieb und fühlte mich wirklich beflügelt. Ich vergaß sogar, mein schon ausgepacktes Twix, die erste Schokolade seit Monaten, die diesen Namen verdient, zu essen. Vielleicht war das, was mir so oft die Motivation verdarb, das schlechte Internet, das keine anständige Hintergrundmusik erlaubte? Hach, diese Freude über die kleinen Dinge, ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie sehr man sich über Sauerrahm, Himbeeren und Multivitaminsaft freuen kann.

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Tanz über den Gletscher: ein Blick auf den K2

Zum Einstieg in diesen monströsen Blogeintrag habe ich euch ein paar Zitate mitgebracht.

„Zum Glück bist du nicht unsere Mutter, du kannst auch Gepäck tragen“, das ist echt pakistanischer Humor.

„Ich fühle mich, als ob ich die ganze Zeit nichts anderes mache, als über Steine zu tanzen!“ Ich, ziemlich verzweifelt.

„I spit on this glacier before I left it and I swore to myself that I would never come back…“ Sadaqat nach dem halbstündigen  Sandsturm-Abschiedsgruß des Baltorogletschers

„Wohin wollt ihr, zum Concordia-Platz? Sie ist zu dünn, sie wird so sehr frieren“ – tat ich auch, aber alle anderen froren gerade genauso, da hatte der ISI-Mensch nicht recht.

„Wie kannst du denn in dem dünnen Schlafsack schlafen, erfrierst du nicht?“ „Wenn mein Hintern kalt wird, muss ich mich halt auf die andere Seite drehen,“ meinte Basharat und löste damit viel Gelächter aus.

Gespräch zwischen Sadaqat und mir: „Bitte schreib nicht über die Sachen, die du an dem Trek schrecklich fandest. Sonst schaffen wir es nie, mehr Touristen nach Pakistan zu bringen.“ „Ich mache keine Werbung, ich schreibe meine Meinung… aber wenn sie die tollen Fotos sehen, ist ihnen bestimmt egal, wie anstrengend es ist.“

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Die Berge sind hier zwar noch nicht so spektakulär, aber das ist mit Abstand mein Lieblingsfoto vom ganzen Trek. Entstanden ist es am ersten Tag, und dieser kurze Abschnitt über dem Fluss am Hang entlang war mein Lieblingswegstück: interessant, mit Tief- und Weitblicken, keine Stolperfallen.

Einer der berühmtesten Treks der Welt ist der Trek zum K2 Basecamp, mitten ins Herz des Karakorum-Gebirges. Der Trek verläuft so: zuerst muss man irgendwie nach Skardu kommen. Mit dem Bus dauert das für die 200 Kilometer ab Gilgit 7 Stunden, wenn unterwegs die Straße nicht wie so oft gerade durch Regenfälle und spontan entstandene reisende Flüsse zerstört wurde. In Skardu muss man mit seinem vom Ministerium in Islamabad geschickten Permit zu drei verschiedenen anderen Permitstellen gehen: Polizei, übergeordnete Polizei und Militär. Als Ausländer darf man aber keines der Büros betreten, so dass das alles vom Guide organisiert wird. Danach gibt es ein Briefing und man kann endlich los (mit aller Ausrüstung und allem Essen), mindestens 7 Stunden mit dem Jeep nach Askole. Die Strecke ist zwar nur 115 Kilometer lang, aber 70 Kilometer sind ungeteert und teilweise in erbärmlichem Zustand. Von Askole aus geht man zu Fuß. Eigentlich sind die Tagesetappen nur 5-6 Stunden lang, aber wir waren selten unter 10 Stunden unterwegs. Sadaqat und ich machten allerdings alle 1.5 Stunden 10-15 Minuten Pause, eine einstündige Mittagsrast hatten wir auch. Trotzdem. Ich weiß nicht, wie schnell man laufen soll, um in 6 Stunden am Tagesziel anzukommen.

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Die Berge im Hintergrund nähern sich schon dem Concordia-Platz. Ganz leicht kann man auch den Beginn des Baltorogletschers erahnen. Wir sind hier auf dem Weg von Jula nach Pajú, und es dauert noch über eine halbe Stunde, bis wir den grünen Fleck erreicht haben. Dort gibt es riesige Bäume, die letzten auf dem Weg ins Gebirge. Außerdem auch die letzten benutzbaren Toiletten, danach sehen sie aus wie 10 Jahre nicht saubergemacht (könnte hinkommen…). Über den Zustand der Toiletten habe ich mich danach beim Debriefing beim Tourismusministerium beschwert. Kann ja nicht sein, dass wir 50 Euro „Eintritt“ und jedes Mal fast 10 Euro Campinggebühr zahlen und es sanitäre Anlagen über 4000 Meter nur in unzumutbarem Zustand gibt. Größere Gruppen tragen übrigens ihre eigene tragbare Toilette mit, aber dafür hatten wir wirklich keine Kapazitäten frei.

Im Allgemeinen verläuft der Trek so: Askole – Jula (von 3.000 auf etwa 3.100 Meter). Paju (3300 Meter). Khoburtse oder Urdukas (3900 bzw 4050 Meter). Goro 2 (4200 Meter), das erste Camp auf dem Gletscher. Concordia (4500 Meter). Bei Belieben noch bis zum K2 Basecamp (5100 Meter), wenn man Zeit und Lust hat. Die Aussicht von dort auf den K2 soll nicht so schön sein. Früher sind die Treks oft über den Gondogoro La (5400 Meter), einen lawinen- und steinschlaggefährdeten Pass zum Hushe-Tal nach Süden weitergegangen, aber in den letzten zwei Jahren war das nicht möglich. Wir sind bis zum Concordia Platz in 6 Tagen gewandert, leider wegen Zeitmangels (in Islamabad gab es Probleme mit meinem Permit, da ich durch Indien gereist bin) ohne Rasttage. Zum Glück weiß ich, dass ich mich relativ gut an Höhe anpassen kann.

Wir waren sehr spartanisch unterwegs und hatten „nur“ etwa 100 Kilo Gepäck dabei. Essen für vier Personen, zwei Zelte, unsere Kleidung, Schläfsäcke, Kochausrüstung inklusive Schnellkochtopf… das wiegt einiges. Wir hatten 3 Porter: Basharat, einen alten Freund von Sadaqat und ein Maultier samt Maultierführer Elias. Maultiere können nämlich doppelte Lasten tragen und essen Gras oder Trockenfutter, dadurch sparten wir am Essen.

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Wie man sieht was es sehr windig und sehr kalt. Wir waren alle froh über die warme Nudelsuppe.

Niemand von uns trug „richtige“ Wanderkleidung oder gar gute Schuhe. Sadaqat hatte alte Wanderschuhe seines Bruders, deren Sohle sich an einigen Stellen ablöste. Basharat und Elias trugen Plastiksandalen, ich hatte meine alten Trekkingschuhe an. Ich hatte ernsthaft überlegt, mir in Skardu gebrauchte Wanderschuhe zu kaufen, aber die Schuhe mit guten Sohlen waren alle aus Leder und mordsschwer. Ich glaube, meine zarten Füßchen hätten sehr gelitten. Außerdem habe ich mir schon oft den Knöchel umgeknickt und dank meiner viel zu lockeren Bänder ist noch nie was passiert, deshalb machte ich mir da nicht viele Sorgen. Im Nachhinein würde ich aber Schuhe mit einer besseren Sohle empfehlen, in losem Sand oder auf glatten rutschigen Steinen hätte ich damit weniger Probleme gehabt. Außerdem hat der Trek meine Schuhe ziemlich zerfetzt, aber für 50 Cent habe ich sie reparieren lassen, jetzt sind sie wieder voll einsatzfähig.

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Das ist der Blick auf das Pajú-Camp. Ich finde, das Licht wirkt wie aus einem Märchen. ich habe ausnahmsweise etwas an den Einstellungen verändert und „intensive Farben“ ausgewählt, aber genauso sah es auch in Realität aus. Das Foto wurde zu blass.

