Das Ende – vorerst

Ich übersetze hier für meinen 124. und vorerst finalen Blogeintrag frei von Englisch auf Deutsch, was ich vor 2 Jahren auf Facebook als Fazit zu meiner Reise geschrieben habe, denn besser kann ich es nicht ausdrücken:

Als ich Deutschland verlassen habe, haben die meisten Menschen mir gesagt, dass ich unterwegs viele Schwierigkeiten haben werde, ausgeraubt werde, gekidnappt oder gar vergewaltigt werde, denn die Welt ist voller Gefahren. Und ratet mal, was davon passiert ist – nichts. Mein endloser Glaube und das Vertrauen in die Freundlichkeit der Menschen sind einfach immer weiter gewachsen. Ein Mann hat einmal zu mir gesagt „Wenn du keine Angst hast, wird dir nichts passieren, weil die Menschen das spüren können“ und das war mein Motto. Mir ist auch tatsächlich nie etwas passiert außer zwei versuchten Taschendiebstählen und nicht so coolen Grabschern im Iran und in Pakistan. Man sollte aber noch erwähnen, dass ich in quasi jedem Land angelabert, angestarrt und nach Sex gefragt wurde. Einmal wurde ich auf offener Straße verfolgt, einmal von einem Nepalesen an den Oberschenkel getreten, nachdem ich ihn geohrfeigt hatte, weil er mich nach Sex gefragt hat: „You wanna fuck?“, ich: „You asshole!“. Aber darauf muss man sich einfach einstellen, das kann alles genauso gut auch in Deutschland passieren, und auch Männer sind vor solchen Anmachen nicht gefeit.

Der schwierigere Teil meiner Reise war eher, nicht vor lauter Verpeiltheit die Hälfte meiner Sachen zu verlieren und nicht dauernd in kulturelle Fettnäpfchen zu treten.

Ich habe schnell mehr Selbstvertrauen gewonnen, bin entspannter und flexibler geworden. Ich habe mich frei gefühlt, ich habe mich glücklich gefühlt, wundervolle Menschen getroffen, Gastfreundschaft in den entlegendsten Ecken der Welt erlebt, ich bin mehr gewandert als ich es mir je hätte vorstellen können und ich habe mich ins Reisen, in Sprachen, in Kulturen und in die Natur verliebt.

Nach 50.000 Kilometern in Bussen, Zügen, Booten, Autos, auf Motorrädern, per Anhalter und zu Fuß bin ich wieder nach Hause zurückgekehrt.

Meine wichtigsten Erkenntnisse waren:

  • Die „gefährlichen“ Länder, in denen ich war, waren nicht gefährlich
  • Anderen Menschen zu vertrauen hilft und hat mir nie Nachteile gebracht. Es gibt überall gute und schlechte Menschen.
  • Hab keine Angst, und nichts wird passieren
  • Sei flexibel und reise offen für neue Erfahrungen
  • Wenn du niemanden hast, der dich lobt, dann musst du dir einfach selbst innerlich auf die Schulter klopfen
  • Man sollte lieber bald reisen, denn viele Kulturen befinden sich in einem Umbruch und verlieren einen Teil ihrer Identität, indem sie einen „westlichen“ Lebensstil nachahmen. Kulturen und Bräuche sind immer im Wandel, aber durch die globale Vernetzung und die Digitalisierung läuft dieser Wandel immer schneller ab
  • Ich werde es lieber bereuen, etwas getan zu haben, als es nicht getan zu haben
  • Die Welt ist groß und ich bin sicher, dass ich davon noch mehr sehen werde.

Das war voraussichtlich für lange Zeit der letzte Eintrag. Falls ihr wissen wollt, wenn es hier nochmal irgendwelche Veränderungen geben sollte – wenn ich beispielsweise nochmal auf große Tour gehen und dabei einen Blog führen sollte, würde ich die Adresse hier posten – kann ich euch nur raten, diesen Blog zu abonnieren. Rechts in der Menüleiste gibt es eine Option dafür. Dann bekommt ihr eine Nachricht in euer E-Mailpostfach, falls ich wieder etwas poste.

Es war für mich immer (außer wenn ich eine Schreibblockade hatte) eine große Freude, von meinen Erlebnissen zu berichten. Ab und zu lese ich hier selbst nochmal nach, was ich alles erlebt hätte, ohne diese Gedächtnisstütze hätte ich viele Einzelheiten schon längst vergessen. Manchmal lache ich sogar über meine eigenen Witze, ich weiß nicht, ob das jetzt ein Zeichen für oder gegen meine Flachwitze sein soll.

Ich möchte mich von ganzem Herzen bei allen Menschen bedanken, die meine Reise verfolgt haben. Ich hoffe, dass ihr eine schöne Zeit dabei hattet und ich euch zeigen konnte, wie schön, groß und weit die Welt ist, und dass die überwältigende Mehrheit der Menschen freundlich, gut und sehr hilfsbereit ist.

 

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Die Zukunft

Auch wenn ich momentan ziemlich sesshaft bin und es sehr genieße, wieder mehr zu besitzen als das, was ich auf meinem Rücken tragen kann (vor allem Pflanzen, Bücher, Möbel und Kosmetikprodukte, aus Kleidern mache ich mir nach wie vor nichts), so wird mich das Fernweh wahrscheinlich nie verlassen. Ich bin momentan glücklich damit, in Deutschland zu leben, denn es ist für mich auf lange Sicht einfach das angenehmste, einfachste Land, in dem auch meine Wurzeln liegen und das ich als meine Heimat empfinde.

Aber für mich waren die beiden Jahre auf Reisen unendlich eindrücklicher als die beiden Jahre, die ich seitdem in Deutschland verbracht habe. So sehr ich es schätze, meine Familie und Freunde in größerer Nähe zu haben, einen eher herausforderungslosen Alltag umgeben von netten Menschen sowie den Luxus von heißen Vollbädern, Strom rund um die Uhr und schnellem Internet zu genießen – gedanklich weile ich doch meistens eher in der Ferne. Für mich ist es eine Zwischenstation und ich scheue mich davor, mich emotional oder materiell zu binden. Mich freut vor allem mein wachsendes Bankkonto und ich verbringe viel Zeit damit, gedanklich eine erneute Weltreise durchzuspielen, mit mehr Geld und noch viel mehr Zeit. Mein Sparziel ist dieses Mal 40.000 bis 50.000 Euro. Und dann? Die Möglichkeiten sind endlos! Vielleicht zuerst den PCT wandern, dann der Panamericana bis Feuerland folgen, oder in einem großen Bogen durch Asien reisen? Mit einem so großen Budget sollte ich einige Jahre komfortabel unterwegs sein können.

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Manchmal verschlägt es mich doch noch ins Ausland, zum Beispiel nach Marokko. Hier seht ihr Chefchaouen. Kurz nachdem ich dieses Bild aufgenommen hatte, bemerkte ich, dass ich meinen Lieblingspullover ganz auf der anderen Seite der Stadt verloren hatte. Ich fand ihn wieder, nämlich am Körper des glücklichen Finders! Wir wurden uns dann aber schnell einig und er gab ihn mir (wenn auch ungern) zurück

Manchmal packt mich die Torschlusspanik. Ich bin jetzt 28, fast 29. Meine Freunde fangen an, zu heiraten und Kinder zu bekommen. Meine mittlere Schwester ist schwanger und im Sommer werde ich Tante. Wenn ich nochmal eine lange Reise mache und von ihr zurückkomme, bin ich sicher schon 35. Vielleicht immer noch Single und kinderlos, aber wer weiß, ob ich dann nochmal so unbeschwert und glücklich sein werde? Und was ist dann mein Lebensziel? Weiterhin reisen, oder sesshaft werden und eine Familie gründen? Passt das überhaupt zu mir, ein sesshaftes Leben und eine feste Beziehung? Ich weiß es nicht und hoffe einfach darauf, dass sich alles wie bisher auch alles von selbst irgendwie ergeben wird. Je weniger Sorgen ich mir um die nur eingeschränkt planbare Zukunft mache, desto besser.

Eine so lange Reise wie die meine prägt fürs Leben. Als vegetarische alleinreisende Frau hat man da übrigens gleich drei Mal die schwierigere Variante zugewiesen bekommen! Ich bin viel entspannter, pragmatischer, flexibler und selbstbewusster geworden. Ich weiß, wo meine körperlichen Grenzen sind. Ich bin der Meinung, dass ich Menschen mittlerweile recht gut einschätzen kann. Früher konnte ich nicht einmal erkennen, ob mein Gegenüber gerade gute oder schlechte Laune hat, mittlerweile habe ich da recht feine Antennen. Vor der Reise war das nicht so, aber mittlerweile vertrauen mir viele Menschen ihre tiefsten Geheimnisse an, vielleicht liegt es daran, dass ich die richtigen Fragen stelle, oder dass ich so vertrauenserweckend wirke. Mir wird gesagt, dass ich eine gute Zuhörerin bin und tatsächlich macht mir Zuhören großen Spaß. Menschen sind so unterschiedlich und wenn man die richtigen Fragen stellt, kann jeder unglaublich interessante Geschichten erzählen. Ich bin zwar immer noch eher schüchtern und zurückhaltend, habe aber kein Problem mehr damit, Fremde anzusprechen oder mich mit ihnen zu unterhalten.

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Ait Ben Haddou in Marokko. Insgesamt fand ich meine 2 Wochen in Marokko ein bisschen anstrengend, weil ich sehr oft das Gefühl hatte, gerade übers Ohr gehauen zu werden und ein paar doofe Begegnungen mit Männern hatte. Bleibenden Einfluss haben meine Hammam-Besuche hinterlassen und ich bekomme manchmal Komplimente für meine weiche Haut.

Ich könnte stundenlang über meine Reiseerlebnisse berichten, aber leider interessiert das die meisten Menschen herzlich wenig. Deshalb versuche ich, mich (nicht immer erfolgreich) eher bedeckt zurückzuhalten und nicht mitten im Gespräch „Einmal, im Iran, …“ herauszuplatzen.

Tja, und wohin könnte mich eine weitere Reise bringen? 2016 habe ich den meistgereisten Spanier getroffen, der in den letzten 30 Jahren 190 Länder bereist hat. Er war in so gut wie jedem Land außer dem Tschad (er hat kein Visum dafür bekommen) und den kleinen karibischen Inselstaaten, die ihn einfach nicht interessieren.

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Besonders fasziniert war ich von der Wüste, als ich nach einem Kamelritt in einem Camp übernachten konnte. Das kann ich jedem Marokko-Besucher nur empfehlen.

190 Länder möchte ich nicht bereisen, aber ein paar wenige Traumziele habe ich euch ungeordnet aufgelistet:

  • Ganz oben steht der Jemen, leider erlaubt die Sicherheitslage dort momentan keine wirklich unabhängigen Reisen
  • Jordanien – da fliege ich in einem Monat hin
  • Afghanistan, irgendwann in ein paar Jahren
  • Griechenland
  • Papua-Neuguinea
  • Sri Lanka
  • Eine Tour durch Tschernobyl zu machen
  • Die Polarlichter sehen
  • Per Anhalter von Irkutsk zurück nach Deutschland reisen
  • Mit einem Motorrad den Spuren Che Guevaras folgen
  • Mit einem Motorrad mehrere Jahre in einem großen Bogen durch ganz Asien reisen
  • Mit einer Royal Enfield ein halbes Jahr lang durch Indien reisen und einen Zwischenstop in Rishikesh in einem Yoga-Ashram machen
  • Die Alpen auf dem E5 überqueren, den Dolomiten-Höhenweg 1, und in weiter Zukunft einmal den Pacific Crest Trail.

Das war der Blick in die Zukunft, und jetzt kommen wir zum vorerst allerletzten Post auf diesem Blog: dem finalen Fazit.

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Das Beste und das Schlechteste

Es ist sehr schwierig, über den Verlauf von 2 kompletten Jahren mit unendlich vielen Erlebnissen, Eindrücken und Begegnungen ein Best of zu schreiben.

