„Im Oktober schreibe ich endlich einen Abschluss für meinen Blog… nein lieber im Dezem… okay, im Januar?“

Seit vielen, vielen Monaten schon schiebe ich es vor mir her, meinen Blog zu einem zumindest vorläufigen Abschluss zu bringen – immerhin hat er schon über 55.000 Klicks bekommen. Da möchte ich ihn nicht zu 95 % vollendet lassen. Aber auch meinen Vorsatz, aus dem Oktober den „Monat der aufgeschobenen Dinge“ zu machen, konnte ich nicht ganz erfüllen, und so versuche ich, einige dieser seit JAHREN nicht erledigten Dinge zumindest noch 2016 zu beenden. Okay, schon zu spät… dann wird es wohl hoffentlich der Januar :-)

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Die Bilder erzählen eine andere Geschichte, als der Text. Hier seht ihr den Blick von meinem Hausberg, der Hohen Möhr, in Richtung Süden. 3,5 Kilometer mit 500 Höhenmeter haben es wirklich in sich. Wandern hat sich in den letzten Jahren, wie ihr eventuell schon bemerkt haben könntet, zu einem meiner liebsten Hobbies entwickelt, und so kam es, dass ich mich im Oktober zu einer 60-Kilometer-Wanderung auf dem Westweg hinreißen ließ.

Der Abschluss wird voraussichtlich (man merkt, ich fange schon wieder an, mir viele Hintertürchen offen zu lassen) aus mehreren Teilen bestehen:

1) Die Vergangenheit: Was hat sich seit November getan? Ich finde es immer schade, wenn man nicht erfährt, was Reiseblogger nach einer Rückkehr machen

2) Die Reise: eventuell mache ich da nochmal ein Interview mit mir selbst… Da könnte ich noch ein paar schöne Kuchendiagramme reinbasteln.

3) Best of – Orte, Erlebnisse, Essen, …

4) Die Zukunft: Welche Reisepläne gibt es? Wie geht es mit diesem Blog weiter?

Beginnen wir sinnvollerweise mit Teil 1.

Es fällt mir noch schwer, zusammenhängend zu schreiben, ich bin es einfach überhaupt nicht mehr gewohnt. Deshalb habe ich für diesen Teil des Artikels ewig gebraucht. Ungefähr ein halbes Jahr. Das liegt aber nicht nur an besagten Schreibschwierigkeiten sondern auch an… hm nennen wir es akuter Unlust, Gehirnmatsch und Lampenfieber vor dem Veröffentlichen eines Blogeintrages nach so langer Zeit.

Genug geredet, fangen wir vielleicht stichpunktartig damit an, was sich bei mir im letzten Jahr getan hat.

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Bei schönster Inversionswetterlage war ich 3,5 Tage lang alleine unterwegs, von Hausach bis zum Titisee. Die Bäume wurden so langsam golden, tagsüber hatte es bis zu 15 Grad, nachts war es allerdings viel kälter. Sehr viel kälter. Zum Glück hatte ich mir einen warmen Schlafsack ausgeliehen.

  • Den Job als chronisch unterbezahlte Produktionshelferin habe ich nach 4 Wochen gekündigt, weil ich das große Los gezogen habe: einen Job als beinahe doppelt so gut bezahlte Produktionshelferin zu finden.
  • Also habe ich 4 Monate lang 2-3 Tage die Woche bei einem Unternehmen gearbeitet, das ihr sicher alle kennt. Sein Name beginnt mit „B“ und endet mit „osch“, und sie zahlen so gut, dass ich in den 2.5 Tagen mehr Geld verdiente als vorher in 5 Tagen. Außerdem war es zwar immer noch nerv- und gehirntötend, aber ich konnte immerhin viel herumlaufen. Meine Aufgabe war, an automatisierten Produktionslinien für Nachschub zu sorgen, später hatte ich sogar gelernt, ein paar Fehlermeldungen zu beheben. Ich bekam gute Läufermuskeln in den Beinen und Muskeln in den Armen vom Tragen der schweren Kisten. Die Arbeit war also so lala, die Kollegen waren so lala – ziemlich viele giftige, rassistische und intrigante hinterfotzige Weiber, um es mal so derb auszudrücken. Ich nutzte die Zeit, um:
  • 20 Bewerbungen zu schreiben, auf Controllingstellen im südwestlichen Baden-Württemberg. Die Resonanz war erstaunlich positiv, meine lange Reise war wohl doch nicht so abschreckend und nach 2,5 Monaten ernsthafter Suche hatte ich Erfolg. Dazwischen gab es natürlich einiges an Pleiten, Pech und Pannen: zu Verspätung führender Stau auf der Autobahn, die Erkenntnis dass man bei Persönlichkeitstests nicht ehrlich antworten sollte sondern lieber lügen, dass sich die Balken biegen und ein Blackout bei der Frage „Wie würden Ihre Freunde Sie beschreiben?“ – „Äh, ääähm… also meine Freunde… äh ja, sie würden wohl sagen, dass ich oft gelassen reagiere?“
  • Seit Juni arbeite ich als Controllerin in einem mittelständischen Unternehmen ganz im Südwesten Baden-Württembergs, verbringe meine Tage meistens mit Excel und dem ERP-System und habe ziemlich viel Spaß an der Sache. Ich habe Excel und das Analysieren von Daten schon geliebt, seitdem ich damit zum ersten Mal in Kontakt kam, und wenn ich selbst etwas in VBA programmiert habe oder ich eine supertolle neue Formel entdeckt habe, bin ich ziemlich glücklich.
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Da auf diesem Streckenabschnitt Schutzhütten dünn gesät sind und es spätestens um 18 Uhr stockfinster war, hatte ich mein kleines Zelt dabei. Ich nenne es liebevoll „Hundehütte“. Es ist ganz rechts in der Ecke. Am ersten Abend traf ich zwei junge, superliebe schweizer Westwegwanderinnen. Wir zelteten zusammen abseits des Weges, unterhielten uns stundenlang über Mädchenkram, ich wurde von ihnen bekocht und war extrem froh über Gesellschaft bei meiner ersten Nacht ganz allein im Wald. Die beiden beschwerten sich morgens scherzhaft, dass Deutsche Schweizerdeutsch immer so süß fänden. 2 Minuten später meinte die eine zur anderen „Tust du mal bitte ein Föteli machen?“ Das war doch eine süße Art, nach einem Foto zu fragen, findet ihr nicht?

