Little Corn Island – Nicaraguas Inselparadies

*** Ich hänge bald zwei Länder hinterher, da ich heute nach Bolivien aufbreche… aber so langsam hole ich wieder auf und bin optimistischer, dass ich irgendwann nicht mehr 6 Wochen sondern vielleicht 1 Woche hinterherhänge :) Meinem Magen geht es übrigens dank Magensäureblockern und Diät mit Ausrutschern etwas besser, ich hoffe, dass es so bleiben wird. Aber genug geredet, vor über einem Monat war ich auf einer kleinen Karibikinsel und erzähle ein bisschen davon.***

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Reisemotto: Wir haben viel Zeit aber wenig Geld. Und so ein bisschen Abenteuer darf auch mal sein
Gesamtdauer: 30 Stunden. Das ist so ziemlich ein Schnelligkeitsrekord. Wir hatten mit drei Tagen gerechnet.
Verkehrsmittel: Mikrobus, Taxi, Expressbus, Chickenbus, zu Fuß, Frachter, Schnellboot.
Gesamtkosten: hin und zurück von Granada bis Little Corn Island etwa 40 Euro
Alternative: 1 Stunde fliegen ab Managua für 150 Euro hin und zurück. Alleine für den Flug.
Komplettes Novum: ich war nicht alleine unterwegs, sondern mit einem anderen Backpacker, Christian, auch aus Deutschland. Und nein, ihr braucht uns jetzt keine Liebesgeschichte andichten, die gab es nicht :) Ich hatte ihn schon in Mexiko kennengelernt, lief ihm zufällig nochmal in Guatemala über den Weg und er inspirierte mich unter Anderem zu meinen Wanderungen um Wanderung um Nebaj und auf den Tajumulco. Wir haben so ziemlich ähnliche Ansichten, was das Reisen betrifft und beschlossen, den langen Weg nach Little Corn Island zu zweit zu machen. Auch danach hatten wir den gleichen Reiseweg, und so verbrachte ich… hm, mal rechnen… fast drei Wochen mit ihm. Das ist wahnsinnig lange und ich bin immer noch sehr positiv überrascht, wie harmonisch es war. Wir sind beide eher optimistisch (er mehr als ich), gelassen, flexibel und geduldig (er mehr als ich) und ich denke, dass es deshalb so gut harmoniert hat.

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Unsere Reise fing sehr verplant damit an, dass wir zu spät aufstanden (zwei Menschen ohne Uhr eben…), ich kein Frühstück bekam, wir 1,5 Stunden lang im vollen Bus in Managuas Berufsverkehr stehen mussten, generell kein gutes Essen hatten (in der Not aß ich Gefängniskost, nämlich Haferflocken mit Wasser ohne alles) und bei unserer Ankunft in El Rama das letzte Schnellboot des Tages nach Bluefields um eine halbe Stunde verpassten. Ich sehe schon die Fragezeichen über eurem Kopf und erkläre mal kurz: die Stadt mit dem lustigen Namen ist die Stadt am Ende der Straße, von dort aus kann man mit einem Wassertaxi nach Bluefields, dort übernachten und irgendwann eine Fähre übers Meer nach Big Corn Island nehmen, wo man dann mit einem Schnellboot noch eine halbe Stunde lang zur Nachbarinsel Little Corn Island fährt. Es gibt aber nur 2 Fähren pro Woche und jeder Reiseführer und das Internet widersprechen sich bezüglich der Abfahrtszeiten.

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Wie so oft haben alle zuerst nicht gut scheinenden Entwicklungen einen guten Sinn, in diesem Falle konnten wir spontan auf einem Frachter für weniger als 10 Euro pro Person bis Big Corn Island fahren. Vermutlich hätten wir danach gar nicht gefragt, wenn wir noch ein Wassertaxi bis Bluefields bekommen hätten. Außer Christian und mir war nur ein anderer Tourist auf dem Boot, Giovanni aus Italien, mit dem wir die nächste Woche verbrachten. Wir bekamen schmale Betten in der Kajüte der Crew zugewiesen und freuten uns total darüber, denn wir hatten damit gerechnet, auf dem Boden schlafen zu müssen, ohne Schlafsack und ohne Isomatte. Von daher wurden unsere Erwartungen mit der schmuddeligen Schaumstoffmatratze um Längen übertroffen.

Ich war extrem froh, dass ich mit zwei Männern unterwegs war und Christian und mir eine langjährige glückliche Beziehung und Hochzeit im Juni andichten konnte, einer der Matrosen war mir nämlich extrem suspekt… und als ich am nächsten Morgen erwachte, stand ein anderer nur 20 Zentimeter von meinem Bett entfernt und schaute mir lächelnd in die Augen.