In meinen Länderfaziten habe ich meine schönsten Erlebnisse und die Eindrücke, die ich in den einzelnen Ländern gewonnen habe, zusammengefasst. Dort wird auch deutlich, welche Länder mich besonders nachhaltig beeinflusst und beeindruckt haben, nämlich: Mexiko, Guatemala, Bolivien, Iran und Pakistan. In Pakistan habe ich insgesamt ein halbes Jahr verbracht, und zusammen mit dem Iran war es für mich aus vielerlei Gründen das intensivste und herausforderndste Land, das ich bereist habe. Ich konnte dort dank meiner Verbindung zu Sadaqat (meinem mittlerweile, wie ihr vielleicht schon befürchtet habt, Exfreund) sehr tief in die Kultur eintauchen. Ich habe dort unglaublich nette, gastfreundliche und offene Menschen kennengelernt. Viele Leute können Englisch, was die Verständigung einfacher macht. Es gibt krasse Bräuche (ich sag nur Ashura – der Tag der Prozessionen in Erinnerung an einen vor über 1.000 Jahren ermordeten Imam, bei denen die Teilnehmer Autoflagellation mit Rasierklingen betreiben) oder arrangierte Ehen. Die kulturellen Unterschiede sind eine tägliche Herausforderung für das mentale Verständnis und die eigene Anpassungsfähigkeit. Und die Natur ist nicht von dieser Welt – wilde, junge und hohe Berge, außerdem ist es meistens trocken und sonnig, ideale Bedingungen also für krasse Wanderungen. Und wenn man doch mal andere Touristen trifft, sind es meistens sehr außergewöhnliche Langzeitreisende – die spannendsten und verrücktesten Leute habe ich in Hostels in Pakistan kennengelernt. Und die Geschichten, die sie erzählen können, sind krass… von Couchsurfing in Afghanistan, von Verfolgung durch einen aufgebrachten Mob wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses (sprich, Küssen an einem Fluss) in einem ländlichen Gebiet von Pakistan, von Drogenschmuggel über die iranisch-türkische Grenze im eigenen Körper, von Nahtoderlebnissen durch Blitzschlag in der Mongolei… Kurz gesagt, es ist einfach unglaublich intensiv und spannend, dort zu reisen.

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Der türkisblaue Gilgit-River in Phander in, wo auch sonst… Pakistan, natürlich. Ich konnte mittlerweile sogar mindestens 2 Personen dazu animieren, dieses Land zu bereisen :-)

Das beste Essen gab es meiner Meinung nach in Indien und Mexiko. Beides eher ölig, aber sehr schmackhaft, abwechslungsreich und man findet viel Obst und Gemüse. Thailand war für mich ein weiteres kulinarisches Highlight. Das für mich schlechteste Essen gab es in Westchina und in Kirgistan: überall wurde Schaf dazugesteckt.

Die größte Freiheit war für mich, im Iran in der Wüste das Kopftuch abzulegen und endlich wieder den Wind in den Haaren zu spüren, außerdem jeder Moment, den ich im Iran und in Pakistan als Sozia auf Motorrädern verbracht habe, zusammen mehr als 1.000 Kilometer durch unglaubliche Kulissen.

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Kein Kopftuch! Eine absolute Seltenheit im iran und ein riesiger Grund zur Freude

Am meisten gefreut habe ich mich, wenn ich neue Vokabeln gelernt habe und ich mich rudimentär in anderen Sprachen verständigen konnte (Russisch, Farsi, Urdu).

Die eindrücklichste Begegnung ist für mich immer noch der Tag, den ich per Anhalter mit zwei nur persisch sprechenden LKW-Fahrern verbracht habe.

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So sieht das aus, wenn man Urdu lernt und lauter Rechtschreibfehler macht

Die beste legale „Droge“ ist Dramamine, ein Mittel gegen Reiseübelkeit, davon bekomme ich immer Halluzinationen. Und falls man richtige Drogen sucht, dann wird man besonders einfach hier fündig: in Bolivien (Kokain), Südmexiko und im peruanischen Regenwald (Ayahuasca), am Lago Atitlán (Mushrooms, Gras), Iran (Gras, Opium), Pakistan und Nepal (Haschisch).

Am berührendsten fand ich die unzähligen Momente der Gastfreundschaft und Freundlichkeit, die ich überall auf der Welt erlebt habe. In den entlegensten Winkeln Pakistans , im guatemaltekischen Hinterland, bei meinen Freunden in Mexico City, oder als mir ein Panflötenverkäufer in La Paz gezeigt hat, wie man El Condor Pasa spielt. Als mein 25. Geburtstag auf 4.700 Metern Höhe mit Schokoladenpfann-kuchen und Konfetti gefeiert wurde. Als ich auf dem Altiplano in Peru von einem russischen Pärchen aufgegabelt und 200 Kilometer weiter zu meinem Tagesziel gebracht wurde.

Am schlimmsten war jeder Moment, den ich krank irgendwo verbracht habe. Ohne Witz… so viele körperlichen Ausfallerscheinungen hatte ich noch nie zuvor. Ich hatte unzählige Male „Magenverstimmungen“ (um es mal euphemistisch auszudrücken), mehrere Lebensmittelvergiftungen, eine Mandelentzündung, eine Nasennebenhöhlenentzündung, sehr viele Erkältungen, krasse Magensäureprobleme, wochenlang eine kaputte Zahnfüllung, Dengue-Fieber und nach meinem eigenen Vermuten eine Gallenkolik. Ich hatte eine vergrößerte Milz und eine teilweise so geschädigte Leber, dass man an Hepatitis dachte. In den mehr als 2 Jahren in Deutschland hatte ich erst einmal eine krasse Erkältung, und sonst bin ich sehr fit und habe ein gutes Immunsystem entwickelt. Da sieht man mal, wie sehr eine Weltreise den Körper schlauchen kann – oder ich habe einfach ungewöhnliches Pech und bin ein Sensibelchen. Besonders schlimm ist es, wenn man sich unendlich schwach fühlt und einfach niemand da ist, der sich um einen kümmern kann und man alles selbst schaffen muss: Trinken finden, Essen finden, einen Arzt finden.

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Vor lauter Höhenangst habe ich mich nicht über diese wackelige, möglicherweise tödliche und quietschende Hängebrücke getraut. Wo findet man solch ein Adrenalinpotenzial – natürlich in Pakistan…

Worst of… Toiletten dieser Welt!
***Empfindliche Leser sollten des Rest des Artikels nicht lesen!***

Überlegt euch mal, wie oft ihr jeden Tag zur Toilette geht. Und dann überlegt mal, auf wie viele unterschiedliche und teilweise innovative, ungewöhnliche oder ekelhafte Toiletten ihr dann in 2 Jahren Weltreise gehen werdet! Westliche, saubere Toiletten sind da die Ausnahme. Meine Lieblingstoiletten sind übrigens Hocktoiletten mit Wasserschlauch statt Klopapier. Ich habe schon oft anderen Reisenden davon vorgeschwärmt und wann immer ich die Wahl zwischen „westlichen“ Toilettenschüsseln und Hocktoiletten habe, tänzle ich grinsend zur Hocktoilette und fühle mich dort wie zu Hause. Ich kann das mittlerweile sogar ohne Toilettenpapier und mit nur einem Wasserkännchen und der linken Hand – anfangs ungewohnt, aber irgendwann merkt man, dass es wirklich die hygienischere Variante ist. Da gerate ich richtig ins Schwärmen…

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Hier erkläre ich gerade im korsischen Gebirge die beste Hocktechnik für die dortigen „türkischen Toiletten“, wie sie auf Französisch heißen

Das waren jetzt genug intime Geständnisse. Kommen wir nun zu den nackten Tatsachen, die euch sonst bestimmt noch nie jemand erklärt hat (und die ihr wohl auch nie wissen wolltet…)

Die innovativsten Toiletten waren:
– Plumpsklos mit Reisschalenspülung in Nicaragua, zum Pinkeln durfte man sich neben die Hütte in eine Art Freiluftdusche hocken

– Ein Plumpsklo in Nepal, in das man einen Haufen trockener Blätter hinterherwarf, unten war es offen und ein Schwein wühlte in den Resten. Ich möchte nicht wissen, was es dort gegessen hat… Funfact: in Korea wurden Exkremente-fressende Schweine früher als Delikatesse betrachtet

– Die Toilettenrinne in einem chinesischen Kaufhaus, die parallel zur Rückwand mit leichter Neigung durch alle Toilettenkabinen verlief.

– Der bolivianische Eimer mit einer Plastiktüte darin auf 5.200 Metern Höhe mit schöner Sicht und quasi ohne Sichtschutz

Die traumatisierendste öffentliche Toilettenerfahrung hatte ich an einem Busbahnhof in Guatemala: als ich gerade hinausgehen wollte, drehte sich ein alter, kleiner Guatemalteke grinsend von seinem Pissoir herum und zeigte mir alles. Was wirklich nicht viel war. Nichts, was ich nicht hundertfach in der Sauna gesehen hätte, aber in diesem Kontext doch eher verstörend.

Die dreckigsten Klos befanden sich allesamt auf den Campingplätzen auf dem Weg zum K2 in Pakistan. Die allerschlimmsten in Urdukas, auf 4.000 Metern Höhe: Vereinzelt am Hang stehende Klokabinen, in denen richtige Scheiße-Pyramiden aus der Toilettenschüssel herauswuchsen. Mein Magen ist seefest, aber da war es knapp.

Die schlimmsten Räume befanden sich aber allesamt in China und Kirgisistan:

– Ein Verschlag im Hinterhof, die Tür zum Toilettenraum war ein Vorhang, drinnen gab es drei Abteile mit Hocktoiletten, es war zwar stockfinster, aber in einem anderen türlosen Abteil saß schon jemand. Es war ein hastiger, aber erfolgreicher Besuch

– Ein Plumpsklo, dessen Boden aus einer Metalltür mit zahlreichen Rostlöchern bestand. Ich hatte die ganze Zeit Angst, gleich in der Grube zu landen

– Die unangefochtene Nummer 1 ist aber die öffentliche Toilette am Checkpoint zwischen Kashgar und Tashkurgan in Westchina: ein am Hang gebautes, auf einer Seite auf Säulen stehendes, fenster- und türloses Betongebäude. Links für Frauen, rechts für Männer. Den „Duft“ nimmt man schon in 30 Metern Entfernung wahr. Es riecht wie ein Schweinestall, man kann sich dort nur mit einem Schal über dem Gesicht aufhalten. Innendrin gibt es dann 6 „Toilettenkabinen“ mit einem rechteckigen Loch in der Mitte, getrennt durch brusthohe Wände und ohne Türen. Sehr, sehr öffentlich das Ganze, und untendrunter am Hang sammelt sich dann alles…

Wundert es da noch jemanden von euch, dass ich fast jede Nacht davon träume, von anderen Menschen beobachtet auf seltsamen Toiletten zu sitzen?

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Ein kurzes Update – die Vergangenheit und der Beginn vom Ende

Ich zitiere mich mal selbst: „… aber dazu mehr in einem anderen Blogbeitrag. Vermutlich noch im Januar.“ HA. HA. HA. Jetzt ist Februar, aber ein Jahr später. Heute ist ein trüber, kalter Samstag und ich bin so gelangweilt, dass ich die Wahl habe zwischen: Boden putzen, einen Kissenbezug nähen, online nach Motorrädern suchen, meine Wäsche (von Hand) zu waschen, oder eine Wand zu streichen. Ich habe mich jetzt für „Ich bringe heute mühevoll meinen Blog zu einem Abschluss“ entschieden. Es gibt nämlich tatsächlich Leute, die ihn immer noch finden, und ich möchte ihn wirklich nicht zu 95 % vollendet lassen wie so gut wie alle meine Projekte. Also sitze ich mir seit 1,5 Stunden im alten Sessel von meiner Oma den Hintern platt, höre wie immer ein bisschen Metal und schwafle vor mich hin. (Mittlerweile ist ein trüber, verkaterter Sonntag und ich bin seit über 5 Stunden dabei, den Blog abzuschließen und ja, das wird heute tatsächlich etwas! Daher auch der Titel dieses Artikels).

Bisher habe ich die Schrift hübscher gestaltet und eine Seite über Bücher und Filme übers Reisen eingefügt.

Außerdem habe ich ein paar neue Reiseblogs und Instagramprofile hier hinterlegt.

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Teilweise gab es Mitte bis Ende Juni noch viel Schnee in den Bergen Korsikas auf dem GR20. Es war eine epische, kniezerstörende und unglaublich tolle Wanderung für schwindelarme Wanderer. Das T-Shirt habe ich nach den 180 Kilometern und 12.000 Höhenmetern in den Müll geworfen.

Was lief 2017 so? Im letzten Jahr hat sich bei mir einiges verändert. Ich wohne zum ersten Mal in meinem ganzen Leben in einer eigenen Wohnung, einer 1-Zimmer-Wohnung in Fußnähe zum Stadtzentrum, umgeben nach wie vor von einer bunten Mischung aus Ikea-Möbeln, den Aussteuermöbeln meiner Urgroßeltern, vielen vielen Pflanzen, Kerzen und allen meinen Büchern. Ich fühle mich hier total wohl und nicht so einsam, wie ich befürchtet hatte: ich gebe 1 bis 3 Stunden Deutschunterricht pro Woche, telefoniere mit meinen Freunden, und einmal pro Woche kommt jemand zum Abendessen vorbei. So ist das Verhältnis von Ruhe und redefreier Zeit zu Kommunikation sehr ausgeglichen und ich genieße meinen Freiraum.

Ich habe außerdem beschlossen, mir Jahres- und Quartalsziele zu setzen. Das kann ich jedem nur empfehlen! So hat man nicht das Gefühl, im ewig gleichen Trott vor sich hinzuleben, und zu Freizeitstress kommt es auch nicht.

Letztes Jahr habe ich mir Ski gekauft und meine Skifahr“künste“ enorm verbessert: von quasi nichts auf irgendwie komme ich die leichten Pisten schon runter.