  • Ich wohne jetzt in einer Altbau-WG, umgeben von dezenter *hust* Unordnung, vielen Pflanzen, Büchern, Kerzen und den 1930 zur Hochzeit gekauften Möbeln meiner Urgroßeltern. Stühle, Tisch, Schrank, Bett, Spiegel – alles geerbt. Meine geliebte 125 Jahre alte Nähmaschine kam auch schon ein paar Mal zum Einsatz. Basel ist ganz in der Nähe und damit auch das Z7, so dass ich dieses Jahr viel Geld für Metalkonzerte ausgegeben habe (Gojira, Meshuggah, zum vierten Mal Blind Guardian, und Orphaned Land…). Für nächstes Jahr habe ich mir sogar noch Wacken-Tickets schnappen können! Ich bin schwer begeistert und gespannt.
  • Ich sollte jeden Morgen zwischen 6:30 und 6:45 aufwachen, um rechtzeitig zur Arbeit zu kommen. Und, man höre und staune: ich habe noch kein einziges erst einmal und nur um eine halbe Stunde verschlafen. Ich bin extrem stolz darauf! Ich bin absolut kein Morgenmensch und ich brauche mindestens 10 Minuten im Bett, bevor ich aufstehen kann. Außerdem bin ich morgens extrem langsam und schlurfe wie ein Zombie durch die Wohnung – für Frühstück reicht es daher selten. Für die 10 Kilometer zu meiner Arbeitsstelle brauche ich mit dem Fahrrad circa 35 Minuten, mit dem Zug (inklusive teilweise gesprinteten, um den Zug noch zu erwischen, 1,5 Kilometern zu Fuß) 30 Minuten. Bei Regen wird es der Zug, ich kenne außerdem schon ein paar nette Arbeitskollegen, so dass es nie langweilig wird. Bei jeglichem anderen Wetter das Fahrrad, das ich erst kürzlich für über 200 Euro reparieren habe lassen. Der mit Panzertape geflickte Sattel fiel an allen Ecken auseinander und das Kettengetriebe war so marode, dass es doppelt so anstrengend war wie normale Fahrräder. Jetzt ist es wie neu.
  • Ein Auto habe ich nämlich immer noch nicht, es wäre enorm praktisch und manchmal liebäugle ich mit dem Gedanken, verwerfe ihn dann aber wieder. Ich scheue die Kosten, die damit verbunden sind und ich denke, dass ein Auto fauler macht. Außerdem fahre ich am Wochenende gerne mit dem Zug. Das ist meine erzwungene 3-stündige Auszeit der Woche, in der ich nur Musik hören, lesen, nähen oder Kleider flicken kann. In weiser Voraussicht (latenter Internetsüchtling) habe ich nämlich kein Smartphone. Auch wenn es öfter praktisch wäre.
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Das war der Blick aus meinem Schlafsack heraus beim Aufwachen. So idyllisch und wunderschön der erste Abend war, so gruselig wurde der zweite. Ich verlor in der Dämmerung an einer Hügelkuppe voller Findlinge, die auch die Kulisse für einen Horrorfilm sein könnten, den Westweg. Obwohl ich mir immer wieder sagte, dass alles okay ist, ich ein Zelt habe, ich eine Lampe habe, die grobe Richtung kenne und den Weg mit mehr Ruhe bestimmt wieder finde, hetzte ich panisch durch den Wald, bis ich endlich wieder einen Wegweiser fand. Eine halbe Stunde später kam der nächste Schreck…

  • Meine Freizeit unter der Woche verbringe ich meistens damit, mein Gehirn zu entspannen oder mein Zimmer aufzuräumen und bin froh, wenn ich es geschafft habe, unfallfrei mein Essen zu kochen. Bisher gingen dabei erst zwei Gläser, eine Flasche Holundersirup und ein Topfdeckel zu Bruch. Als nach wie vor eher introvertierter Mensch verbringe ich meine Freizeit dann auch am liebsten alleine.
  • Am Wochenende gehe ich im Schwarzwald wandern, treffe Freunde oder Familie. Manchmal schaue ich mit meiner kleinen Schwester Laura Horrorfilme, obwohl ich es als leicht beeindruckbarer, nicht an Filme gewöhnter Mensch besser wissen sollte. Ich schaue extrem selten Filme, ich habe dafür kein Durchhaltevermögen. Nach Don’t be afraid of the dark sah ich monatelang die kleinen Kreaturen in den dunklen Schatten an der Zimmerdecke. Und bei Lights Out war ich eine der wenigen im Kino, die richtig losgekreischt hat. Manchmal restauriere ich einen alten Stuhl (auf dem ich gerade sitze, während ich tippe), schwimme (ja, ist schon eeetwas länger her, dass ich diesen Satz geschrieben habe…) quer durch den Baggersee, esse fünf Kugeln Eis (wie gesagt, es ist schon länger her), lese ein paar ziemlich viele Bücher. Also alles mega unspektakulär und langweilig, finde ich. Oh, und ich bin doch heimatverbundener, als ich erwartet hätte.
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Ich fand eine Hütte, neben der ich zelten wollte, 200 Meter von der Zivilisation entfernt, lieber langsam einsteigen, ist meine Devise. Aber: da stand jemand im stockfinsteren. Ein junger Mann, bis obenhin eingemummelt. Er reagierte nicht auf meine Begrüßung und unsere Konversation verlief etwa so: Ich: „Sprichst du Deutsch?“ „Äh – ja.“ „Was machst du hier?“ „Auf einen Freund warten.“ „Ja, geht ihr dann wieder weg? Oder bleibt ihr jetzt hier?“ „Ne, wir gehen.“ Wahrscheinlich fand er mich genau so unheimlich wie ich ihn. Bevor ich an dem Abend einschlafen konnte, lag ich eine Stunde lang stocksteif in meinem Schlafsack und lauschte den rauschenden Blättern und knackenden Zweigen um mich herum. Es war übrigens kalt und der Rucksack war schwer, als ich das Foto gemacht habe.

  • Mit Sadaqat bin ich immer noch zusammen, so mehr oder weniger. Er hat mich im letzten Winter zwei Monate lang besucht, dann war ich im Mai noch 10 Tage bei ihm und jetzt im September nochmal drei Wochen. So eine krasse Fernbeziehung ist allerdings sehr schwierig, zumal das Internet fast nie gut genug ist, um skypen zu können. So bleibt nur das Chatten auf Facebook übrig. Es ist eben alles nicht so einfach, und von den Zukunftschancen haben wir da noch gar nicht geredet, denn ich möchte nicht in Pakistan leben, und für ihn ist Deutschland auch kein ideales Land. Für mein Gefühl verläuft unsere Beziehung gerade im Sand.

Ich fasse mal zusammen: ich fühle mich momentan sehr wohl hier und es ist für mich eine gute Art, ein paar Jahre zu verbringen und mein Konto wieder aufzufüllen. Die Berge und Wälder in direkter Nähe sind für mich auch ein sehr großes Plus.

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Tagsüber alleine zu wandern macht mir nichts aus, aber abends wäre ich doch lieber zu zweit gewesen. Bei meiner dritten Übernachtung mit grandiosem Ausblick nach Osten fing ich fast an zu weinen, weil es so früh dunkel und kalt wurde. Wäre noch jemand dabei gewesen, hätte ich vielleicht ein Lagerfeuer gemacht. Aber so verkroch ich mich mit Mütze, Schal, Handschuhen und zwei bis vier Schichten Kleidung in meinen Schlafsack, las Lovecraft’s „Berge des Wahnsinns“ zu Ende – nicht die geeignete Lektüre für diese Umgebung! – und widmete mich dann den Memoiren eines Iren, der in den 60ern per Anhalter auf dem Hippietrail nach Indien gereist ist. Von 21:00 bis 6:00 schlief ich wie ein Stein und wurde mit diesem grandiosen Sonnenaufgang über dem Tal voller Nebel begrüßt. Nach einer zweistündigen Aufwachphase beobachtete ich noch spielende, furchtlose Eichhörnchen und wanderte nach Titisee. Es war eine wunderschöne Erfahrung, ich werde meine Ausrüstung optimieren und versuchen, meine Furcht vor dem dunklen Wald im Frühjahr zu überwinden. Übung macht den Meister.