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Nach unserem Abendessen aus Tortilla, Bohnenmus mit künstlichem Rindfleischaroma (wer denkt sich denn so was aus) und Gemüse kletterten wir auf das Dach des Schiffes, liefen um den Schornstein herum und setzten uns hinter die Reling, mit Blick in Fahrtrichtung und dem Gesicht im Fahrtwind. Die beiden Stunden auf dem Dach waren definitiv das Highlight der Reise, und gehören zu meinen Top 5 der vergangenen Monate. Diese Gegend Nicaraguas ist äußerst spärlich besiedelt, und nur ganz selten konnten wir ein Haus am Ufer ausmachen, das im Dunkeln lag, da es hier keine Elektrizität gibt. Das Boot selbst war nur schwach beleuchtet, so dass wir einen wunderbaren Blick auf die tausenden Sterne über uns hatten. Sie spiegelten sich sogar im ruhigen Wasser des Flusses. Ich habe noch nie die Spiegelungen von Sternen im Wasser gesehen, das war ein magischer Moment. Später ging auch noch der Mond über dem Fluss auf. Wir genossen also eine wunderbare Flusskreuzfahrt für Arme. Genau diese Improvisation der ganzen Reise und die vielen überraschenden, zauberhaften Momente machten für mich ihren besonderen Reiz aus und ich denke immer noch gerne daran zurück.

Die Tage Little Corn Island verliefen aber sehr ruhig, wie das auf einem winzigen tropischen Inselparadies eben der Fall ist. Es gab keinen Stromausfall, sondern eher Stromeinfälle, einmal um die Mittagszeit und dann abends sobald die Sonne untergegangen war. Ich las sehr viel, lag am Strand unter Kokospalmen, ging tauchen, lief über die Insel, aß gutes Essen und brachte Christian ein paar wichtige Backpackerkenntnisse bei: wie man eine Kokosnuss öffnet, wie man Kleidung selbst flickt, seine Kleidung selbst wäscht, wie man Pfannkuchen bäckt. Außerdem weiß er jetzt, wie man Zöpfe flechtet und was auf einem Metalkonzert passiert. Im Gegenzug kenne ich jetzt die besten Strategien zum Trampen.

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So ganz ungefährlich ist idyllisches Inselleben allerdings nicht, Christian wurde bei einer Inselumrundung von einer unter einem Felsen im Wasser versteckten Seeschlange gebissen und mich erwischte beim Versuch, auf eine Kokospalme zu klettern, eine Horde roter Ameisen. Außerdem war die Sonne extrem agressiv und wir holten uns beide einen Sonnenbrand.

Nach sechs faulen Tagen, in denen wir versuchten so sparsam wie möglich zu leben und ob der hohen Preise (billig für Deutschland, teuer für Nicaragua) fast verzweifelten, machten wir uns wieder auf den Rückweg. Für mich war das sehr okay so, denn so schön die Insel auch ist: es macht mich nervös, wenn ich auf einem so beengten Raum bin.

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Die Hinfahrt war wie geschildert insgesamt erstaunlich glatt verlaufen, die Rückfahrt hingegen wurde mein persönlicher Horrortrip. Die Gesamtdauer war wieder 30 Stunden. 12 davon verbrachte ich mit etwa 50 anderen Passagieren in Hängematten oder auf dem Boden auf einem kleinen Boot, direkt neben der Tür zum Maschinenraum, die die ganze Nacht offen stand – hallo Dieselgestank und hallo höllischer Lärm. Ich dämmerte in einem dramamineinduzierten Halbkoma vor mich hin und fühlte mich in wachen Momenten an eine Passage aus „Die Kinder von Bogotá“ erinnert, in der der Protagonist und seine Freundin Drogen schmuggeln müssen und mit vorgehaltener Waffe in ihr Versteck gezwungen werden: Hängematten über der Schiffsschraube eines Ozeanriesens. Die Freundin wird bei der zwei Wochen lang dauernden Überfahrt verrückt und verbringt den Rest ihres Lebens in einer psychiatrischen Klinik….

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Meine Hängematte war aus Nylon, schmal und viel zu kurz. Als ich mich vorsichtig hineinsetzte, sackte sie erst mal 20 Zentimeter nach unten und hing damit so tief, dass es gefühlt keiner der 20 Nachtwanderer schaffte, unter ihr durchzugehen, ohne mich aufzuwecken. Außerdem bewegte sich die Hängematte durch den Seegang in 8 verschiedene Richtungen bewegte, ich fand keine bequeme Schlafposition, der Dieselgestank und der Lärm waren einem ruhigen Schlaf nicht zuträglich und die halbe Nacht hätte ich am liebsten mit einem Schuh nach den unfähigen Mitreisenden geworfen. Am nächsten Tag hatten wir noch 9 Stunden Busfahrten vor uns in meistens vollen Bussen, die gefühlt alle 10 Minuten anhielten. In normalem Zustand hätte es mir nicht viel ausgemacht, die ganze Zeit Taschen, Rucksäcke, Arme, Beine, Hintern, Brüste oder unrasierte verschwitzte Achselhöhlen im Gesicht zu haben. In meinem mental etwas angeschlagenen Zustand entwickelte ich mich aber zur Misanthropin, es war mir viel zu viel unerwünschter Körperkontakt und ich flüchtete irgendwann auf einen Fensterplatz, wo ich mich mit meinen Nerven am Ende zusammenkauerte, Musik hörte und versuchte, jegliche Berührung mit meinem Sitznachbarn zu vermeiden. Ich brauchte einen ganzen Tag ohne Kontakt zu anderen Menschen, um mich davon zu erholen.

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Eine Antwort zu Little Corn Island – Nicaraguas Inselparadies

  1. Klaus schreibt:

    Little Corn Island ….. bestimmt schön, aber ich würde dahin halt nicht so reisen wie du. Aber du hast ja geschrieben, dass man auch bequemer hinkommen kann ;-)
    Danke für den Bericht, ich freue mich schon auf die nächsten Berichte.

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