In der ersten Jahreshälfte habe ich meine Wanderausrüstung optimiert und war viel alleine im Schwarzwald unterwegs, um meinen Körper und meinen Geist zu trainieren, denn ich fürchte mich nachts alleine im Wald. Eine Konfrontationstherapie, quasi. Es ist total spannend, wie viele nette und beeindruckende Menschen man beim Wandern im Schwarzwald kennenlernen kann, mit manchen bin ich immer noch im Kontakt.

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In der Calanque de Piana, auf dem Weg zu der Felssäule

Im Juni bin ich den kompletten GR20 auf Korsika gewandert, einen mörderischen Wanderweg von ganz im Norden bis ganz im Süden, einmal quer über die Insel. Damit wollte ich herausfinden, ob Langstreckenwanderungen mir gefallen. Mein Fazit – noch nie war ich so lange am Stück so glücklich (auch über Kleinigkeiten wie Brot mit Käse), noch nie habe ich so viele nette Menschen auf einem Haufen kennengelernt, noch nie hat meine Leber so gelitten – ich habe jeden Tag auf den Hütten Rotwein oder selbstgebrannten Schnaps gesoffen. Mein Spitzname war „die alkoholabhängige Meerjungfrau“, weil ich immer ein Glas Wein in der Hand hatte und in jeden See gesprungen bin. Meine unvergesslichster Moment ist, wie ich mit einem korsischen Hirten und seinem Freund, dem Sushi-Koch, einen feucht-fröhlichen Abend mit viel Alkohol und Passiv-Kiffen unter dem krassesten Sternenhimmel verbracht habe. Ich war die einzige, die an ihrer Hütte übernachtet hat, wir saßen bis Mitternacht zusammen und hörten korsische Lieder. Die Wanderung hätte perfekter nicht sein können und hat mich darin bestärkt, dass ich an einem Thru-Hike des Pacific Crest Trail sicher großen Spaß haben könnte.

Im August war ich dann zum ersten Mal auf dem berühmtesten Metal-Festival der Welt, Wacken! Es war krass. Voll der Kulturschock, hier wird Metal so richtig zelebriert. Eigentlich ging ich nur hin, um Candlemass, meine Lieblingsband, endlich live zu sehen. Um Mitternacht, nach einer halben Stunde Fußweg quer durch den Matsch, mit Gummistiefeln an den Füßen und einem Glas Bier in der Hand. Ich hätte vor Glück fast geweint. Nach Wacken war ich 2 Tage verkatert inklusive Erbrechen in den Schlamm, von im Prinzip nur vier Gläsern Bier. Da habe ich mir große Gedanken gemacht: war meine Leber vom GR20 zu kaputt? Hat mir jemand was ins Bier gemischt? Nach einem halben Jahr ohne Bier und dafür mit viel Wein mache ich mir ein bisschen weniger Sorgen. Dieses Jahr treffe ich mich dort wieder mit meinen Wacken-Freunden, und sie haben mir versprochen, besser auf das „badische Pflänzle“ aufzupassen, damit ich mich nicht wieder so abschieße. Das Wort „Mäßigung“ passt einfach nicht in mein Vokabular.

Außerdem habe ich nebenher noch meinen Motorradführerschein gemacht, und gerade suche ich nach einem passenden Motorrad. Vermutlich wird es eine über 20 Jahre alte Reiseenduro für etwa 2.000 Euro werden, mit circa 50 PS.

Honda Dominator

Mein zukünftiges Motorrad? Eventuell? Die Entscheidung ist nicht einfach.

Ihr merkt eventuell, dass ich damit langfristige Ziele verfolgt habe: Körper und Geist weiter stärken, Hiking-Skills trainieren, und den Führerschein und das bald von mir gekaufte Motorrad brauche ich, damit ich irgendwann in ferner Zukunft, wenn ich genug Geld gespart habe, meinen Traum von einer großen Asienreise auf zwei Rädern verwirklichen kann. Denn dafür brauche ich neben dem Motorrad natürlich auch Übung.

2017 war ein tolles Jahr, 2018 wird es hoffentlich auch: ich mache einen Kletterkurs, weil ich ein bisschen Höhenangst habe und total ungelenk bin. Ich möchte endlich einen Yoga-Kurs machen. Im Sommer möchte ich um den Montblanc wandern, und in einem Monat reise ich zwei Wochen lang alleine durch Jordanien.

Soweit also zur Selbstverwirklichung und vielen materiellen Zielen.

Vielleicht fällt euch auch auf, dass ich hier viel „ich, ich, ich, meine Ziele, meine Pläne“ geschrieben habe. Meine Schwester bemängelt bei jedem Treffen, dass ich schrecklich egoistisch sei. Ich finde das aber nicht schlimm: momentan bin ich einfach ich selbst die wichtigste Person in meinem Leben, und das ist auch gut so. Solange darunter keine anderen Personen leiden müssen, passt für mich alles.

Machen wir also weiter mit dem nächsten Teil des Blogabschlusses, nämlich dem Best- und Worst of!

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„Im Oktober schreibe ich endlich einen Abschluss für meinen Blog… nein lieber im Dezem… okay, im Januar?“

Seit vielen, vielen Monaten schon schiebe ich es vor mir her, meinen Blog zu einem zumindest vorläufigen Abschluss zu bringen – immerhin hat er schon über 55.000 Klicks bekommen. Da möchte ich ihn nicht zu 95 % vollendet lassen. Aber auch meinen Vorsatz, aus dem Oktober den „Monat der aufgeschobenen Dinge“ zu machen, konnte ich nicht ganz erfüllen, und so versuche ich, einige dieser seit JAHREN nicht erledigten Dinge zumindest noch 2016 zu beenden. Okay, schon zu spät… dann wird es wohl hoffentlich der Januar :-)

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Die Bilder erzählen eine andere Geschichte, als der Text. Hier seht ihr den Blick von meinem Hausberg, der Hohen Möhr, in Richtung Süden. 3,5 Kilometer mit 500 Höhenmeter haben es wirklich in sich. Wandern hat sich in den letzten Jahren, wie ihr eventuell schon bemerkt haben könntet, zu einem meiner liebsten Hobbies entwickelt, und so kam es, dass ich mich im Oktober zu einer 60-Kilometer-Wanderung auf dem Westweg hinreißen ließ.

Der Abschluss wird voraussichtlich (man merkt, ich fange schon wieder an, mir viele Hintertürchen offen zu lassen) aus mehreren Teilen bestehen:

1) Die Vergangenheit: Was hat sich seit November getan? Ich finde es immer schade, wenn man nicht erfährt, was Reiseblogger nach einer Rückkehr machen

2) Die Reise: eventuell mache ich da nochmal ein Interview mit mir selbst… Da könnte ich noch ein paar schöne Kuchendiagramme reinbasteln.

3) Best of – Orte, Erlebnisse, Essen, …

4) Die Zukunft: Welche Reisepläne gibt es? Wie geht es mit diesem Blog weiter?

Beginnen wir sinnvollerweise mit Teil 1.

Es fällt mir noch schwer, zusammenhängend zu schreiben, ich bin es einfach überhaupt nicht mehr gewohnt. Deshalb habe ich für diesen Teil des Artikels ewig gebraucht. Ungefähr ein halbes Jahr. Das liegt aber nicht nur an besagten Schreibschwierigkeiten sondern auch an… hm nennen wir es akuter Unlust, Gehirnmatsch und Lampenfieber vor dem Veröffentlichen eines Blogeintrages nach so langer Zeit.

Genug geredet, fangen wir vielleicht stichpunktartig damit an, was sich bei mir im letzten Jahr getan hat.

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Bei schönster Inversionswetterlage war ich 3,5 Tage lang alleine unterwegs, von Hausach bis zum Titisee. Die Bäume wurden so langsam golden, tagsüber hatte es bis zu 15 Grad, nachts war es allerdings viel kälter. Sehr viel kälter. Zum Glück hatte ich mir einen warmen Schlafsack ausgeliehen.

  • Den Job als chronisch unterbezahlte Produktionshelferin habe ich nach 4 Wochen gekündigt, weil ich das große Los gezogen habe: einen Job als beinahe doppelt so gut bezahlte Produktionshelferin zu finden.
  • Also habe ich 4 Monate lang 2-3 Tage die Woche bei einem Unternehmen gearbeitet, das ihr sicher alle kennt. Sein Name beginnt mit „B“ und endet mit „osch“, und sie zahlen so gut, dass ich in den 2.5 Tagen mehr Geld verdiente als vorher in 5 Tagen. Außerdem war es zwar immer noch nerv- und gehirntötend, aber ich konnte immerhin viel herumlaufen. Meine Aufgabe war, an automatisierten Produktionslinien für Nachschub zu sorgen, später hatte ich sogar gelernt, ein paar Fehlermeldungen zu beheben. Ich bekam gute Läufermuskeln in den Beinen und Muskeln in den Armen vom Tragen der schweren Kisten. Die Arbeit war also so lala, die Kollegen waren so lala – ziemlich viele giftige, rassistische und intrigante hinterfotzige Weiber, um es mal so derb auszudrücken. Ich nutzte die Zeit, um:
  • 20 Bewerbungen zu schreiben, auf Controllingstellen im südwestlichen Baden-Württemberg. Die Resonanz war erstaunlich positiv, meine lange Reise war wohl doch nicht so abschreckend und nach 2,5 Monaten ernsthafter Suche hatte ich Erfolg. Dazwischen gab es natürlich einiges an Pleiten, Pech und Pannen: zu Verspätung führender Stau auf der Autobahn, die Erkenntnis dass man bei Persönlichkeitstests nicht ehrlich antworten sollte sondern lieber lügen, dass sich die Balken biegen und ein Blackout bei der Frage „Wie würden Ihre Freunde Sie beschreiben?“ – „Äh, ääähm… also meine Freunde… äh ja, sie würden wohl sagen, dass ich oft gelassen reagiere?“
  • Seit Juni arbeite ich als Controllerin in einem mittelständischen Unternehmen ganz im Südwesten Baden-Württembergs, verbringe meine Tage meistens mit Excel und dem ERP-System und habe ziemlich viel Spaß an der Sache. Ich habe Excel und das Analysieren von Daten schon geliebt, seitdem ich damit zum ersten Mal in Kontakt kam, und wenn ich selbst etwas in VBA programmiert habe oder ich eine supertolle neue Formel entdeckt habe, bin ich ziemlich glücklich.
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Da auf diesem Streckenabschnitt Schutzhütten dünn gesät sind und es spätestens um 18 Uhr stockfinster war, hatte ich mein kleines Zelt dabei. Ich nenne es liebevoll „Hundehütte“. Es ist ganz rechts in der Ecke. Am ersten Abend traf ich zwei junge, superliebe schweizer Westwegwanderinnen. Wir zelteten zusammen abseits des Weges, unterhielten uns stundenlang über Mädchenkram, ich wurde von ihnen bekocht und war extrem froh über Gesellschaft bei meiner ersten Nacht ganz allein im Wald. Die beiden beschwerten sich morgens scherzhaft, dass Deutsche Schweizerdeutsch immer so süß fänden. 2 Minuten später meinte die eine zur anderen „Tust du mal bitte ein Föteli machen?“ Das war doch eine süße Art, nach einem Foto zu fragen, findet ihr nicht?