Das allergrößte Problem für mich war aber, dass ich in einem sehr schlechten Allgemeinzustand startete. Ich hatte den Monat davor vor allem im Bett verbracht: entweder es war viel zu heiß, oder ich hatte eine Erkältung, oder der Zustand meiner Eingeweide war flüssig. Ich besiegte den hartknäckigen Durchfall erst 3 Tage vor Start unserer Reise und dementsprechend winzig waren meine Beinmuskeln geworden. Kaum mehr fühlbar, ich war entsetzt. Wenn man untrainiert losläuft, werden die Muskeln sehr schnell müde und nach zwei Tagen hat man bleischwere Beine, die eigentlich dringend einen Erholungstag bräuchten, aber mit unserem straffen Zeitplan war das nicht möglich. Und so quälte ich mich weiter… ohne Witz, alle anstrengenden Wanderungen meines Lebens waren nichts gegen diese 10 Tage. Sadaqat nahm fast 5 Kilo ab und ich verlor 3 Kilo – obwohl wir regelmäßig und viel aßen. Jeden Morgen standen wir gegen 5 Uhr auf, frühstückten, packten und brachen um 6 Uhr auf. Meistens gegen 17 oder 18 Uhr kamen wir im Camp an. Freizeit, Bücherlesen? Wenn man spätestens um 21 Uhr schon im Zelt liegt und versucht, Schlaf zu finden, wird es knapp. Zum Glück mussten wir nicht selbst kochen, das hat der unermüdliche Basharat unternommen.

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Hier machten wir eine wohlverdiente Rast. Nicht zu lange, wir hatten Angst in die Dunkelheit zu kommen und mit nur einer Stirnlampe wäre es schwierig geworden, den Weg durch das Gletscherlabyrinth kurz vor Urdukas zu finden.

Basharat ist 22, schon seit 2 Jahren verheiratet und hat eine kleine Tochter. Er ist momentan der Alleinverdiener in seiner Familie, sein Vater hat Nierensteine und ist daher zu krank zum Arbeiten. Letztes Jahr ist er 7 Mal als Träger auf dem Weg zum K2 unterwegs gewesen, dieses Jahr war es erst das zweite Mal. Er hat jetzt weniger Zeit, da er auch viel in der Landwirtschaft der Familie mitarbeitet. Basharat konnte bis zur 10. Klasse zur Schule gehen, aber er spricht kein Wort Englisch, nur Balti, Urdu und ein bisschen Arabisch. Für mich war das gut, mein Urdu wurde erheblich flüssiger durch meine paar gestammelten Unterhaltungen mit ihm. Er war außerdem so ein lieber Mensch. Ich sagte ungefähr 50 Mal zu Sada: „You know, Basharat is a REALLY nice guy! I like him a lot“. Basharat war der Allrounder des Treks: Träger, Koch und Helfer bei Allem, beispielsweise Zelt aufbauen, Geschirr spülen, Weg finden, das störrische Maultier zum Laufen bringen…

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Das Maultier, das uns den Hintern zuwendet, ist Maultier Nummer 2. Nummer 1 hatte einen Widrigkeitsanfall auf dem Gletscher kurz vor Urdukas und wollte nicht mehr weiterlaufen. Es habe nicht genug Übung, meinten die Leute, und deshalb bekamen wir ein besser erzogenes. Leider hatte dieses Maultier Angst vor großen Steinen, und so trafen Sadaqat und ich auf das verängstigte Maultier und den verzweifelten Elias. Er hatte alle Lasten abgeladen und den Hügel hochgetragen, aber das Maultier wollte einfach nicht folgen. Außerdem hatte das arme Tier eine Hufverletzung und wurde gerade fast panisch. Elias hatte sogar versucht, ihm eine Treppe zu bauen, aber erfolglos. Sadaqat blieb wie immer ruhig und fand einen anderen, einfacheren Weg für das Tier, im Flussbett, Elias konnte leider nicht so weit um die Ecke denken. Das Ganze dauerte fast eine Stunde, und auf dem Weiterweg trafen wir auf Basharat, der sich schon Sorgen gemacht hatte und uns entgegenkam, um zu helfen.

In den ersten Tagen brannte die Sonne erbarmungslos vom Himmel und wir liefen oft über Sand, es war wie eine Gluthölle. Der Boden war nie eben, denn „hast du etwa einen roten Teppich zum K2 erwartet?“ Nein, aber auch nicht so viel rutschigen Sand und so viele Probleme, meine Füße gut zu setzen. Jeden Tag hatte der Weg andere fiese Überraschungen auf Lager – losen Sand, runde Steine, steile rutschige Hänge, das Ziel ist sichtbar aber kommt nicht näher, vor dem Rastplatz muss man noch einen 100 Meter hohen Steilhang erklimmen, oberschenkeltief durch eisige Flüsse waten (ich wurde von Sadaqat getragen, denn das war echt nicht ohne, an der Stelle sind in den letzten Jahren mindestens 5 Leute ertrunken), einen Gletscher auf Blankeis überqueren, über Blockgelände springen, über Gletscherspältchen springen, etc etc. Ich lernte bald, den Baltorogletscher zu hassen. Erst ging es kilometerweit Hügelchen hoch und wieder hinunter, verfolgt von Fliegen, die sich von Eselscheiße ernähren, nach Wasser und Essen lechzend, immer wieder auf dem losen Sand abrutschend. Später ging es durch ein Labyrinth von Gletscherspalten, dann über weite Schutthügel, auf denen man trotzdem die ganze Zeit seine Füße beobachten musste. Stundenlang nur Steine zu sehen ist sehr langweilig. Nachts konnten wir auf dem Gletscher vor aufsteigender Kälte kaum ein Auge schließen. Auf dem zwei Tage dauernden Rückweg freuten wir uns wie Schneiderlein, endlich den Gletscher verlassen zu können, aber er zeigte uns nochmal sehr deutlich, wer hier die Oberhand hat: in der letzten halben Stunde kämpften wir gegen einen Sandsturm, der so stark war, dass ich nur ein halbes Auge nutzen konnte und bei jedem neuen Schritt zur Seite geweht wurde. Sadaqat meinte hinterher, er habe sich geschworen, nie mehr auf diesen Gletscher zu kommen und habe auf ihn gespuckt. Kann ich gut nachvollziehen.

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If you look closely, you will be able to see the skeleton of a mule in the middle of this apocalyptic picture.

Das klingt jetzt alles schrecklich und ihr würdet so etwas nie machen wollen? Ich habe mir jeden Tag 10 Mal geschworen, nie wieder auf einem Gletscher wandern zu gehen und nie wieder in Pakistan zu wandern, weil das so anstrengend ist. Aber für die Ausblicke und Erlebnisse hat es sich wirklich gelohnt. Schon am ersten Tag fand ich die Berge spektakulär, aber das war erst der Anfang. Ich weiß nicht, ob es irgendwo noch schönere, beeindruckendere Berge gibt. Wenn ich überlegte, dass die besten Bergsteiger der Welt auf genau diesem Weg gewandert waren, wurde ich beinahe ehrfürchtig – und ein bisschen deprimiert, für die war das bestimmt ein Klacks, für mich war es enorm schwierig.

DSCN7855kAbwechslung bot es auch, wenn ich mich als Ärztin betätigen durfte: Pflaster, Medikamente gegen Durchfall, Bauchkrämpfe, Kopfschmerzen und Sodbrennen waren gefragt :) Das stetig wachsende Gewicht meines Medikamentenbeutels lässt darauf schließen, dass ich vielleicht doch ein paar Gene von meiner Mutter, einer Krankenschwester, geerbt habe.

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Auf einem Gletscher zu schlafen ist nicht schön. Nachts steigt eisige Kälte vom Eis unter der dünnen Steinschicht auf, in unserem Zelt hatte es 0 Grad, alles war von Raureif bedeckt und wir wunderten uns, wie professionelle Bergsteiger das bloß machen. Wahrscheinlich haben sie viel bessere Ausrüstung.

Wir trafen auch andere Wandergruppen, aber die waren größer als unsere winzige. Beispielsweise: 2 Italiener, 24 Porter (die hatten auch Stühle und Tisch dabei). Große chinesische Gruppen, die einen Generator dabei hatten. Aber besonders im Gedächtnis blieb uns der alte Japaner, er muss etwa um die 80 gewesen sein. Er war mit 30 Portern unterwegs und ritt auf einem Pferd. Er würde bis zum K2 Camp begleitet werden und insgesamt 22 Tage unterwegs sein. Insgesamt hatten sie 60 Kilo Gemüse dabei. Allein das Pferd kostet 1000 Dollar für die drei Wochen, insgesamt muss er grob geschätzt zwischen 12.000 und 15.000 Dollar bezahlt haben.