Und, ja – sehne mich immer noch nach Reisen und Abenteuern. Ich lese Reiseblogs, folge Reisenden auf Instagram oder Facebook, lese Bücher die sich mit Reisen oder Abenteuern, oder beidem beschäftigen und plane meinen nächsten Urlaub. Beim Zugfahren mache ich es mir auf zwei Sitzen, meinem Rucksack, meiner Jacke und meinem selbstgenähten Reisekissen bequem, decke mich mit einem riesigen Schal zu, schließe die Augen, höre Metal und träume von Reisen, die ich machen könnte. Per Anhalter, auf dem Motorrad, zu Fuß als Langstreckenwanderung, in entlegene Ecken der Welt… aber dazu mehr in einem anderen Blogbeitrag. Vermutlich noch im Januar.

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Per Anhalter durch Lateinamerika: Interview mit Christian

***Christian ist fast 2 Jahre lang von Mexiko nach Argentinien und dann hoch nach Brasilien gereist. Er war damit in den meisten Ländern Lateinamerikas, oft couchsurfend oder per Anhalter unterwegs. Seit Sommer 2015 ist er wieder in Deutschland und lebt in Berlin, wo er eine Psychotherapeutenausbildung macht.

Ihr kennt ihn mittlerweile sicherlich gut, denn ich habe schon zwei Gastartikel von ihm veröffentlicht und ihn öfter mal in einem Nebensatz erwähnt.

Hier kommen meine Fragen und seine Antworten – viel Spaß beim Lesen des zweiten Teils der Interviewserie!***

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Nach einer langen, anstrengenden Wanderung sitzt Christian in Machu Picchu und macht nebenbei Werbung für die deutsche Fußballmannschaft, die gerade die WM gewonnen hatte.

Was war für dich der Auslöser für deine Reise?

Für mich war es schon immer ein Traum durch Südamerika zu reisen, unter anderem auch beeinflusst durch Filme wie „Motorcycle Diaries“ über die Reise von Che Guevara… das dann nach Abschluss des Studiums zu machen war auch eine gute Motivation.

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Auf dem Weg von Quetzaltenango zum Lago Atitlán in Guatemala. Der Blick über das Nebelmeer erinnert an „Der Wanderer über dem Nebelmeer“ von Caspar David Friedrich

Welche Länder haben dich am meisten beeindruckt, und weshalb?

Peru: Neben Mexiko das beste Essen, traumhafte Natur und Wandermöglichkeiten, beeindruckende Geschichte und Ruinen, besonders in den Bergen fühlt man sich kulturell in einer anderen Welt, Amazonas… Fazit: mein absolutes Lieblingsland, ich will auf jeden Fall noch mal zurückkehren.

Kolumbien: Extrem freundliche Leute, wunderschöne Natur, ohne die vielen sozialen Probleme wäre es das Paradies auf Erden. Der Segeltrip von Panama durch die Karibik nach Kolumbien war eines meiner absoluten Reisehighlights.

Chile: unglaubliche Natur, vor allem in Patagonien, die vielleicht schönste Gegend die ich je gesehen habe. Vergleichbar mit Neuseeland, aber oft deutlich untouristischer und abenteuerlicher, hier kann man ohne Guide wunderbare Treks wandern bei denen man Flüsse durchquert, wild zeltet und am Lagerfeuer den Sternenhimmel bewundert. Ein wahres Outdoorparadies!

Argentinien: Buenos Aires ist meine absolute Lieblingsstadt in Lateinamerika, die argentinische Lebensart hat einen Charme, dem man sich nicht entziehen kann und die Leute sind fast alle unglaublich freundlich und offen.

Kuba: absolut faszinierendes, verrücktes Land, Havanna hat eine mitreißende Atmosphäre und die Strände könnte man sich im Traum nicht schöner vorstellen.

Mexico: auch ein absolut fantastisches Land, Mazunte und die Isla Holbox gehören zu meinen absoluten Lieblingsorten.

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Irgendwo in Chile. Die Tiere sind glaube ich Vicuñas.

Du bist ja sehr viel gewandert – was waren deine Top 3 Wander- beziehungsweise Naturhighlights?
1. Torres del Paine
2. Salkantay Trek
3. Santa Cruz Trek

Wohin würdest du nie wieder reisen wollen?
Caye Caulker in Belize: schlechtes Essen, relativ teuer und sehr viele Touristen. Meiner Meinung nach absolut überbewertet.

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Ein paradiesischer Traumstrand der San Blas-Inseln, auf dem Seeweg von Panama nach Kolumbien. So eine mehrtägige Segeltour kostet mit Glück ab etwa 500 Dollar pro Person, und es scheint eine absolut spektakuläre Reise zu sein, wie mir von mehreren Seiten berichtet wurde.

Was hast du unterwegs am meisten vermisst?
Man würde jetzt an Familie und Freunde denken, aber die habe ich gar nicht so sehr vermisst wie man eigentlich erwartet, durch moderne Kommunikationsmittel kann man mit allen in Kontakt bleiben. Dazu kommt, dass man ja ständig neues erlebt und neue Bekanntschaften macht. Ich freue mich ohnehin lieber über das was ich habe, als darüber zu trauern was ich gerade nicht habe. Wobei in Guatemala manchmal eine heiße Dusche sehr schön gewesen wäre ;-) [Ich stimme ihm zu, für mich war Guatemala auch „das Land der kalten Duschen“]

Wie war es für dich gesundheitlich, hattest du irgendwelche Probleme?
Abgesehen von Montezumas Rache gleich nach meiner Ankunft in Mexiko nichts Gravierendes. Wobei ich allerdings auch zweimal von Hunden gebissen wurde – einmal hat nur die Hose gelitten, das andere Mal gab es eine blutende Wunde. Glücklicherweise waren sowohl der Hund als auch ich gegen Tollwut geimpft…

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Blick über Antigua in Guatemala vom Cerro de la Cruz, im Hintergrund einer der vielen Vulkane dieses Landes

Viele denken, dass das Reisen per Anhalter sehr gefährlich sei. Was ist deine Meinung dazu?

In vielen Ländern ist das Busfahren deutlich gefährlicher! Ich habe eigentlich nur positive Erfahrungen gemacht. Man lernt die verrücktesten Leute kennen und fast alle waren extrem freundlich. Einige haben mich sogar noch zum Essen eingeladen oder bei sich zu Hause übernachten lassen und man lernt sehr viel über das jeweilige Land.

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Achacachi in Bolivien

Was war für dich die gefährlichste Situation?
Einmal habe ich mich bei eiskaltem Regen und Nebel in einem Nationalpark in Kolumbien auf 4000 Metern Höhe ohne Zelt und mit vollkommen durchnässter Kleidung verlaufen. Das hätte übel enden können, hätte ich nicht im letzten Licht des Tages noch eine rettende Hütte gefunden.