  • Ich wohne jetzt in einer Altbau-WG, umgeben von dezenter *hust* Unordnung, vielen Pflanzen, Büchern, Kerzen und den 1930 zur Hochzeit gekauften Möbeln meiner Urgroßeltern. Stühle, Tisch, Schrank, Bett, Spiegel – alles geerbt. Meine geliebte 125 Jahre alte Nähmaschine kam auch schon ein paar Mal zum Einsatz. Basel ist ganz in der Nähe und damit auch das Z7, so dass ich dieses Jahr viel Geld für Metalkonzerte ausgegeben habe (Gojira, Meshuggah, zum vierten Mal Blind Guardian, und Orphaned Land…). Für nächstes Jahr habe ich mir sogar noch Wacken-Tickets schnappen können! Ich bin schwer begeistert und gespannt.
  • Ich sollte jeden Morgen zwischen 6:30 und 6:45 aufwachen, um rechtzeitig zur Arbeit zu kommen. Und, man höre und staune: ich habe noch kein einziges erst einmal und nur um eine halbe Stunde verschlafen. Ich bin extrem stolz darauf! Ich bin absolut kein Morgenmensch und ich brauche mindestens 10 Minuten im Bett, bevor ich aufstehen kann. Außerdem bin ich morgens extrem langsam und schlurfe wie ein Zombie durch die Wohnung – für Frühstück reicht es daher selten. Für die 10 Kilometer zu meiner Arbeitsstelle brauche ich mit dem Fahrrad circa 35 Minuten, mit dem Zug (inklusive teilweise gesprinteten, um den Zug noch zu erwischen, 1,5 Kilometern zu Fuß) 30 Minuten. Bei Regen wird es der Zug, ich kenne außerdem schon ein paar nette Arbeitskollegen, so dass es nie langweilig wird. Bei jeglichem anderen Wetter das Fahrrad, das ich erst kürzlich für über 200 Euro reparieren habe lassen. Der mit Panzertape geflickte Sattel fiel an allen Ecken auseinander und das Kettengetriebe war so marode, dass es doppelt so anstrengend war wie normale Fahrräder. Jetzt ist es wie neu.
  • Ein Auto habe ich nämlich immer noch nicht, es wäre enorm praktisch und manchmal liebäugle ich mit dem Gedanken, verwerfe ihn dann aber wieder. Ich scheue die Kosten, die damit verbunden sind und ich denke, dass ein Auto fauler macht. Außerdem fahre ich am Wochenende gerne mit dem Zug. Das ist meine erzwungene 3-stündige Auszeit der Woche, in der ich nur Musik hören, lesen, nähen oder Kleider flicken kann. In weiser Voraussicht (latenter Internetsüchtling) habe ich nämlich kein Smartphone. Auch wenn es öfter praktisch wäre.
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Das war der Blick aus meinem Schlafsack heraus beim Aufwachen. So idyllisch und wunderschön der erste Abend war, so gruselig wurde der zweite. Ich verlor in der Dämmerung an einer Hügelkuppe voller Findlinge, die auch die Kulisse für einen Horrorfilm sein könnten, den Westweg. Obwohl ich mir immer wieder sagte, dass alles okay ist, ich ein Zelt habe, ich eine Lampe habe, die grobe Richtung kenne und den Weg mit mehr Ruhe bestimmt wieder finde, hetzte ich panisch durch den Wald, bis ich endlich wieder einen Wegweiser fand. Eine halbe Stunde später kam der nächste Schreck…

  • Meine Freizeit unter der Woche verbringe ich meistens damit, mein Gehirn zu entspannen oder mein Zimmer aufzuräumen und bin froh, wenn ich es geschafft habe, unfallfrei mein Essen zu kochen. Bisher gingen dabei erst zwei Gläser, eine Flasche Holundersirup und ein Topfdeckel zu Bruch. Als nach wie vor eher introvertierter Mensch verbringe ich meine Freizeit dann auch am liebsten alleine.
  • Am Wochenende gehe ich im Schwarzwald wandern, treffe Freunde oder Familie. Manchmal schaue ich mit meiner kleinen Schwester Laura Horrorfilme, obwohl ich es als leicht beeindruckbarer, nicht an Filme gewöhnter Mensch besser wissen sollte. Ich schaue extrem selten Filme, ich habe dafür kein Durchhaltevermögen. Nach Don’t be afraid of the dark sah ich monatelang die kleinen Kreaturen in den dunklen Schatten an der Zimmerdecke. Und bei Lights Out war ich eine der wenigen im Kino, die richtig losgekreischt hat. Manchmal restauriere ich einen alten Stuhl (auf dem ich gerade sitze, während ich tippe), schwimme (ja, ist schon eeetwas länger her, dass ich diesen Satz geschrieben habe…) quer durch den Baggersee, esse fünf Kugeln Eis (wie gesagt, es ist schon länger her), lese ein paar ziemlich viele Bücher. Also alles mega unspektakulär und langweilig, finde ich. Oh, und ich bin doch heimatverbundener, als ich erwartet hätte.
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Ich fand eine Hütte, neben der ich zelten wollte, 200 Meter von der Zivilisation entfernt, lieber langsam einsteigen, ist meine Devise. Aber: da stand jemand im stockfinsteren. Ein junger Mann, bis obenhin eingemummelt. Er reagierte nicht auf meine Begrüßung und unsere Konversation verlief etwa so: Ich: „Sprichst du Deutsch?“ „Äh – ja.“ „Was machst du hier?“ „Auf einen Freund warten.“ „Ja, geht ihr dann wieder weg? Oder bleibt ihr jetzt hier?“ „Ne, wir gehen.“ Wahrscheinlich fand er mich genau so unheimlich wie ich ihn. Bevor ich an dem Abend einschlafen konnte, lag ich eine Stunde lang stocksteif in meinem Schlafsack und lauschte den rauschenden Blättern und knackenden Zweigen um mich herum. Es war übrigens kalt und der Rucksack war schwer, als ich das Foto gemacht habe.

  • Mit Sadaqat bin ich immer noch zusammen, so mehr oder weniger. Er hat mich im letzten Winter zwei Monate lang besucht, dann war ich im Mai noch 10 Tage bei ihm und jetzt im September nochmal drei Wochen. So eine krasse Fernbeziehung ist allerdings sehr schwierig, zumal das Internet fast nie gut genug ist, um skypen zu können. So bleibt nur das Chatten auf Facebook übrig. Es ist eben alles nicht so einfach, und von den Zukunftschancen haben wir da noch gar nicht geredet, denn ich möchte nicht in Pakistan leben, und für ihn ist Deutschland auch kein ideales Land. Für mein Gefühl verläuft unsere Beziehung gerade im Sand.

Ich fasse mal zusammen: ich fühle mich momentan sehr wohl hier und es ist für mich eine gute Art, ein paar Jahre zu verbringen und mein Konto wieder aufzufüllen. Die Berge und Wälder in direkter Nähe sind für mich auch ein sehr großes Plus.

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Tagsüber alleine zu wandern macht mir nichts aus, aber abends wäre ich doch lieber zu zweit gewesen. Bei meiner dritten Übernachtung mit grandiosem Ausblick nach Osten fing ich fast an zu weinen, weil es so früh dunkel und kalt wurde. Wäre noch jemand dabei gewesen, hätte ich vielleicht ein Lagerfeuer gemacht. Aber so verkroch ich mich mit Mütze, Schal, Handschuhen und zwei bis vier Schichten Kleidung in meinen Schlafsack, las Lovecraft’s „Berge des Wahnsinns“ zu Ende – nicht die geeignete Lektüre für diese Umgebung! – und widmete mich dann den Memoiren eines Iren, der in den 60ern per Anhalter auf dem Hippietrail nach Indien gereist ist. Von 21:00 bis 6:00 schlief ich wie ein Stein und wurde mit diesem grandiosen Sonnenaufgang über dem Tal voller Nebel begrüßt. Nach einer zweistündigen Aufwachphase beobachtete ich noch spielende, furchtlose Eichhörnchen und wanderte nach Titisee. Es war eine wunderschöne Erfahrung, ich werde meine Ausrüstung optimieren und versuchen, meine Furcht vor dem dunklen Wald im Frühjahr zu überwinden. Übung macht den Meister.

Und, ja – sehne mich immer noch nach Reisen und Abenteuern. Ich lese Reiseblogs, folge Reisenden auf Instagram oder Facebook, lese Bücher die sich mit Reisen oder Abenteuern, oder beidem beschäftigen und plane meinen nächsten Urlaub. Beim Zugfahren mache ich es mir auf zwei Sitzen, meinem Rucksack, meiner Jacke und meinem selbstgenähten Reisekissen bequem, decke mich mit einem riesigen Schal zu, schließe die Augen, höre Metal und träume von Reisen, die ich machen könnte. Per Anhalter, auf dem Motorrad, zu Fuß als Langstreckenwanderung, in entlegene Ecken der Welt… aber dazu mehr in einem anderen Blogbeitrag. Vermutlich noch im Januar.

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Per Anhalter durch Lateinamerika: Interview mit Christian

***Christian ist fast 2 Jahre lang von Mexiko nach Argentinien und dann hoch nach Brasilien gereist. Er war damit in den meisten Ländern Lateinamerikas, oft couchsurfend oder per Anhalter unterwegs. Seit Sommer 2015 ist er wieder in Deutschland und lebt in Berlin, wo er eine Psychotherapeutenausbildung macht.

Ihr kennt ihn mittlerweile sicherlich gut, denn ich habe schon zwei Gastartikel von ihm veröffentlicht und ihn öfter mal in einem Nebensatz erwähnt.

Hier kommen meine Fragen und seine Antworten – viel Spaß beim Lesen des zweiten Teils der Interviewserie!***

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Nach einer langen, anstrengenden Wanderung sitzt Christian in Machu Picchu und macht nebenbei Werbung für die deutsche Fußballmannschaft, die gerade die WM gewonnen hatte.

Was war für dich der Auslöser für deine Reise?

Für mich war es schon immer ein Traum durch Südamerika zu reisen, unter anderem auch beeinflusst durch Filme wie „Motorcycle Diaries“ über die Reise von Che Guevara… das dann nach Abschluss des Studiums zu machen war auch eine gute Motivation.

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Auf dem Weg von Quetzaltenango zum Lago Atitlán in Guatemala. Der Blick über das Nebelmeer erinnert an „Der Wanderer über dem Nebelmeer“ von Caspar David Friedrich

Welche Länder haben dich am meisten beeindruckt, und weshalb?

Peru: Neben Mexiko das beste Essen, traumhafte Natur und Wandermöglichkeiten, beeindruckende Geschichte und Ruinen, besonders in den Bergen fühlt man sich kulturell in einer anderen Welt, Amazonas… Fazit: mein absolutes Lieblingsland, ich will auf jeden Fall noch mal zurückkehren.

Kolumbien: Extrem freundliche Leute, wunderschöne Natur, ohne die vielen sozialen Probleme wäre es das Paradies auf Erden. Der Segeltrip von Panama durch die Karibik nach Kolumbien war eines meiner absoluten Reisehighlights.

Chile: unglaubliche Natur, vor allem in Patagonien, die vielleicht schönste Gegend die ich je gesehen habe. Vergleichbar mit Neuseeland, aber oft deutlich untouristischer und abenteuerlicher, hier kann man ohne Guide wunderbare Treks wandern bei denen man Flüsse durchquert, wild zeltet und am Lagerfeuer den Sternenhimmel bewundert. Ein wahres Outdoorparadies!

Argentinien: Buenos Aires ist meine absolute Lieblingsstadt in Lateinamerika, die argentinische Lebensart hat einen Charme, dem man sich nicht entziehen kann und die Leute sind fast alle unglaublich freundlich und offen.

Kuba: absolut faszinierendes, verrücktes Land, Havanna hat eine mitreißende Atmosphäre und die Strände könnte man sich im Traum nicht schöner vorstellen.

Mexico: auch ein absolut fantastisches Land, Mazunte und die Isla Holbox gehören zu meinen absoluten Lieblingsorten.

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Irgendwo in Chile. Die Tiere sind glaube ich Vicuñas.

Du bist ja sehr viel gewandert – was waren deine Top 3 Wander- beziehungsweise Naturhighlights?
1. Torres del Paine
2. Salkantay Trek
3. Santa Cruz Trek

Wohin würdest du nie wieder reisen wollen?
Caye Caulker in Belize: schlechtes Essen, relativ teuer und sehr viele Touristen. Meiner Meinung nach absolut überbewertet.

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Ein paradiesischer Traumstrand der San Blas-Inseln, auf dem Seeweg von Panama nach Kolumbien. So eine mehrtägige Segeltour kostet mit Glück ab etwa 500 Dollar pro Person, und es scheint eine absolut spektakuläre Reise zu sein, wie mir von mehreren Seiten berichtet wurde.

Was hast du unterwegs am meisten vermisst?
Man würde jetzt an Familie und Freunde denken, aber die habe ich gar nicht so sehr vermisst wie man eigentlich erwartet, durch moderne Kommunikationsmittel kann man mit allen in Kontakt bleiben. Dazu kommt, dass man ja ständig neues erlebt und neue Bekanntschaften macht. Ich freue mich ohnehin lieber über das was ich habe, als darüber zu trauern was ich gerade nicht habe. Wobei in Guatemala manchmal eine heiße Dusche sehr schön gewesen wäre ;-) [Ich stimme ihm zu, für mich war Guatemala auch „das Land der kalten Duschen“]

Wie war es für dich gesundheitlich, hattest du irgendwelche Probleme?
Abgesehen von Montezumas Rache gleich nach meiner Ankunft in Mexiko nichts Gravierendes. Wobei ich allerdings auch zweimal von Hunden gebissen wurde – einmal hat nur die Hose gelitten, das andere Mal gab es eine blutende Wunde. Glücklicherweise waren sowohl der Hund als auch ich gegen Tollwut geimpft…

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Blick über Antigua in Guatemala vom Cerro de la Cruz, im Hintergrund einer der vielen Vulkane dieses Landes

Viele denken, dass das Reisen per Anhalter sehr gefährlich sei. Was ist deine Meinung dazu?

In vielen Ländern ist das Busfahren deutlich gefährlicher! Ich habe eigentlich nur positive Erfahrungen gemacht. Man lernt die verrücktesten Leute kennen und fast alle waren extrem freundlich. Einige haben mich sogar noch zum Essen eingeladen oder bei sich zu Hause übernachten lassen und man lernt sehr viel über das jeweilige Land.

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Achacachi in Bolivien

Was war für dich die gefährlichste Situation?
Einmal habe ich mich bei eiskaltem Regen und Nebel in einem Nationalpark in Kolumbien auf 4000 Metern Höhe ohne Zelt und mit vollkommen durchnässter Kleidung verlaufen. Das hätte übel enden können, hätte ich nicht im letzten Licht des Tages noch eine rettende Hütte gefunden.