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Der K2 um 5 Uhr morgens

Leider war das Ende unseres Treks ziemlich dramatisch. Beim Rückweg machten wir in Pajú Halt und erfuhren dort, das Elias älterer Bruder beim Freiräumen des neuen Erdrutsches auf dem Weg von Skardu nach Askole gestorben war. Er wurde von einem Stein getroffen und fiel den Steilhang hinunter in den reißenden Fluss. Das traurige ist, dass er drei Kinder hat und seine Frau schon vor ein paar Jahren gestorben ist. Da seine und Elias Eltern schon vor vielen Jahren verstorben sind, ist Elias (der übrigens nicht mal die Grundschule besuchen konnte) mit 23 das Familienoberhaupt und muss zusätzlich zu seinen beiden eigenen auch für die 3 Kinder seines älteren Bruders sorgen. Es tat mir schrecklich leid für ihn. Elias hatte kein leichtes Leben, schon mit 13 reiste er alleine durch das halbe Land nach Karachi, um dort in einer Plastikfabrik als Packer Geld zu verdienen. Das Schlimmste für mich aber war, dass wir uns nichts anmerken lassen durften, wir waren noch 1,5 Tagesmärsche von Askole entfernt und eigentlich ist es Aufgabe der Verwandten, solche Hiobsbotschaften zu überbringen. Mir kamen ein paar Mal die Tränen, denn Elias ist ein so fröhlicher und immer gut gelaunter Mensch, auch Sadaqat und Basharat nahm die ganze Geschichte sehr mit.

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Broad Peak und Gasherbrum im frühen Morgenlicht

Außerdem starb das arme Maultierfast an einem Herzanfall. Um Elias möglichst schnell zum Haus seines Bruders zu bringen, sollte der Maulesel auf einen Jeep verladen werden (denn der musste ja ins gleiche Dorf, und Elias war für ihn zuständig und hätte eigentlich mit ihm zu Fuß gehen müssen) – aber das arme Tier hat Angst vor großen Schritten und Erhebungen. Das war nicht unsere Idee, sondern die unseres nominellen Guides. Ohne Guide darf man nicht gehen, also hatten wir einen, der uns nur am Hin- und Rückweg durch die Polizeikontrollen begleitete. Als Sadaqat und ich die Szene erreichten, war das Maultier schon hysterisch. „Oh Gott, es bekommt gleich einen Herzinfarkt,“ meinte ich und sagte ebenfalls leicht hysterisch „You stupid people, do you want to kill it? Let it go!“, es riss sich los und fiel schwer schnaufend zu Boden. Ich kann alle Leser nur davor warnen, mit Maultieren wandern zu gehen, neben der teilweise schlechten Behandlung durch die Menschen leiden sie auch unter den Lasten, die Tragegurte reiben ihre Haut auf und das bloße Fleisch schaut heraus. Das sieht man meistens nicht, da tagsüber die Gurte darüber sind und die Stellen am Unterbauch sind. Es ist scheinbar so, dass die Haut mit der Zeit unempfindlich wird und sie dort keine Schmerzen mehr spüren, aber trotzdem hatte ich kein gutes Gefühl dabei. Leider war mir das vorher nicht klar, manchmal bin ich sehr naiv.

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Hier ist der Erdrutsch. Sieht nicht so schlimm aus? Ich sags euch, das war mit Abstand die gefährlichste Situation des ganzen Treks. Immer wieder rollten kleinere oder größere Steine den Hang hinunter, auch 10 Tage nach dem Erdrutsch war er noch sehr instabil. Wenn dich so ein Stein unglücklich trifft, kann man schnell das Gleichgewicht verlieren.

Wir ließen das Maultier dort alleine zurück, damit es sich erholen kann und fuhren trotzdem los. Eine halbe Stunde später stiegen Basharat, Sada und ich aus, der Jeep fuhr hoch zu dem Dorf unseres Guides und Elias. Der Guide hatte die unangenehme Aufgabe, Elias die schlechte Nachricht zu überbringen.

Einige Zeit später erreichten wir den Erdrutsch. „Oh shit“ sagte Basharat sofort. Ich war verwirrt, denn ich konnte nur Staubfahnen am Berghang sehen – kurz darauf wurde mir klar, warum da so viele Staubfahnen waren: die ganze Zeit rollten kleinere Steine den Hang hinunter, manchmal waren sie aber auch faustgroß oder größer. Das war mit Abstand die gefährlichste Situation des gesamten Treks und wie ihr gelesen habt, ist diese Stelle lebensgefährlich. Wir warteten auf eine kurze Steinpause und sprinteten dann einer nach dem anderen die 50 Meter auf dem schmalen, gefährlichen Pfad, während alle anderen den Hang im Auge hielten. Basharat trug meinen Rucksack und Sada brüllte die ganze Zeit „Schau nach oben, schau nach oben“, als ich an der Reihe war. Ich war ganz zittrig, als ich ich endlich wieder in Sicherheit war.

Der Rückweg war sehr schön, ich genoss es, endlich wieder Bäume und Felder zu sehen. Außerdem waren zu dieser Tageszeit viele Leute draußen unterwegs und ich konnte ungestört einen Einblick in ihren Tagesablauf gewinnen.

Fazit: es war unglaublich hart, aber mit einem besseren Training ist es sicherlich einfacher. Die Ausblicke waren die Mühe aber wert.

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Länderfazit Nepal

***Darauf habt ihr sicherlich alle sehnsüchtig gewartet :-) Eeeendlich wieder ein interessantes *hüstel* Länderfazit. Leider momentan ohne Fotos, China + Internetzensur = %&/§$%&***

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Eine Gebetsmühlenwand auf dem Annapurna-Trek, dazu Gebetsfahnen. Nepal kann extrem malerisch sein.

Tja, was soll ich zu Nepal sagen. Wie ich es fand, konntet ihr ja schon rauslesen. Ich versuchte zwar, mit einer positiven Einstellung durchs Leben zu gehen aber es fiel mir schwer. Nichts was ich mir vornahm klappte so, wie es angedacht war. Außerdem wurde ich böse krank und Dezember 2014 würde ich am liebsten aus meinem Gedächtnis streichen.

Nepal ist ein meiner Meinung nach sehr gehyptes Land – vielleicht liegt das daran, dass viele Leute dort hingehen, die gerne wandern und zum ersten Mal außerhalb von Europa unterwegs sind? Nur eine Theorie. Ich habe sehr wenige Reisende getroffen, die mit Nepal auch nicht richtig warm wurden – und die waren alle vorher in Pakistan. Ich hatte außerdem das Gefühl, dass die Freundlichkeit der Nepalesen manchmal aufgesetzt war und nur dazu diente, mehr an den Touristen zu verdienen.

Natur:
Für so ein kleines Land ist sie extrem vielfältig, es gibt dort alle Klimazonen vom tropischen Tiefland bis hin zum ewigen Eis.

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Patán – leider wurden bei dem schrecklichen Erdbeben in diesem Jahr viele Tempel zerstört

Aufenthaltsdauer:
3 Monate. Viel zu lange. Die meiste Zeit habe ich übrigens mit Warten verbracht: warten dass meine Schwester ankommt, warten auf Vipassana, warten dass ich gesund werde (was nie eintrat, haha)

Highlights

  • Wandern im Annapurna-Gebiet
  • Wandern im Everest-Gebiet
  • Die Annapurna-Gruppe von Gorkha aus im Sonnenaufgang zu beobachten
  • Laugenbrezeln und Buchläden – die Freuden des touristischsten Ortes dieser Welt, Thamel
  • auf dem Dach eines Jeeps mitfahren. So viel Wind um die Nase und so eine tolle Aussicht! Zum Glück saß ich oben, denn auf halber Strecke fiel plötzlich das komplette linke Hinterrad ab, der Jeep neigte sich bedenklich in Richtung Abhang, der nur 20 Zentimeter von uns entfernt war. Alle Dachsitzer sprangen sofort ab, alle anderen Reisenden wären drinnen gefangen gewesen
  • Divali! An diesem hinduistischen Festtag wird um materiellen Wohlstand im nächsten Jahr gebeten. Vor den Türschwellen werden aus buntem Pulver wunderschöne Muster und Blumen gemalt, von dort aus führt eine Spur ins Haus, und es brennen tausende Kerzen. Es war wunderschön und die Atmosphäre war ein bisschen ähnlich wie an Weihnachten.
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Boudha-Stupa in Kathmandu, in der Abenddämmerung ein beeindruckender Ort

Lowlights

  • beinahe alle Busfahrten
  • das Rumgerotze um 5 Uhr morgens, wenn die Nepalesen aufwachen und erst mal ne halbe Stunde lang ihre Kehle reinigen müssen.