In Brasilien wollten mich am heiligsten Tag ein paar 15 Jährige ausrauben. Sie haben an meinem Rucksack gezogen und ich habe sie weggestoßen und laut geschrien, da noch andere Leute in der Nähe waren. Glücklicherweise sind sie dann weggelaufen. Ich hatte allerdings auch Glück, dass sie keine Messer etc. dabei hatten. Normalerweise sollte man bei Überfällen immer kooperieren.

Auf einer Insel in Nicaragua wurde ich mal von einer Art Wasserschlange in den Zeh gebissen, vor Schreck bin ich ausgerutscht und mit dem Wangenknochen auf einen Stein geprallt. Um schneller ins Dorf zu kommen musste ich einen Hang hoch kraxeln und durch den Dschungel irren bis ich auf einer Bananenplantage und dann endlich auf dem Weg ins Dorf landete. Dort wurde ich aufgrund der Platzwunde im Gesicht erst mal von allen entsetzt angestarrt, war aber erleichtert als ich erfuhr das es dort keine giftigen Schlangen gibt und dass das eher eine Art Aal war – allerdings mit recht scharfen Zähnen, man erzählte mir von einem Fischer der seinen Daumen verlor. [Ich war da auch dabei und habe mich gewundert, als er von seiner kurzen Wanderung vollkommen lädiert zurückkam]

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Im vordergrund Mais und Bananen, im Hintergrund ein Wasserfall im guatemaltekischen Wald.

Was waren die wichtigsten Dinge, die du über dich oder über andere Menschen gelernt hast?
Es braucht nicht viel um glücklich zu sein.

Würdest du sagen, dass deine Reise dich verändert hat?
Im Grunde verändert und entwickelt man sich im Laufe seines Lebens ja ständig. Sicherlich hat mich die Reise geprägt und wird mir lange in Erinnerung bleiben, aber ich würde auf keinen Fall soweit gehen zu sagen, dass ich ein anderer Mensch sei. Im Gegenteil, ich habe eher den Eindruck, noch genau der selbe zu sein. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich auch vorher schon sehr viel per Anhalter gereist bin, quer durch Europa und Neuseeland, ein Jahr in Madrid gelebt habe und in Wien mehrere Jahre in einem internationalen Studentenwohnheim. Das alles hat mich deutlich mehr geprägt, gefestigt und meinen Horizont erweitert, da war meine Lateinamerikareise vielleicht eher so was wie das Sahnehäubchen…

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An der Grenze zu Bolivien gibt es spektakuläre Vulkane, und der tiefblaue Himmel scheint zum Greifen nahe.

Wie war es für dich, wieder nach Deutschland zurückzukommen? Fiel dir das Einleben schwer oder leicht? 

Das Einleben fiel mir sehr sehr leicht, da ich mich schon vorher sehr wohl in Europa fühlte und ich mich während der letzten Wochen meiner Reise sehr auf die Rückreise gefreut hatte. Im Sommer zurück zukommen war aber auf jeden Fall eine sehr gute Idee! Außerdem war es gut für mich, ein paar kleinere Trips durch Europa zu machen und dann in Berlin zu leben, wo man auch jeden Tag Neues entdecken kann und Leute aus jedem Teil der Erde kennenlernen kann.

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Ist das nicht der perfekte Schlafplatz? Hängematten direkt am Strand in Kolumbien. (Natürlich nur, wenn man die Kunst beherrscht, in Hängematten zu schlafen… es hat mich ungefähr 7 schlaflose Nächte gekostet und ich weiß nicht, ob am Ende meine Übermüdung gesiegt hat oder ich diese Kunst tatsächlich endlich gemeistert habe. Tip: Diagonal liegen und eine sehr breite Hängematte suchen!)

Kannst du dir vorstellen, nochmal eine lange Reise zu machen?
Definitiv! So in 3 bis 4 Jahren vielleicht… es gibt noch so viele andere Länder, die ich entdecken könnte. Eine Idee wäre, per Anhalter von meinem Heimatdorf nach Indien und dann nach Nepal, um den Annapurna-Trek zu laufen. Nach Afrika würde ich auch gerne mal…

Was würdest du anderen Reisenden mit auf den Weg geben?
Es geht gar nicht darum, möglichst schnell und bequem von A nach B zu kommen und A, B, C etc. auf einer imaginären (oder realen?) Liste abzuhaken, sondern sich auch mal treiben lassen und auch mal irgendwo landen wo man eigentlich gar nicht hinwollte. Das bereicherndste für mich waren immer die Menschen, die ich unterwegs getroffen habe.

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So weit wie möglich ohne Flugzeug: Interview mit Martin und Verena

Martin und Verena sind seit mehr als 1,5 Jahren unterwegs, und zwar hauptsächlich über Land und mit einem niedrigen Budget. Ursprünglich wollten sie von Deutschland nach Australien ohne ein Flugzeug zu benutzen, unterwegs haben sie ihre Reiseroute dann abgeändert und die Reisedauer verlängert, so dass sie jetzt auch noch Mittelamerika bereisen können.

Dieses Interview ist das erste in einer hoffentlich dreiteiligen Interviewserie. Nehmt euch viel Zeit und genießt ihre Schilderungen! Wenn ihr noch mehr tolle Bilder sehen und Berichte lesen möchtet, könnt ihr ihren Blog besuchen: www.catchthemoment.de

1 Armenien

Beim Wandern in Armenien

Was war für euch der Auslöser für eure lange Reise?

Das können wir beide gar nicht so genau definieren. Wir hatten einfach beide große Lust verspürt, für längere Zeit zu reisen und ohne Zeitdruck zu entscheiden, wo es uns gefällt und wie lange wir an einem Ort bleiben wollen. Natürlich waren wir sehr neugierig und offen dafür, fremde Kulturen und Bräuche kennen zu lernen, außerdem waren wir abenteuerlustig und so haben wir uns vorgenommen, von Deutschland nach Australien zu reisen ohne ein Flugzeug zu benutzen.

Welche Länder haben euch am meisten beeindruckt, und weshalb?

Das ist eine schwierige Frage, die Welt ist so schön und irgendwie hat jedes Land seine Besonderheiten… Am meisten beeindruckt haben uns dennoch Armenien, Iran, Pakistan, Indien und Papua Neuguinea.

Armenien war einfach perfekt zum Wandern und wild Zelten. Die Menschen dort sind super entspannt, keinen stört es wenn man irgendwo ein Lagerfeuer macht oder gar sich nackt im Fluss wäscht. Jeder weiß, wie das Prinzip Trampen funktioniert und man erregt als Europäer keine Neugierde – oder zumindest zeigt das keiner.

Das Überraschende für uns im Iran war, dass viele Menschen und Orte viel moderner waren als wir es erwartet hätten. Irgendwie haben wir mit lauter Lehmhütten in weiten Wüstenlandschaften gerechnet. Diese gibt es auch, allerdings stellen die Städte mit ihrer perfekten Infrastruktur einen starken Kontrast dazu dar. Völlig umgehauen hat uns auch die muslimische Gastfreundschaft, die wir sowohl im Iran, als auch in Pakistan kennen lernen durften.