In Brasilien wollten mich am heiligsten Tag ein paar 15 Jährige ausrauben. Sie haben an meinem Rucksack gezogen und ich habe sie weggestoßen und laut geschrien, da noch andere Leute in der Nähe waren. Glücklicherweise sind sie dann weggelaufen. Ich hatte allerdings auch Glück, dass sie keine Messer etc. dabei hatten. Normalerweise sollte man bei Überfällen immer kooperieren.

Auf einer Insel in Nicaragua wurde ich mal von einer Art Wasserschlange in den Zeh gebissen, vor Schreck bin ich ausgerutscht und mit dem Wangenknochen auf einen Stein geprallt. Um schneller ins Dorf zu kommen musste ich einen Hang hoch kraxeln und durch den Dschungel irren bis ich auf einer Bananenplantage und dann endlich auf dem Weg ins Dorf landete. Dort wurde ich aufgrund der Platzwunde im Gesicht erst mal von allen entsetzt angestarrt, war aber erleichtert als ich erfuhr das es dort keine giftigen Schlangen gibt und dass das eher eine Art Aal war – allerdings mit recht scharfen Zähnen, man erzählte mir von einem Fischer der seinen Daumen verlor. [Ich war da auch dabei und habe mich gewundert, als er von seiner kurzen Wanderung vollkommen lädiert zurückkam]

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Im vordergrund Mais und Bananen, im Hintergrund ein Wasserfall im guatemaltekischen Wald.

Was waren die wichtigsten Dinge, die du über dich oder über andere Menschen gelernt hast?
Es braucht nicht viel um glücklich zu sein.

Würdest du sagen, dass deine Reise dich verändert hat?
Im Grunde verändert und entwickelt man sich im Laufe seines Lebens ja ständig. Sicherlich hat mich die Reise geprägt und wird mir lange in Erinnerung bleiben, aber ich würde auf keinen Fall soweit gehen zu sagen, dass ich ein anderer Mensch sei. Im Gegenteil, ich habe eher den Eindruck, noch genau der selbe zu sein. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich auch vorher schon sehr viel per Anhalter gereist bin, quer durch Europa und Neuseeland, ein Jahr in Madrid gelebt habe und in Wien mehrere Jahre in einem internationalen Studentenwohnheim. Das alles hat mich deutlich mehr geprägt, gefestigt und meinen Horizont erweitert, da war meine Lateinamerikareise vielleicht eher so was wie das Sahnehäubchen…

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An der Grenze zu Bolivien gibt es spektakuläre Vulkane, und der tiefblaue Himmel scheint zum Greifen nahe.

Wie war es für dich, wieder nach Deutschland zurückzukommen? Fiel dir das Einleben schwer oder leicht? 

Das Einleben fiel mir sehr sehr leicht, da ich mich schon vorher sehr wohl in Europa fühlte und ich mich während der letzten Wochen meiner Reise sehr auf die Rückreise gefreut hatte. Im Sommer zurück zukommen war aber auf jeden Fall eine sehr gute Idee! Außerdem war es gut für mich, ein paar kleinere Trips durch Europa zu machen und dann in Berlin zu leben, wo man auch jeden Tag Neues entdecken kann und Leute aus jedem Teil der Erde kennenlernen kann.

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Ist das nicht der perfekte Schlafplatz? Hängematten direkt am Strand in Kolumbien. (Natürlich nur, wenn man die Kunst beherrscht, in Hängematten zu schlafen… es hat mich ungefähr 7 schlaflose Nächte gekostet und ich weiß nicht, ob am Ende meine Übermüdung gesiegt hat oder ich diese Kunst tatsächlich endlich gemeistert habe. Tip: Diagonal liegen und eine sehr breite Hängematte suchen!)

Kannst du dir vorstellen, nochmal eine lange Reise zu machen?
Definitiv! So in 3 bis 4 Jahren vielleicht… es gibt noch so viele andere Länder, die ich entdecken könnte. Eine Idee wäre, per Anhalter von meinem Heimatdorf nach Indien und dann nach Nepal, um den Annapurna-Trek zu laufen. Nach Afrika würde ich auch gerne mal…

Was würdest du anderen Reisenden mit auf den Weg geben?
Es geht gar nicht darum, möglichst schnell und bequem von A nach B zu kommen und A, B, C etc. auf einer imaginären (oder realen?) Liste abzuhaken, sondern sich auch mal treiben lassen und auch mal irgendwo landen wo man eigentlich gar nicht hinwollte. Das bereicherndste für mich waren immer die Menschen, die ich unterwegs getroffen habe.

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So weit wie möglich ohne Flugzeug: Interview mit Martin und Verena

Martin und Verena sind seit mehr als 1,5 Jahren unterwegs, und zwar hauptsächlich über Land und mit einem niedrigen Budget. Ursprünglich wollten sie von Deutschland nach Australien ohne ein Flugzeug zu benutzen, unterwegs haben sie ihre Reiseroute dann abgeändert und die Reisedauer verlängert, so dass sie jetzt auch noch Mittelamerika bereisen können.

Dieses Interview ist das erste in einer hoffentlich dreiteiligen Interviewserie. Nehmt euch viel Zeit und genießt ihre Schilderungen! Wenn ihr noch mehr tolle Bilder sehen und Berichte lesen möchtet, könnt ihr ihren Blog besuchen: www.catchthemoment.de

1 Armenien

Beim Wandern in Armenien

Was war für euch der Auslöser für eure lange Reise?

Das können wir beide gar nicht so genau definieren. Wir hatten einfach beide große Lust verspürt, für längere Zeit zu reisen und ohne Zeitdruck zu entscheiden, wo es uns gefällt und wie lange wir an einem Ort bleiben wollen. Natürlich waren wir sehr neugierig und offen dafür, fremde Kulturen und Bräuche kennen zu lernen, außerdem waren wir abenteuerlustig und so haben wir uns vorgenommen, von Deutschland nach Australien zu reisen ohne ein Flugzeug zu benutzen.

Welche Länder haben euch am meisten beeindruckt, und weshalb?

Das ist eine schwierige Frage, die Welt ist so schön und irgendwie hat jedes Land seine Besonderheiten… Am meisten beeindruckt haben uns dennoch Armenien, Iran, Pakistan, Indien und Papua Neuguinea.

Armenien war einfach perfekt zum Wandern und wild Zelten. Die Menschen dort sind super entspannt, keinen stört es wenn man irgendwo ein Lagerfeuer macht oder gar sich nackt im Fluss wäscht. Jeder weiß, wie das Prinzip Trampen funktioniert und man erregt als Europäer keine Neugierde – oder zumindest zeigt das keiner.

Das Überraschende für uns im Iran war, dass viele Menschen und Orte viel moderner waren als wir es erwartet hätten. Irgendwie haben wir mit lauter Lehmhütten in weiten Wüstenlandschaften gerechnet. Diese gibt es auch, allerdings stellen die Städte mit ihrer perfekten Infrastruktur einen starken Kontrast dazu dar. Völlig umgehauen hat uns auch die muslimische Gastfreundschaft, die wir sowohl im Iran, als auch in Pakistan kennen lernen durften.

2 Iran

Zu Gast im Iran

In Pakistan ging das so weit, dass wir teilweise noch nicht einmal im Restaurant unsere Rechnung zahlen durften, weil der Inhaber es uns nicht erlaubte. Aber das absolute Highlight in Pakistan waren die Berge im Norden. Auf unserer Reise entlang dem Karakorum Highway hat uns dessen Schönheit und Dramatik des Öfteren den Atem genommen.

Indien ist einfach verrückt, schön, schmutzig, aufregend, fremd, exotisch, anstrengend und witzig zugleich und zudem so groß und vielfältig, dass wir einfach nicht genug davon bekommen konnten.

Papua Neuguinea ist mit Abstand das am wenigsten entwickelte Land in dem wir waren. Die Menschen lebten bis vor wenigen Jahren noch ausschließlich in Stämmen und im Inland auf dem Stand der Steinzeit! Es war unheimlich aufregend und spannend, hier auf eigene Faust zu reisen und mit den Menschen in Kontakt zu kommen.

3 Iran

Die Wüste im Iran

Wohin würdet ihr nie wieder reisen wollen?

Wir haben kein Land wirklich gehasst oder irgendwo schlechte Erfahrungen gemacht, allerdings würden wir wohl nicht unbedingt nochmal nach Myanmar, Thailand, Laos, Kambodscha und Malaysien fahren.

Wie war es für euch gesundheitlich, hattet ihr irgendwelche Probleme?

Unser erster Krankenhausaufenthalt war in Pakistan, als wir uns beide eine starke Lebensmittelvergiftung zugezogen hatten und über 40°C Fieber und starke Durchfälle hatten. Darauf folgten einige harmlosere Magen-Darm Probleme von Martin in Indien. Schlimmer war dann leider die Malaria, die er sich in Papua Neuguinea eingefangen hatte und die auf Fiji im Krankenhaus behandelt wurde. Kurz darauf hat er sich auch noch mit Denguefieber in Guatemala angesteckt. Verena leidet momentan an Bindehautentzündung. Das hört sich alles ganz schön viel an, allerdings sind zwei Jahre eine lange Zeit und die schönen Erinnerungen überwiegen deutlich.

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Autofahren in Pakistan – da passen viel mehr Leute ins Auto, als man denken würde.

Was war für euch die gefährlichste Situation?

Wir haben uns einmal mit viel zu wenig Essen, sehr schlechtem Equipment und ohne Karte im Kaukasus bei schlechtem Wetter verlaufen und mussten dort dann ungeplant die Nacht überstehen, und Verena geriet in Papua Neuguinea mal in einen bewaffneten Raubüberfall.

Aber wahrscheinlich lauerten die größten Gefahren im Straßenverkehr in Ländern wie Pakistan, Nepal oder Indien.

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Na, wer kennt den Ausblick noch? Das hier ist ein Weg hoch über dem Hunzatal.

Ihr wart oft per Anhalter unterwegs – habt ihr dabei auch negative Erfahrungen gemacht?

Diese Frage wird uns sehr oft gestellt. Aber die Erinnerungen ans Trampen gehören zu den schönsten und lustigsten der Reise. Wir haben äußerst positive Erfahrungen dabei gemacht. Wir wurden oft in Restaurants eingeladen oder anderweitig beschenkt und haben viele interessante und lustige Menschen kennengelernt. Nur einmal sind wir bei einem ziemlichen Raser eingestiegen, der uns mir seiner halsbrecherischen Fahrweise wohl beeindrucken wollte. Und einmal wollte ein Fahrer im Iran einen Haufen Geld von uns, obwohl wir ihn vor der Fahrt auf mehreren Wegen gefragt hatten, ob er ein Taxifahrer ist oder nicht.

Beim Thema „Indien“ denken viele Leute an „Da wird man alle 5 Minuten begrapscht“, wie waren eure Erfahrungen zu diesem Thema?

Wir haben insgesamt dreieinhalb Monate in Indien verbracht. Einmal sind wir eine kurze Strecke mit der niedrigsten Klasse im Zug, also der General Class gefahren. Da herrscht ein wahnsinniges Gedränge und Verena wurde bei dem Versuch in den Zug zu steigen ziemlich übel von dem hinter ihr stehenden Mann begrapscht. Da es so eng war, war sie dem hilflos ausgeliefert und konnte sich weder richtig wehren, noch sehen zu wem die Hände gehörten. Von diesem einen Erlebnis abgesehen haben wir in Indien ausschließlich positive Erfahrungen gemacht und die Menschen dort mit ihrem Witz und ihrer Fröhlichkeit sehr lieben gelernt. Dass Männer diesbezüglich Grenzen überschreiten, haben wir persönlich aber keineswegs als speziell indisches Problem wahrgenommen, es ist auch in anderen Ländern während der Reise passiert und natürlich auch schon vor der Reise in Deutschland…

6 Indien

Im Spiti Valley in Indien

Verena, wie kommst du damit zurecht, dass du in vielen Ländern in deiner Kleidungswahl eingeschränkter bist und beispielsweise lange Hosen oder ein Kopftuch tragen solltest oder wie im Iran sogar musst?

Ich erinnere mich an meine erste Nacht in einem iranischen Guesthouse. Wir hatten ein Zimmer ohne Bad und ich empfand es als ziemlich nervig, mir jedes Mal ein Kopftuch anzuziehen, wenn ich nur mal eben auf Toilette wollte. Aber ich habe mich trotz der Hitze schnell daran gewöhnt und hätte mich wahrscheinlich äußerst unwohl gefühlt, zum Beispiel mit kurzen Hosen auf der Straße in Pakistan. Irgendwie war es eben normal gewesen, weil ja um mich herum auch alle diese Kleidung trugen. Manchmal hat es mich aber auch wütend gemacht, wenn ich zum Beispiel im Iran gesehen habe, wie die Männer einfach in Unterhose in einen Fluss gesprungen sind und die Frauen voll bekleidet mit Jeans, Kopftuch und Mantel baden mussten.