Kosten
Ich gab meistens um die 15 USD pro Tag aus, selbst beim Trekken. Thamel, Kathmandus Touristenviertel, verführt allerdings zum Konsum: Laugenbrezeln, importierte sündhaft teure Lindtschokolade, Bücher – man findet dort ales.

Unterwegs als Vegetarier
In Nepal ist das absolut problemlos, Fleischesser werden es schwer haben, etwas Anders als Hühnchen zu finden. Am Besten fand ich Daal Bhat, Reis mit Linsen und Gemüse, dazu Pickle, und meistens so viel man essen kann. Momos waren auch sehr, sehr lecker.

Unterwegs alleine als Frau
Folgende Anekdote wurde mir unter viel Gelächter erzählt: zwei Deutsche, blond, groß, gutaussehend, 18 und 19 Jahre alt machten eine Motorradtour im untouristischen Osten Nepals. Abends klopfte es an ihre Zimmertür, der beinahe zwei Meter große 18-Jährige öffnete. Vor ihm stand ein kleiner Nepalese, der in dem Hotel arbeitet. Er gab ihm einen Zettel, auf dem stand „You me same sex I like“ und fasste ihm in den Schritt. Ganz langsam ging der perplexe Deutsche rückwärts und schloss die Tür.

Als Mann lebt man also unter Umständen nicht ungestört in Nepal. Bei mir war es ganz problemlos und in den Orten in denen ich war, waren die Nepalesen an Touristen gewöhnt, daher wurde ich nicht mal angestarrt.

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Kurz außerhalb von Pokhara ist der öffentliche Wasch- und Badeplatz an einem Abfluss des Sees

Sicherheit:
Die Busfahrten können manchmal ziemlich gefährlich sein im Hinblick auf halsbrecherische Überholaktionen und diebische Mitreisende. Ansonsten habe ich mich immer sehr sicher gefühlt.

Bemerkenswert:
Es werden in Kathmandu und Pokhara alle erdenklichen Abenteueraktivitäten angeboten, unter anderem Canyoning, Paragliding und Bungeejumping. Leider war ich immer genau dann schwer erkältet oder anderweitig außer Gefecht gesetzt, wenn ich mir so eine Aktivität vorgenommen hatte. Vielleicht war das ein Zeichen.

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Das war das tollste Hotel, in dem ich war :) 13 Euro für ein Doppelzimmer in Pokhara, es gab schnelles (woha) Internet und richtig heißes Wasser. Dazu noch die Dachterrasse mit Blick auf den Himalaya und diesen Balkon mit bequemen Sesseln und vielen Topfpflanzen.

Verloren

  • fast alle meine Socken
  • meine Mütze

Besondere Tips:
Kathmandu ist eine Oase der Erholung für alle, die „westliches“ Essen vermissen. Es gibt gute Pizza, Fetakäse, Kuchen und sogar mein absolutes Highlight: Laugenbrezeln! Ich habe fast jeden Tag strahlend welche in der Weizen Bakery gekauft. Einmal bekam ich sie ofenwarm und knusprig, gegen 9 Uhr morgens. Ich war im kulinarischen Himmel – fehlte nur noch gute Butter, aber die gab es leider nicht.

Erkenntnisse:
Ich hasse kalte Duschen, ich hasse schlechtes Internet, ich hasse Stromausfälle und ich hasse Lärm am frühen Morgen. Leider gab es das in Nepal jeden Tag, was es mir recht schwer machte, mit dem Land warm zu werden.

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Das Zensurproblem in China

Liebe Leser,

seit 3 Tagen bin ich in China. Ich dachte, schlimmer als im ländlichen Pakistan kann das Internet nicht sein, leider lag ich da falsch: das „normale“ Internet ist gut, allerdings ist da die Hälfte der Internetseiten gesperrt und ich kann Seiten wie Google (!), Facebook, Picasa oder WordPress nur durch große Schummelei mit Hilfe von Proxyprogrammen oder anonymen Webbrowsern benutzen. Leider ist das Internet dann so langsam wie in Pakistan, und außerdem werde ich teilweise alle 2 Minuten rausgeworfen.

Das macht verständlicherweise überhaupt keinen Spaß und ich habe es noch nicht geschafft, Fotos hochzuladen. Unter anderem von meiner epischen mörderischen Wanderung zum K2-Viewpoint, was auch der Grund ist, weshalb ich im August 2 Wochen lang kein internet hatte. Es wären also tatsächlich mal sehenswerte Fotos…

Ich werde in den nächsten Tagen ein paar Blogartikel schreiben, und hoffentlich werde ich sie auch irgendwie hier veröffentlichen können :)

Bis dann,

Sarah

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Wanderung zum Rakaposhi-Basecamp

***Jetzt habe ich mich extra angestrengt, damit im Juli noch ein Eintrag folgt :) Entschuldigt bitte die lange Pause. Erst habe ich einen Mördertrip wärend des Ramadan nach Islamabad unternommen, um ein Visum für Russland zu organisieren (reist niemals während Ramadan nach Islamabad, dann müsst ihr nämlich unfreiwillig auch fasten, ich habe in 4 Tagen bestimmt 2 Kilo abgenommen), dann habe ich hier Eid gefeiert, dann gab es wie immer weder Strom noch Internet, danach bekam ich eine Erkältung, bin nach Skardu gereist und wollte zum Snowlaketrek aufbrechen, habe das Unternehmen aber im letzten Moment noch gekippt (Sadaqat und ich glauben beide sehr an gute oder schlechte Vorzeichen, und da gab es bei der Vorbereitung viel zu viele schlechte, das hätte vielleicht böse geendet, aber mehr dazu vielleicht ein andermal), dann kamen wir wieder zurück ins Hunzatal und jetzt bin ich wieder krank: schlechtes Wasser getrunken und mei, was wehrt sich mein Körper noch Tage danach! Es ist übelst krass. Aber dieses Mal möchte ich das mit Kohletabletten, viel Knoblauch und Ingwer durchstehen, denn wenn ich zum Arzt gehe, drückt der mir ohne Untersuchung drei verschiedene Antibiotika in die Hand… so ist das eben in Pakistan…***

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Vor über einem Monat bin ich mit meiner Schwester und Jack aus den USA zum Rakaposhi-Basecamp gewandert. Um in das Basecamp zu gelangen, muss man auf einer Strecke von nicht einmal 10 Kilometern 1500 Höhenmeter aufsteigen, über die Sommerweiden der Bewohner von Minapin, meist in der glühenden Sonne. Wir bedeckten unsere Köpfe mit nassen Hals- und Handtüchern, aber trotzdem waren wir total platt in der Hitze. Die fünfstündige Tortur wird aber mit einem gigantischen Ausblick über ein Gletscherbecken belohnt. Man kann auch sagen, wir haben den Feenpalast von Nahem gesehen. Feenpalast? Was?

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Hier im Hunzatal glauben die Menschen, dass in den Bergen Feen leben. Wie sonst lässt es sich erklären, dass in unzugänglichen hochgelegenen Gebieten gesponnene Ibexwolle gefunden wurde? Die Feen sind weiblich, es gibt gute und böse Feen. Man sollte nicht in den Bergen „ein Schäferstündchen“ haben, da man sie sonst verärgert. Außerdem können sie sich in die Menschen verlieben, wenn sie sie nackt sehen, und dann verlassen sie sie nie mehr. Die Legenden und die auch heute noch existierenden, überraschenderweise oft weiblichen Schamanen erzählen, dass der 7788 Meter hohe Rakaposhi der Palast dieser Feen sei.

Begleitet wurden Carolin und ich von Jack, dem ersten US-Amerikaner, den ich bisher in Pakistan getroffen habe. An einer Hirtenhütte hinterliesen wir mit Holzkohle auf einem Stein „USA Zindagi“, lang leben die USA, änderten es dann aber kichernd doch wieder um in „Pakistan zindagi, Down with USA“, um den lokalen Gebräuchen besser zu entsprechen.“Down with USA“ findet man hier als Graffiti in jedem kleinen Dörfchen. Es gibt übrigens auch den „Solidarität mit Palästina“-Tag, an dem erscheinen plötzlich noch viel mehr „Crush Israel“ und „USA are dogs“ Kritzeleien auf den Straßen.

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Als wir unser Ziel erreichten bauten wir als erstes unsere Zelte auf und dann unsere eigene Brücke aus Steinen über den Fluss, der sich über die Hochweide schlängelte. Später kochten wir über einem kleine Lagerfeuer aus zusammengesammelten Holzstückchen Spaghetti mit Zwiebelwürfeln und Tomatenstückchen. Salzlos, da niemand an Salz gedacht hatte… wir waren so hungrig, dass wir es trotzdem verschlungen haben.