2 Iran

Zu Gast im Iran

In Pakistan ging das so weit, dass wir teilweise noch nicht einmal im Restaurant unsere Rechnung zahlen durften, weil der Inhaber es uns nicht erlaubte. Aber das absolute Highlight in Pakistan waren die Berge im Norden. Auf unserer Reise entlang dem Karakorum Highway hat uns dessen Schönheit und Dramatik des Öfteren den Atem genommen.

Indien ist einfach verrückt, schön, schmutzig, aufregend, fremd, exotisch, anstrengend und witzig zugleich und zudem so groß und vielfältig, dass wir einfach nicht genug davon bekommen konnten.

Papua Neuguinea ist mit Abstand das am wenigsten entwickelte Land in dem wir waren. Die Menschen lebten bis vor wenigen Jahren noch ausschließlich in Stämmen und im Inland auf dem Stand der Steinzeit! Es war unheimlich aufregend und spannend, hier auf eigene Faust zu reisen und mit den Menschen in Kontakt zu kommen.

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Die Wüste im Iran

Wohin würdet ihr nie wieder reisen wollen?

Wir haben kein Land wirklich gehasst oder irgendwo schlechte Erfahrungen gemacht, allerdings würden wir wohl nicht unbedingt nochmal nach Myanmar, Thailand, Laos, Kambodscha und Malaysien fahren.

Wie war es für euch gesundheitlich, hattet ihr irgendwelche Probleme?

Unser erster Krankenhausaufenthalt war in Pakistan, als wir uns beide eine starke Lebensmittelvergiftung zugezogen hatten und über 40°C Fieber und starke Durchfälle hatten. Darauf folgten einige harmlosere Magen-Darm Probleme von Martin in Indien. Schlimmer war dann leider die Malaria, die er sich in Papua Neuguinea eingefangen hatte und die auf Fiji im Krankenhaus behandelt wurde. Kurz darauf hat er sich auch noch mit Denguefieber in Guatemala angesteckt. Verena leidet momentan an Bindehautentzündung. Das hört sich alles ganz schön viel an, allerdings sind zwei Jahre eine lange Zeit und die schönen Erinnerungen überwiegen deutlich.

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Autofahren in Pakistan – da passen viel mehr Leute ins Auto, als man denken würde.

Was war für euch die gefährlichste Situation?

Wir haben uns einmal mit viel zu wenig Essen, sehr schlechtem Equipment und ohne Karte im Kaukasus bei schlechtem Wetter verlaufen und mussten dort dann ungeplant die Nacht überstehen, und Verena geriet in Papua Neuguinea mal in einen bewaffneten Raubüberfall.

Aber wahrscheinlich lauerten die größten Gefahren im Straßenverkehr in Ländern wie Pakistan, Nepal oder Indien.

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Na, wer kennt den Ausblick noch? Das hier ist ein Weg hoch über dem Hunzatal.

Ihr wart oft per Anhalter unterwegs – habt ihr dabei auch negative Erfahrungen gemacht?

Diese Frage wird uns sehr oft gestellt. Aber die Erinnerungen ans Trampen gehören zu den schönsten und lustigsten der Reise. Wir haben äußerst positive Erfahrungen dabei gemacht. Wir wurden oft in Restaurants eingeladen oder anderweitig beschenkt und haben viele interessante und lustige Menschen kennengelernt. Nur einmal sind wir bei einem ziemlichen Raser eingestiegen, der uns mir seiner halsbrecherischen Fahrweise wohl beeindrucken wollte. Und einmal wollte ein Fahrer im Iran einen Haufen Geld von uns, obwohl wir ihn vor der Fahrt auf mehreren Wegen gefragt hatten, ob er ein Taxifahrer ist oder nicht.

Beim Thema „Indien“ denken viele Leute an „Da wird man alle 5 Minuten begrapscht“, wie waren eure Erfahrungen zu diesem Thema?

Wir haben insgesamt dreieinhalb Monate in Indien verbracht. Einmal sind wir eine kurze Strecke mit der niedrigsten Klasse im Zug, also der General Class gefahren. Da herrscht ein wahnsinniges Gedränge und Verena wurde bei dem Versuch in den Zug zu steigen ziemlich übel von dem hinter ihr stehenden Mann begrapscht. Da es so eng war, war sie dem hilflos ausgeliefert und konnte sich weder richtig wehren, noch sehen zu wem die Hände gehörten. Von diesem einen Erlebnis abgesehen haben wir in Indien ausschließlich positive Erfahrungen gemacht und die Menschen dort mit ihrem Witz und ihrer Fröhlichkeit sehr lieben gelernt. Dass Männer diesbezüglich Grenzen überschreiten, haben wir persönlich aber keineswegs als speziell indisches Problem wahrgenommen, es ist auch in anderen Ländern während der Reise passiert und natürlich auch schon vor der Reise in Deutschland…

6 Indien

Im Spiti Valley in Indien

Verena, wie kommst du damit zurecht, dass du in vielen Ländern in deiner Kleidungswahl eingeschränkter bist und beispielsweise lange Hosen oder ein Kopftuch tragen solltest oder wie im Iran sogar musst?

Ich erinnere mich an meine erste Nacht in einem iranischen Guesthouse. Wir hatten ein Zimmer ohne Bad und ich empfand es als ziemlich nervig, mir jedes Mal ein Kopftuch anzuziehen, wenn ich nur mal eben auf Toilette wollte. Aber ich habe mich trotz der Hitze schnell daran gewöhnt und hätte mich wahrscheinlich äußerst unwohl gefühlt, zum Beispiel mit kurzen Hosen auf der Straße in Pakistan. Irgendwie war es eben normal gewesen, weil ja um mich herum auch alle diese Kleidung trugen. Manchmal hat es mich aber auch wütend gemacht, wenn ich zum Beispiel im Iran gesehen habe, wie die Männer einfach in Unterhose in einen Fluss gesprungen sind und die Frauen voll bekleidet mit Jeans, Kopftuch und Mantel baden mussten.

Es war eine interessante Erfahrung und ich habe die Freiheit in Deutschland diesbezüglich noch mehr zu schätzen gelernt.

7 Indien

Indien

Ich habe euch als sehr respektvolle Reisende, die sich so weit wie möglich an die kulturellen Normen des jeweiligen Landes anpassen, erlebt. Gab es für euch auch mal eine Situation, in der ihr dachte „ne, jetzt reichts, so einen Scheiß mache ich nicht“? 

Manche Sitten, Normen und Bräuche empfanden wir zwar als umständlich oder auch nervig, aber im Prinzip waren wir ja nie länger als ein paar Wochen irgendwo, und für diese Zeit haben wir uns dem eben gebeugt. Nur einmal hat uns eine sehr traditionelle und konservative Familie im Iran zu sich nach Hause eingeladen und während Martin auf dem Motorrad stolz durchs Dorf gefahren wurde, wurde Verena die ganze Zeit aufgefordert sich hinzulegen und zu schlafen, während die Frauen das Essen vorbereiteten. Dagegen hat sie sich zwar gewehrt aber wirklich geändert hat das an der Situation nichts.