Es war eine interessante Erfahrung und ich habe die Freiheit in Deutschland diesbezüglich noch mehr zu schätzen gelernt.

7 Indien

Indien

Ich habe euch als sehr respektvolle Reisende, die sich so weit wie möglich an die kulturellen Normen des jeweiligen Landes anpassen, erlebt. Gab es für euch auch mal eine Situation, in der ihr dachte „ne, jetzt reichts, so einen Scheiß mache ich nicht“? 

Manche Sitten, Normen und Bräuche empfanden wir zwar als umständlich oder auch nervig, aber im Prinzip waren wir ja nie länger als ein paar Wochen irgendwo, und für diese Zeit haben wir uns dem eben gebeugt. Nur einmal hat uns eine sehr traditionelle und konservative Familie im Iran zu sich nach Hause eingeladen und während Martin auf dem Motorrad stolz durchs Dorf gefahren wurde, wurde Verena die ganze Zeit aufgefordert sich hinzulegen und zu schlafen, während die Frauen das Essen vorbereiteten. Dagegen hat sie sich zwar gewehrt aber wirklich geändert hat das an der Situation nichts.

Was war euer kuriosestes oder kulturelles Missverständnis? Seid ihr mal so richtig in ein Fettnäpfchen getreten?

Spontan erinnern wir uns an eine Situation in Indien während eines Meditationskurses. Jeden Abend gab es eine 120 minütige Vorlesung, die wir beide zusammen als einzige Teilnehmer auf Englisch via Video anhörten. Es waren also nur wir beide und eine Aufpasserin im Raum, die darauf achtete, dass wir uns nicht anschauten oder miteinander kommunizierten. Nachdem wir am ersten Tag den ganzen Tag im Schneidersitz saßen, haben wir abends vor dem Video erleichtert unsere Beine ausgestreckt. Die Aufseherin wurde ganz aufgeregt und hat uns zu verstehen gegeben, dass es äußerst unhöflich ist, mit den Füßen auf eine Person zu zeigen. Das wussten wir auch schon vorher, allerdings war uns nicht bewusst, dass das auch für Personen gilt die nur im Fernsehen zu sehen sind.

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Dort gibt es übrigens nicht viele Touristen

Welche besonderen Herausforderungen stellt die Reise an euch als Paar? Wie geht ihr damit um?

Natürlich ist es nicht immer einfach wenn man 24 Stunden täglich sieben Tage die Woche für fast zwei Jahre mit ein und derselben Person zusammen ist. Zudem wird man auf so einer Reise mit sehr wenig Komfort und sehr ungewohnten Situationen konfrontiert, die man so vorher noch nicht kannte und auf die jeder Mensch anders reagiert. Die Reaktionen reichen dann von ängstlich, gereizt oder genervt bis zu erfreut, neugierig oder euphorisch. Schwierig wirds dann, wenn der Partner in so einer Situation genau entgegengesetzt empfindet. Wir mussten lernen, dabei auf den anderen einzugehen anstatt abzublocken oder Unverständnis zu zeigen.

Uns hat es auch sehr geholfen, dass wir sehr offen über alles reden können und somit wenig Raum für Missverständnisse bleibt. Natürlich darf man auch nicht jeden launischen Kommentar des anderen auf die Goldwaage legen.

Uns hat aber die Reise bisher eher noch mehr zusammengeschweißt, alleine wäre keiner von uns beiden so lange gereist und in vielen Situationen ist es hilfreich, wenn man zu zweit ist.

Wir haben uns vor der Reise des öfteren gegenseitig beteuert, dass wir auch mal zwischendurch ein paar Wochen getrennt reisen können, allerdings hatte während der letzten 20 Monate keiner von uns das Bedürfnis dazu. Es ist einfach schön einen Menschen zu haben, mit dem man all die tollen Erlebnisse und Erinnerungen teilen kann.

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Dafür aber beeindruckende traditionelle Trachten

Was waren die wichtigsten Dinge, die ihr über euch und über andere Menschen gelernt habt?

Wir haben ziemlich schnell die Erkenntnis gewonnen, dass wir keinen Komfort oder Luxus brauchen, um glücklich zu sein. Am freiesten, lebendigsten und glücklichsten haben wir uns immer dann gefühlt, wenn wir irgendwo allein in der Natur waren, uns in Flüssen gewaschen und am Lagerfeuer gekocht haben.

Zudem haben wir beide die Erkenntnis gewonnen, dass wenn man sich unglücklich oder unzufrieden fühlt der Grund nicht aus der Umwelt kommen muss, sondern oft in einem selber zu suchen ist.

Durch die ein oder anderen Grenzerfahrung haben wir auch gelernt, wie stark man sein kann, wenn es wirklich drauf ankommt.

Bezüglich anderer Menschen hat sich unser Verdacht bestätigt, dass der Großteil der Menschen in jedem Land gut ist, und einem nichts Böses will. Und wenn man jemandem offen und respektvoll begegnet, dann wird man selbst ebenso behandelt.

Würdet ihr sagen, dass eure Reise euch verändert hat?

Ja natürlich, hat uns die Reise verändert. Verena ist deutlich selbstbewusster und gelassener, und wir beide haben einen viel weiteren Horizont als zuvor. Martin wiegt außerdem nun 10 kg weniger :-)

Welche Tipps und Tricks hättet ihr gerne vor eurer Reise schon gekannt?

Da fällt uns spontan gar nichts ein. Wir sind froh, dass alles so gekommen ist wie es ist und würden auch alles wieder so machen.

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In Papua-Neuguinea

Was würdet ihr anderen Reisenden mit auf den Weg geben?

Manches kommt anderen als man denkt, seit spontan, offen und mutig. Nehmt euch genügend Zeit um flexibel zu bleiben. Hört auf eure Intuition und nutzt den gesunden Menschenverstand!

Könnt ihr euch vorstellen nochmal für längere Zeit zu reisen?

Ja auf jeden Fall! Allerdings würden wir wohl nicht nochmal mit so wenig Geld reisen. Wir haben schon damit geliebäugelt, irgendwann mit unserem eigenen kleinen Bus und Matratze hinten drin nochmal die Seidenstraße entlang zu fahren… und das ist nur eine von ganz vielen anderen Ideen.

Was sind eure Pläne für eure Zukunft in Deutschland?

Im Moment freuen wir uns auf unser gewohntes soziales Umfeld und darauf, es uns irgendwo zusammen gemütlich zu machen, ein geregeltes Einkommen zu haben und ganz viel Brot mit Käse zu essen :-)

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… und was machst du jetzt so?

Ich bin seit 6 Wochen etwa wieder in Deutschland.

Seitdem habe ich enorm viel geschlafen.

Enorm viel Ungesundes gegessen: gefrorene Windbeutel! Butterbrezeln! Weihnachtskekse! Himbeereis! Mousse au Chocolat! Brausestäbchen! Schokolade! So langsam bekomme ich aber wieder Lust auf Gemüse…

Einige aber nicht alle Freunde und Familienmitglieder getroffen.

Einmal war ich 150 Kilometer von daheim weg, aber ansonsten bewegte ich mich maximal im 20-Kilometer-Umkreis.

Momentan habe ich gar keine Lust auf Reisen, auch wenn ich natürlich immer noch Blogs und Bücher lese, die meine Reiselust wieder herauskitzeln.

So ganz bin ich noch nicht daheim angekommen: auf dem Weihnachtsmarkt stupste mich ein kleiner Junge an, nuschelte leise etwas und hielt mir zwei Glühweintassen hin. Ich sagte: „Nein, danke, ich möchte keine Tassen kaufen“ und verstand erst 10 Sekunden später, dass er zu klein war um zur Theke zu reichen und die Pfandtassen zurückgeben wollte… ich entschuldigte mich und war beschämt und amüsiert gleichzeitig über mein lange Jahre eingeübtes Bettlerablehnverhalten, das hier leider den falschen traf.

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Glücklicherweise lebe ich am Fuß des höchsten deutschen Mittelgebirges – dem Schwarzwald. Dadurch kann ich bei schönem Wetter einfach schnell einen Abstecher auf den höchsten Berg in der Umgebung machen, wo es dieses Jahr schon einen halben Meter Schnee gab.

Mein Computer stirbt gerade einen langsamen Tod. Letzte Woche konnte er nur durch ich sag mal, intensivmedizinische Behandlung durch meinen Vater inklusive Aufschrauben, Eingeweidesichtung, Festplattenausbau, Reparatur selbiger  und Wiedereinbau wieder gerettet werden. es war sehr knapp. Wenn er noch länger als 2 Monate mitmacht bin ich sehr überrascht. Ich kann es nur wiederholen, ihr solltet IMMER eine aktuelle Datensicherung haben.

Außerdem freue ich mich unglaublich, dass Sada tatsächlich ein Visum bekommen hat und das sogar für zwei Monate. Niemand der es erfährt kann es glauben, auch wir selbst nicht so richtig, denn die deutsche Botschaft in Pakistan ist nicht dafür bekannt, bei der Visavergabe so großzügig zu sein, ganz im Gegenteil. Ich nenne es „das Wunder von Islamabad“ und in einer Woche wird er schon hier sein.

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Es waren überraschend wenig Leute unterwegs an diesem Freitagnachmittag und da die Sonne schon um 16:30 untergeht, kam ich genau in der Abendstimmung an.

Und: ich arbeite! Ich habe eine 40-Stunden-Woche und ich werde dafür bezahlt. Nach 2 Jahren ist das mein erster Job.

Was ich mache? Also, es ist so. Ich habe eine Arbeit gesucht, den ich für eine Zeit von etwa 3 Monaten machen kann, bis ich etwas anderes gefunden habe – und länger wird es hoffentlich auch nicht werden, wie ihr sicher nachvollziehen könnt, wenn ihr den Blogartikel fertiggelesen habt.

Meine Arbeitszeiten wechseln, aber in der Regel sind es 8 Stunden pro Wochentag. Ich arbeite bei einem kleinen, unbekannten, international aufgestellten Automobilzulieferer. Ich werde sogar jeden Tag von einem Chauffeur abgeholt und wieder zurückgebracht, was sehr gut ist, sonst müsste ich nämlich 20 Kilometer pro Strecke mit meinem generalüberholungsbedürftigen Fahrrad fahren.

Man könnte sagen, meine Tätigkeit ist ideal für einen Wiedereinstieg ins Arbeitsleben. Ich brauche Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Bescheidenheit und Dankbarkeit, Konzentration auch über mehrere Stunden hinweg, eine qualitätsbewusste und doch effiziente Arbeitsweise, eine gut entwickelte Feinmotorik, Durchhaltevermögen auch bei monotonen Tätigkeiten, Teamfähigkeit und die Fähigkeit, mit unterschiedlichsten Menschen umzugehen. Das Team, in dem ich arbeite, hat nur fünf Mitglieder, aber wir stammen aus vier verschiedenen Ländern. Ich lerne außerdem ein Unternehmen von einer ganz anderen Sichtweise als bisher kennen und es ist höchst aufschlussreich.

Am Liebsten arbeite ich nachts, danach werde ich von dem Chauffeur abgeholt und kann mich daheim in mein gemütliches Bett kuscheln, mich zu einer Kugel zusammenrollen, die Decke über den Kopf ziehen, ein paar Mal langsam atmen und 8 bis 9 Stunden lang ohne einmal aufzuwachen durchschlafen. Nur wenn ich morgens arbeite ist es brutal, denn dann muss ich um 4 Uhr aufstehen und auf jeden Fall auf die Minute pünktlich sein. Jetzt kann ich es ja verraten, ich hätte vor ein paar Jahren beinahe eine Abmahnung wegen mehrfachen Verschlafens bekommen. Nach diesem Hardcoretraining fühle ich mich gewappnet für unmenschliche Aufstehzeiten wie 7 Uhr und weiß jetzt, dass ich der ideale Nachtmensch bin.

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Der Blick reicht hier über die westliche Vorgebirgszone, das Rheintal ist in einem zähen Nebel verschwunden.

Wisst ihr, man kann alles schönreden und es gut verkaufen. Was ich eigentlich mache ist: über eine Zeitarbeitsfirma mit Fahrdienst zum Mindestlohn als ungelernte Produktionshelferin zu arbeiten.

Es ist beinahe der schlimmste Job der Welt. Okay, es geht sicherlich noch schlimmer: Straßenbauerbeiter in Indien, Teppichknüpfer in Pakistan, Minenarbeiter in China. Für mich ist es einer der schlimmsten Jobs der Welt, denn ich mache jeden Tag mindestens 4, oft 8 Stunden lang genau das gleiche ohne jeglichen geistigen Anspruch. Ich stehe stundelang am gleichen Fleck und bewege nur die Arme. Es ist keine Fließbandarbeit, sondern wir fügen Teile zusammen, legen sie in Schweißmaschinen ein, nehmen sie wieder heraus. In einem anderen Arbeitsschritt werden sie kontrolliert und verpackt. Man muss nur darauf achten, dass man immer alle Teile komplett und richtig einlegt. Eigentlich sind alle Leute hier Erweiterungen von Maschinen, wir füttern sie, wir nehmen ihr das Ausgespuckte wieder ab, wir berühren jedes Teil mindestens ein Mal. Falls ihr in näherer Zukunft einen Porsche mit Turbomotor kauft, ist da vielleicht ein Teil drin, das die Schweißmaschine unter meiner Aufsicht geschweißt habt. Ich hoffe, es bereitet euch keinen Kummer.