Immer wieder hörten wir das Donnern abgehender Lawinen, selbst in der Nacht war der Berg noch in Bewegung. Jack, der ein paar Jahre in Alaska gelebt hatte und dort als Bergführer Bergsteiger auf den Denali begleitet hatte, war auch geplättet von den Außmaßen des Berges, der schieren Unersteigbarkeit und der Lawinenhäufigkeit. Die eigentliche Besteigungsroute kommt von der anderen Seite her.

Mitten in der Nacht wachte ich auf, weil Carolin herumraschelte. Sie musste mal für kleine Mädchen… ich richtete mich auf, um nach Ohropax zu suchen, als ich draußen einen kurzen Blitz wahrnahm. Schon wieder ein Gewitter? Nein, der Himmel war sternenklar. Kurz darauf kam Carolin zurück und erzählte, dass sie eine riesige Sternschnuppe gesehen habe, die in einem grünen Blitz explodiert sei. Das war übrigens hinter mir, die Leuchtkraft muss enorm gewesen sein. Auch für dieses Phänomen gibt es im Hunzatal eine Erklärung: Sternschnuppen sind die Spuren der Schattenfrau, die über den Nachthimmel reist, um von einem Berggipfel zum nächsten zu kommen. Man sollte sich aber dabei nicht draußen aufhalten, da sie sich mit Vorliebe von Menschenfleisch ernährt.

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Am nächsten Morgen kletterten wir auf die Seitenmoräne, um das Gletscherpanorama zu genießen. Als ich als letzte wieder zurückkam, erzählten mir die anderen, dass eine Kuh in Jacks Zelt auf dem Schlafsack herumgekaut hatte – der war jetzt zum Trocknen in die Sonne gelegt – und sich an unseren Chappatti genüsslich getan hatte. Die Chappatti mochten wir zwar alle nicht so gerne, weil sie staubtrocken waren, aber die feuchte Tüte voller Kuhspucke machte das nicht besser. Leider war unsere Wahl sehr eingeschränkt, als einzige Alternative hätte es pakistanische Schokolade mit künstlichem Schokoladengeschmack gegeben. Wir hatten am Vortag scherzhaft einstimmig erklärt, lieber zuerst eine Kuh zu erlegen, bevor wir die Schokolade nochmal essen. Deshalb kam es zu einem persönlichen Tiefpunkt meiner Ernährungsgeschichte: Fladenbrot mit Kuhspucke. Geschmacklich änderte das nichts und staubtrocken waren sie immer noch.

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Der Rückweg nach Minapin zog sich ziemlich hin und wieder vergingen wir fast in der Hitze, wurden dann aber im Diran Guesthouse mit Mittagessen und einem Teller frischgepflückter Kirschen verwöhnt. Der liebenswürdige Besitzer erzählte mir noch einige alte Legenden wie beispielsweise die von der Schattenfrau und ich lauschte gebannt. Ich liebe Märchen und ein paar Tage später traf ich sogar noch den Mann, der im Hunzatal versucht, die alten Sagen und Legenden aufzuschreiben, damit sie nicht verloren gehen. Er hat mir eine sehr lange alte Geschichte erzählt, vielleicht schreibe ich die irgendwann hier in meinen Blog.

Wir entschieden uns gegen die Abholung durch einen Fahrer und versuchten unser Glück per Anhalter. Leider kam auf den vier Kilometern bis zum Karakorum Highway kein Auto vorbei, so dass wir die ganze Strecke zu Fuß gingen. Dort hielt dann relativ schnell ein kleiner vollbepackter Reisebus an, die einzigen noch verfügbaren Plätze waren auf dem Dach auf dem Gepäck. Das war mein persönliches Highlight des Tages, ich liebe es, auf dem Dach zu fahren: viel interessanter, mehr Nervenkitzel, bessere Aussicht, mehr Interaktion mit den Menschen am Straßenrand. Nervenkitzel gab es hier vor allem durch die steinschlaggefährdeten Steilhänge und die vielen Kurven. Ich war schon einmal im Annapurnagebiet auf dem Dach eines Jeeps mitgefahren und würde es immer wieder tun: 20 Zentimeter vom Abgrund entfernt löste sich nämlich das komplette Hinterrad, alle Dachfahrer sprangen sofort ab, alle drinnen waren gefangen… das hat mich nachdenklich gemacht.

Carolin hatte danach den stärksten Muskelkater in den letzten 10 Jahren, auch bei mir machten sich die Oberschenkel bemerkbar. Aber ihre Muskeln sind Radfahrmuskeln, meine eher Wandermuskeln und halb so stark nur wie ihre – das half, ich erholte mich schneller. Außerdem hatte sie auf dem Rückweg den schwereren Rucksack getragen, vielleicht spielte das auch eine Rolle.

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Zur Realität als alleinreisende Frau: Interview mit mir selbst

***Manchmal denke ich, dass ich verflucht bin. So schlechtes Internetkarma hatte ich noch nie. Die meiste Zeit gibt es hier keinen Strom, dann kommt er für einen Tag, dabei geht wieder etwas kaputt (Umspannstelle fackelt ab, Wasserkanal zerbröckelt, etc) und dann gibt es wieder zwei Tage keinen. Wenn ich wohingehe, wo das Internet funktionieren sollte, klappt das natürlich auch nicht, weil gerade das Glasfaserkabel gebrochen ist. Verflucht, ich sags euch. Der einzige Vorteil ist, dass man sich wie vor 15 Jahren mit anderen Touristen bei Kerzenschein unterhält und niemand den ganzen Tag den Kopf hinter dem Smartphone stecken hat. Aber zum Thema.***

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Eine Weltreise.
Alleine.
Als Frau.

Das ist für viele Menschen total unverständlich. Die Welt ist gefährlich, alleine zu reisen ist superschwierig und langweilig, als Frau alleine unterwegs wird man alle fünf Meter begrapscht. Weiß doch jeder.

Die am meisten gesagten Sätze zu meiner Reise neben „Was, in DEN Ländern warst du?“ „Woah krass ich habe noch nie jemanden getroffen, der so lange unterwegs ist“ sind „Du reist alleine?!?“ „Hast du nie Probleme damit?“ „Aber das ist doch total gefährlich!“ „Du bist ein bisschen verrückt“und „Ich finde das wirklich mutig.“ (Deshalb halte ich mich meistens sehr bedeckt und rücke nur mit der Wahrheit heraus, wenn man mich explizit danach fragt.)

Da ich niemanden habe, der mich interviewen könnte – das ewige Los der Alleinreisenden – führe ich in diesem Eintrag ein sehr langes Interview mit mir selbst, das häufig gestellte Fragen vor allem zur Realität als alleinreisende Frau abdeckt.

Man könnte sagen, dass du besonders mutig bist, findest du nicht? Ich meine, so eine lange Reise und alleine und als Frau, und überhaupt – da braucht man doch viel Mut und Selbstbewusstsein.
Mutig? Ich habe wie schon mal erwähnt Angst vor dem  Monster unter dem Bett, Angst vor dem Wesen hinter mir im Spiegel und geradezu panische Angst vor der Dunkelheit. Meine Fantasie ist einfach zu lebhaft und ich habe zu viele Horrorfilme gesehen.

Ich würde eher sagen, dass ich an das Gute in den Menschen glaube – und daran, dass ich immer Glück habe. Ich habe so viele Menschen getroffen, und in 99 % der Fälle hatte ich sehr positive Erlebnisse mit ihnen. Außerdem scheine ich oft die besten Eigenschaften in Menschen herauszukitzeln, manchmal fühle ich mich so, als hätte ich magische Fähigkeiten. Oder vielleicht sind die Menschen einfach von Natur aus alle nett. Ich weiß es nicht.

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Wie hat sich deine Einstellung zu deinem Bauchgefühl verändert? Anfangs warst du ja eher ein rationaler Kopfmensch.
Ich habe gelernt, mein Bauchgefühl besser wahrzunehmen und ihm mehr zu vertrauen. Ganz oft gab es nämlich Situationen, wie sie bestimmt jeder kennt, wo man sich sagt „Halt, tu das nicht, das ist eine doofe Idee“, dann denkt „Ach Quatsch, was soll denn da schief gehen“ – und prompt geht es schief. Mittlerweile denke ich mir in solchen Situationen „Moment, das könnte stimmen. Lieber vorsichtiger sein.“

Um noch mal auf das Selbstbewusstsein zurückzukommen – wie hat sich das entwickelt?
Definitiv positiv! Ich traue mir jetzt viel mehr zu als am Anfang und ich wirke glaube ich ziemlich selbstbewusst. Vor allem bei Unterhaltungen mit anderen bin ich besser geworden. Eigentlich bin ich nämlich eher zurückhaltend, ziemlich schüchtern, introvertiert und schweigsam. Das würden viele nicht denken, die mich getroffen haben.