Was war euer kuriosestes oder kulturelles Missverständnis? Seid ihr mal so richtig in ein Fettnäpfchen getreten?

Spontan erinnern wir uns an eine Situation in Indien während eines Meditationskurses. Jeden Abend gab es eine 120 minütige Vorlesung, die wir beide zusammen als einzige Teilnehmer auf Englisch via Video anhörten. Es waren also nur wir beide und eine Aufpasserin im Raum, die darauf achtete, dass wir uns nicht anschauten oder miteinander kommunizierten. Nachdem wir am ersten Tag den ganzen Tag im Schneidersitz saßen, haben wir abends vor dem Video erleichtert unsere Beine ausgestreckt. Die Aufseherin wurde ganz aufgeregt und hat uns zu verstehen gegeben, dass es äußerst unhöflich ist, mit den Füßen auf eine Person zu zeigen. Das wussten wir auch schon vorher, allerdings war uns nicht bewusst, dass das auch für Personen gilt die nur im Fernsehen zu sehen sind.

9 Papua Neuguinea

Dort gibt es übrigens nicht viele Touristen

Welche besonderen Herausforderungen stellt die Reise an euch als Paar? Wie geht ihr damit um?

Natürlich ist es nicht immer einfach wenn man 24 Stunden täglich sieben Tage die Woche für fast zwei Jahre mit ein und derselben Person zusammen ist. Zudem wird man auf so einer Reise mit sehr wenig Komfort und sehr ungewohnten Situationen konfrontiert, die man so vorher noch nicht kannte und auf die jeder Mensch anders reagiert. Die Reaktionen reichen dann von ängstlich, gereizt oder genervt bis zu erfreut, neugierig oder euphorisch. Schwierig wirds dann, wenn der Partner in so einer Situation genau entgegengesetzt empfindet. Wir mussten lernen, dabei auf den anderen einzugehen anstatt abzublocken oder Unverständnis zu zeigen.

Uns hat es auch sehr geholfen, dass wir sehr offen über alles reden können und somit wenig Raum für Missverständnisse bleibt. Natürlich darf man auch nicht jeden launischen Kommentar des anderen auf die Goldwaage legen.

Uns hat aber die Reise bisher eher noch mehr zusammengeschweißt, alleine wäre keiner von uns beiden so lange gereist und in vielen Situationen ist es hilfreich, wenn man zu zweit ist.

Wir haben uns vor der Reise des öfteren gegenseitig beteuert, dass wir auch mal zwischendurch ein paar Wochen getrennt reisen können, allerdings hatte während der letzten 20 Monate keiner von uns das Bedürfnis dazu. Es ist einfach schön einen Menschen zu haben, mit dem man all die tollen Erlebnisse und Erinnerungen teilen kann.

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Dafür aber beeindruckende traditionelle Trachten

Was waren die wichtigsten Dinge, die ihr über euch und über andere Menschen gelernt habt?

Wir haben ziemlich schnell die Erkenntnis gewonnen, dass wir keinen Komfort oder Luxus brauchen, um glücklich zu sein. Am freiesten, lebendigsten und glücklichsten haben wir uns immer dann gefühlt, wenn wir irgendwo allein in der Natur waren, uns in Flüssen gewaschen und am Lagerfeuer gekocht haben.

Zudem haben wir beide die Erkenntnis gewonnen, dass wenn man sich unglücklich oder unzufrieden fühlt der Grund nicht aus der Umwelt kommen muss, sondern oft in einem selber zu suchen ist.

Durch die ein oder anderen Grenzerfahrung haben wir auch gelernt, wie stark man sein kann, wenn es wirklich drauf ankommt.

Bezüglich anderer Menschen hat sich unser Verdacht bestätigt, dass der Großteil der Menschen in jedem Land gut ist, und einem nichts Böses will. Und wenn man jemandem offen und respektvoll begegnet, dann wird man selbst ebenso behandelt.

Würdet ihr sagen, dass eure Reise euch verändert hat?

Ja natürlich, hat uns die Reise verändert. Verena ist deutlich selbstbewusster und gelassener, und wir beide haben einen viel weiteren Horizont als zuvor. Martin wiegt außerdem nun 10 kg weniger :-)

Welche Tipps und Tricks hättet ihr gerne vor eurer Reise schon gekannt?

Da fällt uns spontan gar nichts ein. Wir sind froh, dass alles so gekommen ist wie es ist und würden auch alles wieder so machen.

8 Papua Neuguinea

In Papua-Neuguinea

Was würdet ihr anderen Reisenden mit auf den Weg geben?

Manches kommt anderen als man denkt, seit spontan, offen und mutig. Nehmt euch genügend Zeit um flexibel zu bleiben. Hört auf eure Intuition und nutzt den gesunden Menschenverstand!

Könnt ihr euch vorstellen nochmal für längere Zeit zu reisen?

Ja auf jeden Fall! Allerdings würden wir wohl nicht nochmal mit so wenig Geld reisen. Wir haben schon damit geliebäugelt, irgendwann mit unserem eigenen kleinen Bus und Matratze hinten drin nochmal die Seidenstraße entlang zu fahren… und das ist nur eine von ganz vielen anderen Ideen.

Was sind eure Pläne für eure Zukunft in Deutschland?

Im Moment freuen wir uns auf unser gewohntes soziales Umfeld und darauf, es uns irgendwo zusammen gemütlich zu machen, ein geregeltes Einkommen zu haben und ganz viel Brot mit Käse zu essen :-)

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… und was machst du jetzt so?

Ich bin seit 6 Wochen etwa wieder in Deutschland.

Seitdem habe ich enorm viel geschlafen.

Enorm viel Ungesundes gegessen: gefrorene Windbeutel! Butterbrezeln! Weihnachtskekse! Himbeereis! Mousse au Chocolat! Brausestäbchen! Schokolade! So langsam bekomme ich aber wieder Lust auf Gemüse…

Einige aber nicht alle Freunde und Familienmitglieder getroffen.

Einmal war ich 150 Kilometer von daheim weg, aber ansonsten bewegte ich mich maximal im 20-Kilometer-Umkreis.

Momentan habe ich gar keine Lust auf Reisen, auch wenn ich natürlich immer noch Blogs und Bücher lese, die meine Reiselust wieder herauskitzeln.

So ganz bin ich noch nicht daheim angekommen: auf dem Weihnachtsmarkt stupste mich ein kleiner Junge an, nuschelte leise etwas und hielt mir zwei Glühweintassen hin. Ich sagte: „Nein, danke, ich möchte keine Tassen kaufen“ und verstand erst 10 Sekunden später, dass er zu klein war um zur Theke zu reichen und die Pfandtassen zurückgeben wollte… ich entschuldigte mich und war beschämt und amüsiert gleichzeitig über mein lange Jahre eingeübtes Bettlerablehnverhalten, das hier leider den falschen traf.