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Da ich schon gefühlte 10.000 Mal auf der Hornisgrinde war, kenne ich dort einige Schleichwege, die bei Schnee wunderschön aussehen.

Tollpatschig bin ich nämlich immer noch sehr, weshalb ich mich anstrenge, meine Konzentration lange aufrecht zu erhalten. Bisher habe ich meine Mitarbeiterkarte verloren und wiedergefunden, habe falsch gestempelt, mich um 4 Uhr morgens ausgesperrt, bin an Tische gestolpert, beim Verlassen des Gebäudes fast schwungvoll in einen Abfalleimer gelaufen, habe einiges fallengelassen, aber FAST alles wiedergefunden und aufgehoben. Ich konzentriere mich sehr, damit ich nicht versehentlich ein Teil beim Schweißen vergesse und es zu einer teilweise mehrstündigen Maschinenstörung kommt. Deshalb kann ich nicht einmal meine Gedanken frei schweifen lassen, ich glaube, ich könnte nicht mal bis zwanzig zählen, ohne aus dem Konzept zu kommen.

Der aufregendste Teil ist immer, wenn ich eine Kiste mit Nachschub holen kann. So jede Stunde mal. Oder wenn ich die Toilette benutze. Oder wenn Pause ist und ich etwas essen kann. Oder wenn ich die zusammengeschweißten Teile abwiege und dann schriftlich Addieren und Subtrahieren darf, das Subtrahieren fand ich anfangs herausfordernd, weil ich vergessen hatte wie es geht…

Ich habe das Gefühl, dass mein IQ jeden Tag weiter sinkt. Meistens kann ich mit niemandem reden, denn alle anderen arbeiten mindestens 10 Meter weiter weg, wir müssen Hörschutz tragen und ich bin ja sowieso halb taub, was Unterhaltungen mit Hintergrundlärm sehr schwierig macht. Musikhören ist offiziell verboten, inofiziell ist es nachts aber möglich.

Wie manche Leute das jahrelang machen können, teilweise 10, 20 Jahre lang im gleichen Unternehmen sind, das kann ich nicht verstehen. Ich fand es nach einem Tag schon so höllisch dass ich unglaublich froh war, studiert zu haben und diesen Job nicht mein ganzes Leben lang machen zu müssen. Aber scheinbar ist es hier gar nicht schlecht, das Unternehmen hat zwar keine tolle Personalpolitik wie es scheint, aber dafür sind die Tätigkeiten „nicht so schlimm wie am Fließband“, meinte jemand.

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Hier seht ihr den sagenumwobenen Mummelsee. Wenn es mal richtig kalt wird, kann er komplett zufrieren. Ich bin schon mehrmals auf seinem Eis herumgelaufen, einmal sogar bei strahlendem Sonnenschein und minus 17 Grad.

Wenn ich mit anderen Leuten rede, dann war das erste Gespräch meistens in breitestem Badisch so: „Hasch du nix glernt?“ „Doch, ich hab studiert.“ „Un was machsch du dann hia?“ „Ha, Geld verdiene halt. Ich war zwei Jahr unterwegs un jetz hab ich halt schnell was gsuchd un bin hier so zwei drei Monad.“ „Ah okay. Un was hasch studiert?“ „BWL.“ „Was isch des?“ „Sso was mit Wirtschaft.“ „Hä, aba willsch dann ned im Büro arbeide?“ „Doch, aba da findet ma so schnell nix.“ Aber wisst ihr, die Leute sind alle nicht dumm. Da ist zum Beispiel eine dabei, die in der Ukraine fünf Jahre lang Elektrotechnik studiert hat, nach der Wende nach Deutschland kam, und deren Diplom nicht anerkannt wurde.

Ich werde mich nie wieder über monotone Aufgaben beschweren.

Jeder noch so dröge Bürojob ist besser als das.

Wenigstens kann man da sitzen und zwischendurch mal kurz reden.

 

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Anhaltergeschichten

Von Tallinn in Estland war ich über 2000 Kilometer per Anhalter unterwegs zurück nach Hause im schönen Südwestdeutschland – das ist natürlich nicht vergleichbar mit dem Lebenswerk von Alexey Vorov, der in 45 Jahren beinahe 2.000.000 km, in Worten: 2 Millionen Kilometer, per Anhalter fuhr. Aber trotzdem ganz nett, finde ich. Ab Deutschland war ich sogar ausgestattet mit einer druckfrischen Karte der deutschen Autobahnen und aller Raststätten, die so groß war, dass ich beim Ausklappen regelmäßig darunter verschwand, aber wenigstens wusste ich ab diesem Moment, wo Magdeburg oder Bielefeld  liegen. Es war einfach zu blamabel, wie schlecht ich mich auf deutschen Autobahnen auskannte.

Ich hatte demnach viel Zeit, neue Menschen kennenzulernen und ihre Geschichten anzuhören. Mein Zuhause erreichte ich mit noch viel mehr Glauben daran dass andere Menschen meistens nett sind, genau 11 Eurocent, 15 Zlotky und 1 Yuan im Geldbeutel und einem leeren Magen.

Hier erzähle ich euch ein bisschen mehr von den Menschen, die ich getroffen habe. Da ich mir leider Namen überhaupt nicht merken kann, sind alle mit Stern gekennzeichneten von mir frei erfunden – aber ich finde, sie passen zu den Leuten.

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Nach über 50.000 Kilometern und zwei Jahren bin ich – daheim. Es ist ein bisschen seltsam, aber so langsam gewöhne ich mich daran. Mal sehen, wie lange ich hier sein werde?

Jonas, etwa 60 Jahre alt, aus Litauen, Rallyecoach, 400 Kilometer.
Jonas hatte neben einem erstaunlichen Repertoire an Verschwörungstheorien auch interessante Begebenheiten aus seiner Jugend in der Sowjetunion zu berichten. Er war professioneller Rallyefahrer und ist jetzt Rallyefahrercoach. So eine Teilnahme an einer Rallye kostet alles in allem locker mal 120.000 Euro und Preisgelder gibt es auch keine. Es geht hier nur um den Ruhm. Er studierte an der Universität und beschloss, sein Hobby Rallyefahrer für reiche Sponsoren zum Beruf zu machen, denn „gute“ Jobs konnte man ansonsten nur bekommen, wenn man der KGB beitrat und das wollte er nicht.

Im Laufe seiner Karriere kam er dadurch auf der halben Welt herum, früher ausschließlich in der Sowietunion. Als er zum ersten Mal in die DDR kam war konnte er den ganzen Luxus dort kaum glauben. Und als er 1988 ein Rennen in Norwegen fuhr wurde sein Weltbild auf den Kopf gestellt – was es dort alles zu kaufen gab! In welch guten Häusern die Leute dort wohnten, und erst die Autos!

Jetzt war er mit seinem Schüler auf dem Rückweg von einem Rennen auf einer kleinen estnischen Insel. Ich war ganz entspannt beim Fahren, da der Fahrer extrem sicher fuhr und sich immer genau an die Geschwindigkeitsbegrenzungen hielt.

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Die Herbstfarben haben mich total fasziniert und ich hatte das Glück, von Sankt Petersburg aus den bunten Blättern hinterherzureisen. Außerdem war das Wetter überraschend gut, es regnete kaum. Und wenn man dann noch ein berühmtes Kirschenanbaugebiet in der näheren Nachbarschaft hat, hat man in Punkto Herbstfarben das goldene Los gezogen.

Viktor*, etwa 35, aus Polen, LKW-Fahrer, 400 Kilometer.
Viktor* war auf dem Weg nach Hause zu seiner Frau und seinen beiden kleinen Söhnen. Er nimmt so oft er kann Anhalter mit, denn er ist der Meinung, dass Gutes was man tut doppelt wieder zurückkommt. Er schenkte mir sogar einen Kaffee, den ich natürlich nicht ablehnen konnte, und so trank ich zum ersten Mal in beinahe 3 Jahren mal wieder Kaffeee. Er erzählte mir, dass er an der Universität Physik studiert hat, sein Gehalt als Physiklehrer aber so niedrig war dass er lieber LKW-Fahrer wurde. Jetzt fährt er oft zwischen Krakau und Cottbus, früher auch in anderen Teilen von Deutschland. Seine Frau arbeitet als Sekretärin und verdient im Monat etwa 500 Euro. Die wirtschaftliche Lage in Polen ist nach seiner Aussage schlecht, viele junge Leute wandern aus wie beispielsweise sein Bruder, der in England lebt. Zur Flüchtlingskrise sagte er, dass er nicht versteht, wieso die Flüchtlinge es in ihrem Land dann besser haben sollten als Arbeitslose oder Leute, die wenig Geld verdiene. Er findet, dass der Staat Flüchtlingen zu viel Geld geben würde. Außerdem gibt es seiner Aussage nach jetzt schon zu viel Arbeitslosigkeit. Selbst politische Parteien machen negative Stimmung: „Was ist denn das für ein Mann, der im Krieg sein Land und seine Familie zurücklässt!“

Sein Großvater war auch im (zweiten Welt-)Krieg, er musste als Kriegsgefangener an einem Bahnhof arbeiten, an dem Züge voller Nachschub in Richtung Front fuhren. Zusammen mit anderen sabotierte er mit allen Mitteln diese Züge, beispielsweise indem sie Löcher in den Boden bohrten, so dass das Getreide langsam herausrieselte, oder indem sie in die Motoren von Autos hineinpinkelten.

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Beinahe könnte dieses Bild meines Lieblingsbaumes – eine sehr alte Eiche. Das Bild könnte auch einen Frühlingsmorgen zeigen, wäre da nicht die verdächtige Gelbfärbung der Blätter…

Marius*, etwa 40, Deutschland, LKW-Fahrer, 150 Kilometer.
Stefan fährt leidenschaftlich einen Schwerlasttransporter der bis zu 100 Tonnen laden kann und erklärte mir, dass die goldenen Zeiten der Trucker vorbei sind. Kameradschaft und gemeinsames Grillen gab es früher. Heute ist ihr Alltag diktiert von Pausezeiten und Kilometervorgaben. Neben allerlei Anekdoten aus dem Alltag eines passionierten LKW-Fahrers erzählte er mir auch sein eindrücklichstes Erlebnis aus seiner Zeit als Rettungsschwimmer, sinngemäß etwa so: „Da war so ein älterer Mann, vielleicht 60, 65 Jahre alt. Er schwamm mit dem Gesicht nach unten auf dem Wasser aber das tat er oft zur Entspannung. Nur dieses Mal dauerte es ein bisschen länger, so dass ich misstrauisch wurde. Ich zog ihn aus dem Wasser und begann sofort Wiederbelebungsmaßnahmen. In den Kursen lernt man ja immer, dass man so ein Latextuch als Abdeckung auf dem Mund verwenden soll, aber in der Praxis ist dafür überhaupt keine Zeit. Ich meine, soll ich sagen „Oh der hatte wohl einen Herzfinfarkt. Moment, ich geh mal schnell das Tüchlein suchen, bin gleich wieder da?“. Bei der Mund-zu-Mund-Beatmung kam mir als erstes sein künstliches Gebiss entgegen. Als zweites dann der abgestandene Raucheratem. Ein paar Rippen habe ich ihm auch noch gebrochen bei der Wiederbelebung, aber es war alles umsonst. Wer sich vorstellt dass man bei der Wiederbelebung eine hübsche junge Frau quasi küsst und sie wieder aufwacht und einen strahlend anblickt liegt da ganz falsch.“

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Auch das Schilf färbt sich herbstlich. Als Dorfkind habe ich zusammen mit meinen Schwestern früher viel Zeit in den umliegenden Feldern verbracht, was mit meiner resoluten Mutter zusammenhängt, die uns bei jedem Wetter jeden Nachmittag „rausschmiss“. Früher habe ich es gehasst, heute würde ich das meinen Kindern auch antun :-) Geschadet hat es uns nämlich nicht und ich habe immer noch eine Vorliebe für Querfeldeingehen. Mit Gummistiefeln durch den Matsch. Und im Winter über brüchiges Eis…

Reinhold*, etwa 70, Deutschland, Rentner und begeisterter Ossi, 100 Kilometer.
Reinhold* war sehr redselig und lies mich und den anderen Anhalter, den ich getroffen hatte (ein Novum!) kaum zu Wort kommen. Wenn ich es schaffte, das Gespräch ein bisschen zu lenken war es aber hochinteressant. Seiner Meinung nach haben wir „Wessis“ keine Ahnung vom Osten oder davon wie das Leben in der DDR so war – was ich nicht bestreite, meine Kenntnisse über die DDR kommen vor allem von „Good Bye Lenin“ und ein paar Fernsehdokus. Er erklärte es uns gerne in breitestem Sächsisch. Das reichte von der Landwirtschaft auf riesigen Feldern mit Mähdrescherkolonnen über die Produkte die er vermisst bis hin zu Umweltverschmutzung und Stasikontrolle im Alltag.