Ich finde es wichtig, sich manchmal imaginär selbst auf die Schulter zu klopfen – das tut nämlich niemand für einen, wenn man alleine unterwegs ist. Und um sich selbst zu loben hat man einigen Grund.

Wurdest du auf deiner Reise diskriminiert?
Ich denke, jeder Reisende wird diskriminiert – wir sehen in den meisten Ländern anders aus als die Einheimischen, stechen aus der Menge heraus und haben eine Sonderrolle. Es kann sein, dass wir den fünffachen Preis für eine Sehenswürdigkeit bezahlen müssen denn automatisch wird angenommen, dass jeder Ausländer reich ist. Es kann sein, dass wir angesprochen werden mit „Mein Bruder möchte eine Wohnung in Polen kaufen und es ist so schwierig, kannst du ihm bitte helfen?“. Es kann auch sein, dass jeder ein Foto mit uns machen möchte oder uns zu sich nach Hause einlädt. An all das habe ich mich gewöhnt.

Nicht gewöhnen kann ich mich hingegen an negative Diskriminierung weil ich eine Frau bin. In Pakistan habe ich einmal stundenlang vor Wut geweint, weil ich indirekt als Prostituierte bezeichnet wurde: „Aber du kannst doch nicht in der Lobby mit deinem Computer sitzen und das Internet benutzen! Wir sind hier die islamische Republik Pakistan! Das irritiert die Männer.“ Wäre ich ein bärtiger breitschultriger Mann, wäre das nie passiert.

Mich macht es wütend, wenn ich anders behandelt werde, nur weil ich (pardon) keinen Penis habe. Für mich macht es nämlich überhaupt keinen Unterschied – in vielen Ländern ist das aber anders. In den meisten Ländern der Welt haben Frauen und Männer sehr unterschiedliche, geschlechterspezifische Rollen – und in den meisten Ländern der Welt erfahren Frauen Diskriminierung. Es ist in sehr vielen Ländern nicht normal, dass Frauen alleine verreisen, und deshalb wird man oft angestarrt oder heimlich bewundert.

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Vor allem in muslimischen Ländern? Das stelle ich mir besonders schwierig vor als Frau.
Es ist in manchen Ländern wie beispielsweise Iran (Kleiderregelung), Pakistan (konservatives Land mit klar unterschiedenen Geschlechterrollen, auch wenn man als Tourist das neutrale dritte Geschlecht ist) tatsächlich so, dass man als Frau sehr anders behandelt wird. Nicht unbedingt schlechter, ich wurde dort meistens sehr respektvoll behandelt.

Ich habe trotzdem oft eine unnahbare Aura – sich nicht tief in Gespräche verwickeln lassen, bloß nicht in die Augen schauen, nicht zu viel Lächeln. Außerdem konservativ kleiden, und schon hat man gefühlte 80 % weniger seltsame Erlebnisse. Vor allem das „Nicht in die Augen schauen“ ist ein ganz heißer Tip für alle Länder.
Auch als Mann gibt es in diesen konservativeren Ländern viele ungeschriebene Verhaltensregeln – beispielsweise sollte man nie die Hände mit Frauen schütteln, oder sie zu sehr anstarren oder gar fotografieren.

Leider haben viele Leute eine ganz falsche Vorstellung von der Sexualmoral allein reisender westlicher Frauen.

Weil sie denken, dass eine alleinreisende Frau Freiwild ist?
Ja, so ungefähr. Ich hatte einmal ein sehr aufschlussreiches Gespräch mit einem jungen Deutschen in Pakistan. Er sagte, dass er folgende Fragen von jungen pakistanischen Couchsurfern gestellt bekam: „Stimmt es, dass du in Deutschland einfach eine beliebige Frau auf der Straße ansprechen und nach Sex fragen kannst und sie dann ja sagt?“ „Stimmt es, dass in Deutschland alle Lehrer mit ihren Schülerinnen schlafen?“ „Wieso denkt ihr denn so was?“ „Ich hab da mal so einen Film gesehen…“ Das war dann wohl ein „english movie. You know, THIS kind of english movie“, wie die pubertären Jungs früher in Pakistan zum Videoshopbesitzer sagten.

Mir werden solche Hintergrundfragen nie gestellt. Mich fragen die Leute eher „Schläfst du alleine? Kann ich dich heute Nacht besuchen kommen?“ oder „you… me… sex?“. Haha, kleiner Scherz, das ist mir bisher erst drei oder vier Mal passiert und meine Reaktion schwankte zwischen auslachen, entsetzt anstarren und wütend beschimpfen.

Wurdest du schon sexuell belästigt? Vor allem in Indien, wie war es da?
Das kommt darauf an, wie eng man das definiert. Ist es schon Belästigung, wenn man gefragt wird „Heh Prinzessin, möchtest du einen Kaffee mit mir trinken?“, wenn einem hinterhergepfiffen wird, oder erst wenn man tatsächlich begrapscht wurde? Das kann einem in jedem Land passieren. Beispielsweise in Südfrankreich wurde ich oft seltsam angelabert.

Hinterherpfeifen war übrigens in Lateinamerika extrem nervig, vor allem in Nicaragua. Je nach Stimmung habe ich das als Kompliment gesehen und vor mich hingegrinst, oder ich habe meine schlimmsten Schimpfworte ausgepackt.

Ich wurde auf meiner Reise nur in Mexiko in der U-Bahn und im Iran auf offener Straße (sogar zwei Mal) begrapscht. Überhaupt, der Iran… dort wurde ich auch von einem jungen Mann verfolgt (lange Geschichte. Aber als ich mich umdrehte und ihm mit grimmigem Gesichtsausdruck entgegen ging, ergriff er die Flucht), von einem Mann auf einem Motorrad durch ein Altstadtlabyrinth verfolgt (sehr gruselig) und am hellichten Morgen von einem anderen nach Sex gefragt. Das alles hatte ich nicht erwartet. In meinen vier Wochen in Indien war ich hingegen extrem positiv überrascht, denn die Vorhersage „Das ist da normal, alle fünf Minuten wirst du eine Hand auf deinem Hintern haben“ ist nie eingetreten. Überhaupt, ich hatte dort keinerlei negative Erfahrungen – allerdings hielt ich mich dort eher in Touristenzentren auf und habe Menschenmengen gemieden.

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Wie reagiert man in so einem Fall?
Erst mal – niemand hat das Recht, mich gegen meinen Willen zu berühren. Zufällige Berührungen gibt es selten, selbst im größten Getümmel, wenn plötzlich eine Hand auf eurem Hintern landet ist das meistens Absicht. Schreien, Hinterherrennen, schlimme Schimpfworte verwenden und Schlagen ist für mich in dem Fall erlaubt. Wieso sollen solche Idioten durch eingeschüchtertes oder beschämtes Verhalten noch ermutigt werden? Je wütender die Reaktion ist, desto besser, finde ich zumindest. Ich werde bei solchen Erlebnissen so aggressiv, dass es für mich auch die natürlichste Reaktion ist. Ich tue alles, um viel Aufmerksamkeit zu erregen und den Mann „das Gesicht verlieren“ zu lassen.

Danach zittere ich meistens eine halbe Stunde vor Adrenalinüberschuss, schäume noch zwei Stunden lang wütend vor mich hin und überlege mir den ganzen Tag lang, wie ich besser hätte reagieren können. Mehr auf die Nase zielen, nehme ich mir jedes Mal vor.