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Glücklicherweise lebe ich am Fuß des höchsten deutschen Mittelgebirges – dem Schwarzwald. Dadurch kann ich bei schönem Wetter einfach schnell einen Abstecher auf den höchsten Berg in der Umgebung machen, wo es dieses Jahr schon einen halben Meter Schnee gab.

Mein Computer stirbt gerade einen langsamen Tod. Letzte Woche konnte er nur durch ich sag mal, intensivmedizinische Behandlung durch meinen Vater inklusive Aufschrauben, Eingeweidesichtung, Festplattenausbau, Reparatur selbiger  und Wiedereinbau wieder gerettet werden. es war sehr knapp. Wenn er noch länger als 2 Monate mitmacht bin ich sehr überrascht. Ich kann es nur wiederholen, ihr solltet IMMER eine aktuelle Datensicherung haben.

Außerdem freue ich mich unglaublich, dass Sada tatsächlich ein Visum bekommen hat und das sogar für zwei Monate. Niemand der es erfährt kann es glauben, auch wir selbst nicht so richtig, denn die deutsche Botschaft in Pakistan ist nicht dafür bekannt, bei der Visavergabe so großzügig zu sein, ganz im Gegenteil. Ich nenne es „das Wunder von Islamabad“ und in einer Woche wird er schon hier sein.

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Es waren überraschend wenig Leute unterwegs an diesem Freitagnachmittag und da die Sonne schon um 16:30 untergeht, kam ich genau in der Abendstimmung an.

Und: ich arbeite! Ich habe eine 40-Stunden-Woche und ich werde dafür bezahlt. Nach 2 Jahren ist das mein erster Job.

Was ich mache? Also, es ist so. Ich habe eine Arbeit gesucht, den ich für eine Zeit von etwa 3 Monaten machen kann, bis ich etwas anderes gefunden habe – und länger wird es hoffentlich auch nicht werden, wie ihr sicher nachvollziehen könnt, wenn ihr den Blogartikel fertiggelesen habt.

Meine Arbeitszeiten wechseln, aber in der Regel sind es 8 Stunden pro Wochentag. Ich arbeite bei einem kleinen, unbekannten, international aufgestellten Automobilzulieferer. Ich werde sogar jeden Tag von einem Chauffeur abgeholt und wieder zurückgebracht, was sehr gut ist, sonst müsste ich nämlich 20 Kilometer pro Strecke mit meinem generalüberholungsbedürftigen Fahrrad fahren.

Man könnte sagen, meine Tätigkeit ist ideal für einen Wiedereinstieg ins Arbeitsleben. Ich brauche Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Bescheidenheit und Dankbarkeit, Konzentration auch über mehrere Stunden hinweg, eine qualitätsbewusste und doch effiziente Arbeitsweise, eine gut entwickelte Feinmotorik, Durchhaltevermögen auch bei monotonen Tätigkeiten, Teamfähigkeit und die Fähigkeit, mit unterschiedlichsten Menschen umzugehen. Das Team, in dem ich arbeite, hat nur fünf Mitglieder, aber wir stammen aus vier verschiedenen Ländern. Ich lerne außerdem ein Unternehmen von einer ganz anderen Sichtweise als bisher kennen und es ist höchst aufschlussreich.

Am Liebsten arbeite ich nachts, danach werde ich von dem Chauffeur abgeholt und kann mich daheim in mein gemütliches Bett kuscheln, mich zu einer Kugel zusammenrollen, die Decke über den Kopf ziehen, ein paar Mal langsam atmen und 8 bis 9 Stunden lang ohne einmal aufzuwachen durchschlafen. Nur wenn ich morgens arbeite ist es brutal, denn dann muss ich um 4 Uhr aufstehen und auf jeden Fall auf die Minute pünktlich sein. Jetzt kann ich es ja verraten, ich hätte vor ein paar Jahren beinahe eine Abmahnung wegen mehrfachen Verschlafens bekommen. Nach diesem Hardcoretraining fühle ich mich gewappnet für unmenschliche Aufstehzeiten wie 7 Uhr und weiß jetzt, dass ich der ideale Nachtmensch bin.

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Der Blick reicht hier über die westliche Vorgebirgszone, das Rheintal ist in einem zähen Nebel verschwunden.

Wisst ihr, man kann alles schönreden und es gut verkaufen. Was ich eigentlich mache ist: über eine Zeitarbeitsfirma mit Fahrdienst zum Mindestlohn als ungelernte Produktionshelferin zu arbeiten.

Es ist beinahe der schlimmste Job der Welt. Okay, es geht sicherlich noch schlimmer: Straßenbauerbeiter in Indien, Teppichknüpfer in Pakistan, Minenarbeiter in China. Für mich ist es einer der schlimmsten Jobs der Welt, denn ich mache jeden Tag mindestens 4, oft 8 Stunden lang genau das gleiche ohne jeglichen geistigen Anspruch. Ich stehe stundelang am gleichen Fleck und bewege nur die Arme. Es ist keine Fließbandarbeit, sondern wir fügen Teile zusammen, legen sie in Schweißmaschinen ein, nehmen sie wieder heraus. In einem anderen Arbeitsschritt werden sie kontrolliert und verpackt. Man muss nur darauf achten, dass man immer alle Teile komplett und richtig einlegt. Eigentlich sind alle Leute hier Erweiterungen von Maschinen, wir füttern sie, wir nehmen ihr das Ausgespuckte wieder ab, wir berühren jedes Teil mindestens ein Mal. Falls ihr in näherer Zukunft einen Porsche mit Turbomotor kauft, ist da vielleicht ein Teil drin, das die Schweißmaschine unter meiner Aufsicht geschweißt habt. Ich hoffe, es bereitet euch keinen Kummer.

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Da ich schon gefühlte 10.000 Mal auf der Hornisgrinde war, kenne ich dort einige Schleichwege, die bei Schnee wunderschön aussehen.

Tollpatschig bin ich nämlich immer noch sehr, weshalb ich mich anstrenge, meine Konzentration lange aufrecht zu erhalten. Bisher habe ich meine Mitarbeiterkarte verloren und wiedergefunden, habe falsch gestempelt, mich um 4 Uhr morgens ausgesperrt, bin an Tische gestolpert, beim Verlassen des Gebäudes fast schwungvoll in einen Abfalleimer gelaufen, habe einiges fallengelassen, aber FAST alles wiedergefunden und aufgehoben. Ich konzentriere mich sehr, damit ich nicht versehentlich ein Teil beim Schweißen vergesse und es zu einer teilweise mehrstündigen Maschinenstörung kommt. Deshalb kann ich nicht einmal meine Gedanken frei schweifen lassen, ich glaube, ich könnte nicht mal bis zwanzig zählen, ohne aus dem Konzept zu kommen.