„Wisst ihr, wenn man bei uns früher ein Haus gebaut hat, dann gab es drei Baupläne. Einen für die Stadtverwaltung, einen für den Architekten, und der dritte ging an die Stasi. Die hat das dann auch noch kontrolliert und genehmigt. Ich wollte so eine riesige vier Meter breite Fensterfront einbauen. Ging nicht. Kam der Plan zurück, Vermerk ‚Fensterfront zu westlich‘. Und irgendwann hab ich mir noch ein paar Fuhren Kies organisiert für die Terrasse, von so einer anderen Baustelle, bar bezahlt, durfte man alles natürlich nicht, dann rief mich am nächsten Tag die Bank an und fragte, wo denn meine Belege für den Kies sind. Und außerdem hat die Stasi immer wieder auf der Baustelle rumgeschnüffelt.“ Damals war alles noch besser, Fernseher hielten ewig, den Trabi gab es auch noch und wer einen VW bekam war der King, den er dann nach der einjährigen Verkaufssperre für den 10fachen Preis weiterverkaufen konnte. Aber es gab auch viele Leute mit chronischem Husten („Ach das hatte damals jeder, war halt ne Bronchitis haben die Ärzte gesagt“) und Bitterfeld war die einzige Stadt in der DDR, in der die Regenrinnen nicht aus Plastik sondern aus Aluminium waren, denn „wenns da einmal geregnet hat hingen die gleich ganz schief, das Plastik hat sich alles aufgelöst“.

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Noch mehr Kirschbäume! Die waren echt toll. Im Frühjahr sind sie übrigens auch sehr sehenswert.

Steve, etwa 65, Deutschland, Keyboarder, 150 Kilometer.
1969, als er gerade 18 Jahre alt war, fuhr er von Westberlin aus mit einer Ente und seinem besten Freund auf dem Hippietrail nach Pakistan. Unterwegs machte die Ente schlapp, so dass sie sie in Teheran zurückliesen. Die Grenze nach Afghanistan überquerten sie zu Fuß, da die Jeeps zu teuer waren. Sie liefen sogar nachts und spielten zwischendurch mit einem Volleyball. Der eindrücklichste Teil seiner Reise waren die vier Wochen, die er unschuldig in einem Provinzgefängnis in der Türkei nahe der iranischen Grenze verbrachte. Auf dem Rückweg hatten sie ihre mittlerweile in der Mitte beinahe auseinandergebrochene Ente in Täbriz verschrottet, die Grenze wiederum zu Fuß überquert und sein nicht sehr diplomatischer und gelassener Freund versuchte, in einer Poststelle ein Taxi zum nächsten Ort zu organisieren. Das endete damit, dass beide von der Polizei wegen einer Messerattacke auf den Postangestellten in Untersuchungshaft genommen wurden. Die Zeit verbrachten sie so: Radio hören. Fotos mit der Wachmannschaft und den anderen Insassen machen, die immer darauf beharrten, dass das Radio auch im Bild war, hinter dem der Ranghöchste knien durfte. . Geburtstag feiern, er wurde im Gefängnis 19 Jahre alt. Schachfiguren aus Brot kneten und Schach spielen. Tagebuch schreiben oder schlafen. Sich zu Tode langweilen. Mit den Insassen und den Wachen reden. Steve und sein Freund bekamen beide Läuse. Alle 2 Wochen durften sie das Gefängnis verlassen und angekettet mit allen anderen Gefangenen in einer Reihe zum Hammam laufen und ein Bad nehmen. Nach 4 Wochen schickte die deutsche Botschaft einen Anwalt aus Ankara und schnell war klar, dass Steve mit der Attacke (wobei sein Freund ja beteuerte, dass da nie etwas passiert war und er sich die Situation überhaupt nicht erklären könne) nichts zu tun hatte. Sein Freund saß noch 4 weitere Wochen lang fest und kam nur gegen die Zahlung von 3000 DM an den Anwalt frei, der sich mit dem lokalen Richter in einem Teehaus traf und dort dann zu einer Einigung kam, bei der sicherlich einiges an Geld floss. Steve hatte auf seinem Laptop sogar ein paar Fotos von damals mit dabei, die er mir zeigte und bei deren Sicht ich in Begeisterungsstürme ausbrach: die Kleidung, die Frisuren, die winzige Ente, die Fotos von der Grenze zu Afghanistan, die Fotos aus dem Gefängnis – es war einfach fabelhaft. Solche Reiseerzählungen aus der Zeit vor 45 Jahren zu hören ist ein seltener Genuss und für mich eine ganz besondere Erinnerung.

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Feld, Wald… fehlt nur noch die Wiese.

Außerdem traf ich auf der Reise noch einen Hochzeitsmoderator.

Einen professionellen Angelwettbewerbveranstalter mit seinem Motorboot aus Frankreich der mir erzählte, wieso man auch in Großstädten Fische fangen kann und die Anatomie von Fischmäulern näher brachte.

Den Geschäftsführer einer Firma, die Holzhackschnitzler verleiht (die Maschinen, in die man oben einen jungen Baum reinsteckt und unten dann kleine Häcksel herausbekommt) auf dem Weg zu einem Lifestyleseminar. Er erklärte mir, wieso Golf ein Sport ist der den ganzen Körper stärkt so dass er nicht mehr zur Physiotherapie muss, wieso man in seinem Leben ein Gleichgewicht zwischen Körper und Seele, Familie und Beruf bewahren muss und wieso er nicht in Tränen ausbricht wenn der Holzhackschnitzler von einer zu niedrigen Brücke vom LKW gefegt wird.

Einen polnischen LKW-Fahrer, der keine mir bekannte Sprache sprechen konnte und dessen Deutsch sich auf „Straßenschaden“ und „Tankstelle“ beschränkte. „Motor kaputt?“ verstand er übrigens auch.

Auch das junge Pärchen aus Leipzig, das seit einiger Zeit in Freiburg lebt sollte nicht vergessen werden, denn sie waren die letzten neuen Menschen, die ich auf meiner zweijährigen Reise traf – sie brachten mich bis zum McDonalds an der Autobahn, von wo aus mein Vater mich abholte.

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Estland – die Welt ist klein

Estland ist ein winziges Land. Es ist nur 45.000 Quadratkilometer groß und damit kleiner als Bayern. Es hat nur 1,4 Millionen Einwohner und damit wohnen auf einem Quadratkilometer 28 Esten. Zum Vergleich: in Deutschland sind es 230 (die meisten keine Esten, natürlich).

Pärnu ist eine estnische Kleinstadt mit 50.000 Einwohnern, die in der Nebensaison fast ausgestorben ist, nur im Sommer kommen Touristen aus dem nahen Finnland, die die Wellnesshotels und den wunderschönen feinen weißen Sandstrand genießen wollen.

Jetzt überlegt mal wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ihr bei dem besten Freund des Bruders eures pakistanischen Freundes in Pärnu couchsurft, der erst seit 6 Wochen zum Studium in Estland ist?

Die Welt ist klein, ich sags ja…

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Dieser feine Sand! Und der Sonnenuntergang! Außerdem ist das Wasser ganz flach und wellenlos, das Meer sieht eher aus wie ein riesiger See und ist nicht sehr salzhaltig.

Tallinn ist die Hauptstadt des Landes, hat aber ein richtiges Kleinstadtfeeling. Der mittelalterliche Stadtkern ist zu einem großen Teil noch erhalten und wurde aufwendig restauriert, er ist jetzt so richtig „blankgeputzt“ und glatt. Ein paar verfallene Ecken irgendwo? Konnte ich nicht finden. Außerhalb des Stadtkerns Richtung Hafen gibt es die dann. Die alte Linna-Halle war einmal die Stadthalle für Konzerte und sonstige Events, ein futuristischer Betonbau mit vielen Treppen und übersät mit Graffiti.

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Tallinn, die süße Hauptstadt Estlands.

Ich war sehr überrascht über das Feeling in Estland, mittelalterlicher Stadtkern der genausogut in Süddeutschland sein könnte, skandinavisch geprägte Holzhäuschen, eine riesige Auswahl im Supermarkt… außerhalb der Städte ist die Landschaft übrigens geprägt von ausgedehnten Birkenwäldern, selten sieht man mal landwirtschaftliche Nutzflächen oder gar ein paar Häuser.

Es war Anfang Oktober so kalt wie bei uns im Januar. Nachts Minusgrade, tagsüber 5 bis 8 Grad. Im Januar kann es in Estland übrigens locker mal minus 30 Grad haben. Zum Glück schien während meines Aufenthaltes meistens die Sonne, aber ich fror trotzdem den halben Tag vor mich hin und genoss daher meine Spaziergänge nicht so sehr.

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Der Herbst war eine wunderschöne bunte Jahrezeit, und wie meistens hatte ich großes Glück mit dem Wetter.

Couchsurfen war in Estland nicht einfach aber mit Humair hatte ich riesiges Glück. Er war ein sehr liebenswürdiger Mensch, kritisierte die gleichen Punkte wie ich an der pakistanischen Gesellschaft und Regierung… ich fühlte mich wie eine beschützende ältere Schwester. Beispielsweise konnte er nicht kochen, bis er vor 6 Wochen nach Estland kam. ich bin im Kochen zwar wirklich eine Niete, aber ich habe ihm trotzdem zeigen können, wie man Salat, Kartoffelgratin und Himbeereis macht. Wir feierten mit diesem 3-Gänge-Menü übrigens seinen 30. Geburtstag, den er ohne mich ziemlich einsam verbringen hätte müssen. Er tut sich nämlich schwer, Anschluss zu finden. Humair erzählte mir, dass er wegen seiner dunkleren Haut in Estland sehr oft angestarrt wird, auch die entsetzte Frage „Bist du ein Flüchtling??“ wurde ihm schon gestellt. Einmal beschimpfte ihn ein älterer Herr aufs Übelste, als er nach einem längeren angenehmen Gespräch herausfand, dass er aus Pakistan kommt. Manchmal schauen ihn Kinder an und fangen dann an zu lachen. Zwei Französinnen die in seinem Haus leben haben ihn nach drei Wochen als Persona non grata eingestuft und wechseln aus unerfindlichen Gründen kein Wort mehr mit ihm. In seinem Studiengang sind nur etwa 10 Mitstudenten, und auch die finden ihn seltsam. Er ist ein wirklich netter Mensch und ich kann mir das nur als Fall von interkulturellen Missverständnissen erklären. Es tut mir schrecklich leid, dass er so negative Erfahrungen machen muss.

DSCN0610Der Rassismus vieler Esten kommt meiner Meinung nach vor allem daher, dass es in Estland kaum Immigranten aus anderen Ländern als den Nachbarländern Polen, Weißrussland und Russland gibt. 25 % der Bevölkerung sind übrigens russischer Abstammung und die Integration von ihnen lief gewaltig schief,was mit an den Ressentissements gegen die zwangsweise Eingliederung in die Sowjetunion bis in die 90er liegt.

Eine Mitschuld hat vielleicht auch die hochkomplizierte estnische Sprache, die aussieht, als wäre eine Katze über die Tastatur gelaufen. Wer genau hinsieht denkt sich vielleicht „Hey, das sieht so ähnlich aus wie Finnisch?“ Tatsächlich sind die beiden Sprachen eng verwandt, auch was die Komplexität der Grammatik betrifft: Estnisch hat 18 Fälle (so was wie Nominativ, Genitiv, Dativ, etc). Ungarisch, das zur gleichen Sprachgruppe gehört, hat je nach Quelle bis zu 41.

Ich kann nur ein einziges estnisches Wort: „Hapukoor“, das bedeutet „Sauerrahm“, das suchte ich nämlich verzweifelt im Supermarkt, um mir ein nur leicht misslungenes Kartoffelgratin zu backen.

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Genauso habe ich mir Küsten an der Ostsee immer vorgestellt.

Da ich nur eine Woche in Estland war, hier mein „Länderfazit“ – es widerstrebt mir wirklich, es so zu nennen, denn gesehen habe ich nicht so viel. Estland hat keine Berge, dafür aber das Meer und wunderschöne riesige Wälder. Man findet dort jahrhundertealte Hansestädte, Klosterruinen, Burgruinen und paradiesisch feine Sandstrände. Das Preisniveau ist ähnlich wie in Deutschland. Mit Englisch kommt man gut durch. Estland lässt sich gut mit einem Besuch von Südfinnland verbinden, denn die beiden Länder sind nur 80 Kilometer voneinander entfernt. Zu mir waren alle Menschen sehr nett, aber falls ihr eine dunkle Hautfarbe haben solltet, könnte eure Erfahrung ganz anders aussehen.

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