Als alleinreisende Frau hat man nicht die gleichen Freiheiten wie als Mann und muss besondere Vorsichtsmaßnahmen ergreifen – was denkst du darüber?
Das hängt immer von der inneren Einstellung ab – was traut man sich, was traut man sich nicht? Es gibt Reiseblogs, die sich speziell an alleinreisende Frauen richten. Dort werden dann Tips gegeben wie: habe immer ein Pfefferspray dabei, gehe abends nicht alleine vor die Türe, sage im Hotel Bescheid wohin du gehst, lass dir immer ein Taxi rufen. Ich mache das alles nicht. Ich benutze meinen gesunden Menschenverstand und meide beispielsweise dunkle einsame Gassen. Außerdem bin ich aufmerksamer, wenn ich draußen unterwegs bin. Ich nehme besser wahr, was hinter mir passiert. Manchmal bleibe ich auch stehen und lasse Leute vorbeigehen, weil sie mir komisch vorkamen. Ich hoffe, dass auch Männer aufmerksam sind, wenn sie durch die Straßen laufen und nicht durch dunkle einsame Gassen gehen – würde zumindest ich so macher.

Leider ist es aber so tatsächlich so, dass ich mich manche Dinge nicht traue. Christian beispielsweise reiste per Anhalter durch halb Südamerika, zum Schlafen fragte er öfter an der Polizeistation an, oder er schlief auch mal bei einem Nationalparkranger auf dem Sofa. Ich würde mich das nicht trauen. Per Anhalter schon, aber nicht mitten im Nirgendwo bei dem Nationalparkranger auf dem Sofa zu schlafen.

IMG_8403Was ist dein Reisemotto?
„Wenn du furchtlos bist, kann dir nichts passieren“, sagte einmal ein weiser Mensch zu mir. Ich finde, das stimmt zu einem großen Teil. Wenn man keine Furcht ausstrahlt, schreckt man viele potentielle Diebe oder andere Übeltäter ab.

Was würdest du anderen Reisenden raten, die sich noch unschlüssig sind, ob sie aufbrechen sollen?
Wenn du reisen möchtest, dann tu es jetzt, du weißt nie, was in 6 Monaten sein wird. Es gibt nicht zu wenig Geld, es gibt nur einen unangepassten Reisestil. Es ist nie zu spät zum Reisen – meine älteste Hostelbekanntschaft war 78 Jahre alt. Mache keinen minutiösen Plan, sondern lasse die Dinge fließen.

Wie siehst du deine Zukunft?
Manchmal glaube ich, dass ich eine ewige Reisende sein werde und manchmal packt mich doch die Sehnsucht nach einer Heimat und Familie. Ich bin unentschieden. Aber da ich in meinem Leben noch nie versucht habe, meine Zukunft zu planen – das hat sich als aussichtslos erwiesen, es gibt zu viele Zufälle – lasse ich das einfach auf mich zukommen.

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Der stümperhafte Diebstahl, oder: wie blöd kann man sein?

Frage 1)
Stellt euch vor, ihr findet an einem Seeufer in Pakistan eine Handtasche auf dem Boden liegend und wollt den See mit einem Boot überqueren. Wie verhaltet ihr euch?
a) Liegen lassen, der Eigentümer ist bestimmt schon auf der Suche
b) Der omnipräsenten Polizei übergeben
c) Mitnehmen natürlich! Vielleicht ist was Gutes drin

Frage 2)
Falls ihr bei Frage 1 die Möglichkeit c) gewählt habt, was macht ihr dann auf dem Boot damit?
a) Taschenmesser verstecken, Wertsachen in die Unterwäsche, Tasche beschweren und über Bord werfen
b) Ich bin kein Dieb und hier verlässt mich die Kreativität
c) Hoffen, dass niemand etwas bemerkt und sich über den gelungenen Fang freuen

Frage 3)
Wenn ihr einen kleinen Ausflug macht, was nehmt ihr dann mit?
a) Foto, was zum Essen, ein bisschen Kleingeld
b) Ich brauche nie etwas
c) Taschenmesser (ist immer nützlich), Geldbeutel mit 60 Euro und Kreditkarte (Ausräumen vergessen)

Wie ihr wohl schon bemerkt habt, spricht die Antwortmöglichkeit c) jeweils nicht für die Intelligenz des Handelnden. Anders ausgedrückt: Wie blöd kann man sein?

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Irgendjemand auf dem Boot war der Übeltäter. Gelegenheit macht Diebe…

Leider wiegte ich mich nach so vielen Monaten ohne jegliches Diebstahlproblem zu sehr in Sicherheit und so kam es, dass ich irgendwie – ich kann mir immer noch nicht erklären, wie genau – meine Handtasche verlor. Sofort standen 20 interessierte Männer um uns herum und diskutierten eifrig mit – hatten sie die Tasche an mir gesehen? Wieso war ich so verwirrt? Wo genau war sie, als sie das letzte Mal gesehen wurde? Wir liefen suchend im Kreis und stellten für uns fest, dass ich sie noch hatte, als ich vom Motorrad abstieg, dann mitnahm um Fotos zu machen und dort vermutlich irgendwie verlor. Caro reagierte mit „Ach so ne typische Sarah-Aktion mal wieder…“ und einem Schulterzucken, Sadaqat war wie immer ruhig und gelassen, sein Schwager war ebenfalls ganz cool und ich war auch erstaunlich ruhig. Etwas schockiert, relativ traurig über den Verlust, verwirrt weil ich mir nicht erklären konnte, wie das überhaupt passiert war. Zu Sadas Überraschung kamen mir nicht mal die Tränen, später gratulierte er mir dazu – ich antwortete, dass ich schon so viele Dinge verloren habe, dass ich damit mittlerweile ganz gut umgehen kann. Für mich war klar, dass die Tasche nie mehr auftaucht, denn dort liefen zum Zeitpunkt des Verschwindens über 100 Leute herum und jeder hätte sie nehmen können.

Da in Pakistan überall Polizisten zu finden sind, manchmal übrigens mit einem T-Shirt, auf dem hinten einfach „Police“ und zwei gekreuzte Pistolen aufgedruckt sind, war Hilfe nicht weit. Sie funkten quer über den See, dass man doch bitte die Boote stoppen und durchsuchen solle. Weiter wollten sie uns aber nicht wirklich helfen, sie gaben uns trotz mehrmaligen Nachfragens kein Papier, um unsere Beschwerde und den Inhalt der Tasche aufzuschreiben.

Also fuhren wir im Nieselregen los, um in einer anderen Polizeistation einen Anzeige zu erstatten. Auf halbem Weg, inmitten einer Kulisse von 4000 Meter hohen Schutthaufen – etwas anderes sind Pakistans Berge oft nicht – hatten wir Handyempfang. Sada rief seine „Freunde“ vom Geheimdienst an, damit sie sich auch noch darum kümmern. Wie ihr wisst, steht man als Ausländer in Pakistan immer unter der Beobachtung von mehreren Geheimdiensten. In diesem Fall waren sie zum ersten Mal richtig nützlich. Sie machten den Polizisten am See Dampf und eine halbe Stunde später bekamen wir die Information, dass die Tasche aufgetaucht war und „bald“ zu mir gebracht wird. So eine Schnelligkeit und Service überraschte mich extrem positiv, aber hier ist nicht alles Gold, was glänzt: die Tasche brauchte 24 Stunden für die 20 Kilometer. Das führte dazu, dass wir abends das Vorhängeschloss vor meiner Türe aufsägen mussten, da der Schlüssel dazu natürlich in der Tasche war. Außerdem ist das Taschenmesser verschollen, wahrscheinlich freut sich darüber jetzt ein Polizist. Aber na ja, ich wollte schon immer mal so ein richtig großes Springmesser. Zum Apfelschälen und so. Das lässt sich in Pakistan sicherlich finden, hier gibt es jegliche Art von Waffen. Meine Schwester Laura meinte dazu „oh, die sind aber verboten, das kannst du bestimmt nicht nach Deutschland bringen“ – mal gucken, wie weit ich damit komme :) Wahrscheinlich verliere ich auch das unterwegs irgendwo.

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Kurz danach muss mir die Handtasche abhanden gekommen sein… ich habe immer noch keine Ahnung, wie… aber hey, habt ihr schon mein neues Kleid gesehen? Hier gibt es so wunderschöne Stoffe zu kaufen. Kostenpunkt hier waren 11 Euro für den Stoff und 3,50 fürs Nähen. Die Armel musste ich zwar gleich selbst noch reparieren und säumen, aber bei dem Preis beschwere ich mich nicht…

Zudem hatte ich sofort meine Kreditkarte sperren lassen und mein armer Vater hatte viel Arbeit damit, denn ich hatte weder Strom noch Internet noch einen guten Telefonzugang, so dass er alles Organisatorische übernahm. Ich konnte ein paar Tage später mit ihm skypen und zum Glück sieht er die Situation wie vieles im Leben sehr gelassen und meinte, dass ich alles richtig gemacht habe und er das genauso gemacht hätte (bis auf die Tatsache, dass ich die Kreditkarte mitnahm, aber aus Fehlern lernt man schließlich).

Und was haben wir aus dieser Geschichte gelernt?

  • Leg dich bloß nicht mit Ausländern an, wenn du Pakistani bist
  • Man nimmt nur das Notwendigste mit, wenn man das Haus verlässt
  • Der Geheimdienst ist manchmal ganz praktisch
  • Manchmal erlebt man große Überraschungen
  • Kostenlose Kreditkarten sind von Nachteil, wenn man sie sperren hat lassen – die werden nämlich nicht weltweit innerhalb von 4 Tagen zugesandt
  • Man hat großes Glück, wenn man so ein Dilemma mit einem Anruf beim Vater erledigen kann und er die ganze Kleinarbeit übernimmt…
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Wieder unterwegs

Diesen Eintrag habe ich lange vor mir hergeschoben. Ich hänge mit dem Schreiben sehr hinterher. Das Länderfazit von Nepal ist fast ein halbes Jahr überfällig, ich bin mit nichts was ich schreibe richtig zufrieden, außerdem ist dieser hier der 100. Blogpost und sollte EIGENTLICH etwas Besonderes sein… und zudem bin ich gerade mit meiner Schwester in Pakistan und meistens gibt es entweder kein Internet (Leitung hinüber), keinen Strom (Stromausfall oder Leitung hinüber) oder beides zusammen nicht. Und wenn es doch mal Internet gibt, ist es langsamer als 2005 aufm Dorf in Deutschland. Außerdem verbringe ich meine Zeit momentan lieber mit anderen Dingen als mit meinem schwächelnden Laptop – nach tausenden Malen Auf- und Zuklappen flackert der Bildschirm, und nächstes Mal gönne ich mir mehr Arbeitsspeicher, damit er sich nicht die ganze Zeit aufhängt.

Also. Ihr habt es schon herausgelesen: mir geht es gut und ich bin wieder unterwegs! Meine Leber hat sich unglaublich schnell vollständig wieder erholt, die ist ein wirkliches Wunderorgan. Wie das nächste halbe Jahr verlaufen wird, weiß ich noch nicht so genau. Ich möchte wie schon öfter erwähnt durch China (Visum vorhanden), die Mongolei (visafrei) und Russland (Visum etwas komplizierter aber ich bin gerade optimistisch) zurück nach Europa reisen. In den nächsten zwei Monaten bin ich in Pakistan, verbessere mein Urdu, ärgere mich über die Ungleichbehandlung von Frauen und plane ein paar sehr anstrengende Trekkingtouren.

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Auch beim Fossiliensuchen hilft es, wenn man die Sache andersherum angeht und den riesigen Felsbrocken einfach umdreht :) Was ihr hier seht ist das Resultat stundenlangen Steineklopfens. Leider ginges nicht mehr kleiner, da das Fossil drohte, zu zerspringen. Also ließen wir ihn zurück, für andere glückliche Finder.

Die letzten beiden Monate waren etwas turbulenter. Wie ihr wisst war ich zum Erholen in Deutschland. Deutschland war seltsam. Als ich völlig übermüdet nach 2 durchwachten Nächten wieder ankam, war DAS Gesprächsthema in unserem Dorf das Toilettenhäuschen, das für die den Friedhof besuchenden Omis im Nachbardorf gebaut werden sollte und 120.000€ kosten könnte. Ich verstand nicht, wie man über so etwas überhaupt diskutieren konnte. Nach Monaten, in denen ich in Gegenden war, wo die Menschen den Ziegenstall oder die Wiese hinter dem Haus als Toilette benutzen, war ich mit First World Problems total überfordert.

Den nächsten Kulturschock bekam ich zwei Tage später, als ich mit meiner Mutter in unserer Kleinstadt neue T-Shirts für mich kaufen wollte. Meine Schwestern hatten während meiner Abwesenheit meinen Kleiderschrank geplündert, Schuhe brauchte ich auch, denn mein einziges Paar gute Ballerinas war schon ein halbes Jahr lang reif für den Müll, nachdem ich tausende Kilometer mit ihnen zu Fuß gegangen war. Der Überfluss in den Geschäften, die riesige Auswahl und auch die unpraktische Mode (XXL-Oberteile in transparent??) machten mich fertig.

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Man nehme 6 erwachsene Menschen, einen Kasten Lego und viel Nostalgie… „Aber so sah das nicht aus! Wir haben das anders gemacht früher! Wie konnten wir das nur vergessen?“ – leider waren unsere baulichen Fähigkeiten nicht mehr so gut wie früher. Früher hatte unser Hochhaus 5 Stockwerke, jetzt reichte es nur noch zu 4.

Ich genoss es sehr, all das Essen wieder essen zu können, das ich schwer vermisst hatte. Da ich mich immer sehr ausgewogen ernähre *äheem* standen jeden Tag ein halbes Kilo selbstgemachtes Himbeereis, ein halbes Kilo Erdbeeren, viel Brot, viel viel Butter und Fetakäse auf dem Speiseplan. Da ich ziemlich ausgezehrt war („Waah bist du knochig!“ rief jeder entsetzt, der mich umarmte) hatte ich da keinerlei Skrupel und mein Gewicht stieg tatsächlich erst nach 3 Wochen wieder leicht an.

Besonders freute es mich auch, endlich ungeniert Badisch reden zu können. Ich kann einfach kein Hochdeutsch. In badischen Maßstäben rede ich zwar sehr moderaten Dialekt, aber im Kontakt mit anderen deutschsprachigen Reisenden fühlte ich mich immer wie ein Bauerntrampel: „Woher kommst du?“ „Ich komm aus Baade-Wüaddebeaag.“ „Ah ja, das hört man.“

Außerdem war es schön, mich mal wieder zu schminken. Beim Reisen schaute ich mich manchmal tagelang nicht im Spiegel an… bei dem gut funktionierenden Internet (Youtube in 1080 Pixeln? Krasser Scheiß!) konnte ich sogar ein paar Schminktutorials anschauen. Das hat nicht viel genutzt, meine Schwestern finden immer noch, dass ich geschminkt wie ein Möchtegern-Transvestit aussehe, aber inspirierend war es trotzdem.

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Auch der Schwarzwald kann spektakulär sein – hier sitze ich auf dem Karlsruher Grat, quasi bei mir um die Ecke.

Obwohl ich einiges versuchte, um heimischer zu werden: viele alte Freunde und auch Kollegen wieder traf (hier einen lieben Gruß, und an eure überraschten Gesichter werde ich mich noch lange erinnern :) ), meine ganze nähere Familie sah, alle paar Tage ein bisschen herumreiste und in 7 Wochen auf gute 3000 Kilometer Reise kam, wandern ging, im See schwamm, kiloweise Eis aß… ich fühlte mich einfach nicht ganz wohl.

Ich hatte das Gefühl, dass wir in Deutschland zu sehr nach Besitz streben. Eine Karriere, ein Auto, ein Haus, einen Schrank voller Kleider, ein Smartphone, das Haus vollgestopft mit Dingen. Macht uns so etwas wirklich glücklich?

Und so bin ich froh, dass ich wieder unterwegs sein kann. Wenn ich auf dem Dach eines Minibusses durch eine gigantische Bergkulisse fahre und der Wind mir fast das Kopftuch wegweht… wenn ich mit Sadas Familie das Fasten breche mit Blick auf den fast 8000 Meter hohen Rakaposhi im Abendlicht, während sie Burushaski sprechen und ich mir einen Babbelfisch oder Untertitel wünsche… wenn ich abends die Milchstraße als riesige weiße Wolke von einem Horizont zum anderen sehen kann… wenn ich mich mühevoll radebrechend auf Urdu verständigen kann… dann fühle ich mich einfach tausend Mal wohler, als zu Hause in Deutschland.

Was ist überhaupt das Zuhause? Reicht ein Rucksack? Wie tief reichen meine Wurzeln? Manchmal fühle ich mich zerrissen zwischen dem Wunsch nach Bekanntem und der unbändigen Neugier auf andere Lebenswirklichkeiten und Erlebnisse. Werde ich es schaffen, wieder sesshaft zu werden? Meine Familie sagt dazu nein. Ich weiß es nicht.

Ich bin nur gespannt auf die neuen Erlebnisse im nächsten halben Jahr, bevor mir das Geld ausgehen wird und ich irgendwie mein Reisekonto wieder auffühllen muss, denn auf die nächste Reise werde ich sicherlich sparen…

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