Der aufregendste Teil ist immer, wenn ich eine Kiste mit Nachschub holen kann. So jede Stunde mal. Oder wenn ich die Toilette benutze. Oder wenn Pause ist und ich etwas essen kann. Oder wenn ich die zusammengeschweißten Teile abwiege und dann schriftlich Addieren und Subtrahieren darf, das Subtrahieren fand ich anfangs herausfordernd, weil ich vergessen hatte wie es geht…

Ich habe das Gefühl, dass mein IQ jeden Tag weiter sinkt. Meistens kann ich mit niemandem reden, denn alle anderen arbeiten mindestens 10 Meter weiter weg, wir müssen Hörschutz tragen und ich bin ja sowieso halb taub, was Unterhaltungen mit Hintergrundlärm sehr schwierig macht. Musikhören ist offiziell verboten, inofiziell ist es nachts aber möglich.

Wie manche Leute das jahrelang machen können, teilweise 10, 20 Jahre lang im gleichen Unternehmen sind, das kann ich nicht verstehen. Ich fand es nach einem Tag schon so höllisch dass ich unglaublich froh war, studiert zu haben und diesen Job nicht mein ganzes Leben lang machen zu müssen. Aber scheinbar ist es hier gar nicht schlecht, das Unternehmen hat zwar keine tolle Personalpolitik wie es scheint, aber dafür sind die Tätigkeiten „nicht so schlimm wie am Fließband“, meinte jemand.

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Hier seht ihr den sagenumwobenen Mummelsee. Wenn es mal richtig kalt wird, kann er komplett zufrieren. Ich bin schon mehrmals auf seinem Eis herumgelaufen, einmal sogar bei strahlendem Sonnenschein und minus 17 Grad.

Wenn ich mit anderen Leuten rede, dann war das erste Gespräch meistens in breitestem Badisch so: „Hasch du nix glernt?“ „Doch, ich hab studiert.“ „Un was machsch du dann hia?“ „Ha, Geld verdiene halt. Ich war zwei Jahr unterwegs un jetz hab ich halt schnell was gsuchd un bin hier so zwei drei Monad.“ „Ah okay. Un was hasch studiert?“ „BWL.“ „Was isch des?“ „Sso was mit Wirtschaft.“ „Hä, aba willsch dann ned im Büro arbeide?“ „Doch, aba da findet ma so schnell nix.“ Aber wisst ihr, die Leute sind alle nicht dumm. Da ist zum Beispiel eine dabei, die in der Ukraine fünf Jahre lang Elektrotechnik studiert hat, nach der Wende nach Deutschland kam, und deren Diplom nicht anerkannt wurde.

Ich werde mich nie wieder über monotone Aufgaben beschweren.

Jeder noch so dröge Bürojob ist besser als das.

Wenigstens kann man da sitzen und zwischendurch mal kurz reden.

 

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Anhaltergeschichten

Von Tallinn in Estland war ich über 2000 Kilometer per Anhalter unterwegs zurück nach Hause im schönen Südwestdeutschland – das ist natürlich nicht vergleichbar mit dem Lebenswerk von Alexey Vorov, der in 45 Jahren beinahe 2.000.000 km, in Worten: 2 Millionen Kilometer, per Anhalter fuhr. Aber trotzdem ganz nett, finde ich. Ab Deutschland war ich sogar ausgestattet mit einer druckfrischen Karte der deutschen Autobahnen und aller Raststätten, die so groß war, dass ich beim Ausklappen regelmäßig darunter verschwand, aber wenigstens wusste ich ab diesem Moment, wo Magdeburg oder Bielefeld  liegen. Es war einfach zu blamabel, wie schlecht ich mich auf deutschen Autobahnen auskannte.

Ich hatte demnach viel Zeit, neue Menschen kennenzulernen und ihre Geschichten anzuhören. Mein Zuhause erreichte ich mit noch viel mehr Glauben daran dass andere Menschen meistens nett sind, genau 11 Eurocent, 15 Zlotky und 1 Yuan im Geldbeutel und einem leeren Magen.

Hier erzähle ich euch ein bisschen mehr von den Menschen, die ich getroffen habe. Da ich mir leider Namen überhaupt nicht merken kann, sind alle mit Stern gekennzeichneten von mir frei erfunden – aber ich finde, sie passen zu den Leuten.

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Nach über 50.000 Kilometern und zwei Jahren bin ich – daheim. Es ist ein bisschen seltsam, aber so langsam gewöhne ich mich daran. Mal sehen, wie lange ich hier sein werde?

Jonas, etwa 60 Jahre alt, aus Litauen, Rallyecoach, 400 Kilometer.
Jonas hatte neben einem erstaunlichen Repertoire an Verschwörungstheorien auch interessante Begebenheiten aus seiner Jugend in der Sowjetunion zu berichten. Er war professioneller Rallyefahrer und ist jetzt Rallyefahrercoach. So eine Teilnahme an einer Rallye kostet alles in allem locker mal 120.000 Euro und Preisgelder gibt es auch keine. Es geht hier nur um den Ruhm. Er studierte an der Universität und beschloss, sein Hobby Rallyefahrer für reiche Sponsoren zum Beruf zu machen, denn „gute“ Jobs konnte man ansonsten nur bekommen, wenn man der KGB beitrat und das wollte er nicht.

Im Laufe seiner Karriere kam er dadurch auf der halben Welt herum, früher ausschließlich in der Sowietunion. Als er zum ersten Mal in die DDR kam war konnte er den ganzen Luxus dort kaum glauben. Und als er 1988 ein Rennen in Norwegen fuhr wurde sein Weltbild auf den Kopf gestellt – was es dort alles zu kaufen gab! In welch guten Häusern die Leute dort wohnten, und erst die Autos!

Jetzt war er mit seinem Schüler auf dem Rückweg von einem Rennen auf einer kleinen estnischen Insel. Ich war ganz entspannt beim Fahren, da der Fahrer extrem sicher fuhr und sich immer genau an die Geschwindigkeitsbegrenzungen hielt.

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Die Herbstfarben haben mich total fasziniert und ich hatte das Glück, von Sankt Petersburg aus den bunten Blättern hinterherzureisen. Außerdem war das Wetter überraschend gut, es regnete kaum. Und wenn man dann noch ein berühmtes Kirschenanbaugebiet in der näheren Nachbarschaft hat, hat man in Punkto Herbstfarben das goldene Los gezogen.

Viktor*, etwa 35, aus Polen, LKW-Fahrer, 400 Kilometer.
Viktor* war auf dem Weg nach Hause zu seiner Frau und seinen beiden kleinen Söhnen. Er nimmt so oft er kann Anhalter mit, denn er ist der Meinung, dass Gutes was man tut doppelt wieder zurückkommt. Er schenkte mir sogar einen Kaffee, den ich natürlich nicht ablehnen konnte, und so trank ich zum ersten Mal in beinahe 3 Jahren mal wieder Kaffeee. Er erzählte mir, dass er an der Universität Physik studiert hat, sein Gehalt als Physiklehrer aber so niedrig war dass er lieber LKW-Fahrer wurde. Jetzt fährt er oft zwischen Krakau und Cottbus, früher auch in anderen Teilen von Deutschland. Seine Frau arbeitet als Sekretärin und verdient im Monat etwa 500 Euro. Die wirtschaftliche Lage in Polen ist nach seiner Aussage schlecht, viele junge Leute wandern aus wie beispielsweise sein Bruder, der in England lebt. Zur Flüchtlingskrise sagte er, dass er nicht versteht, wieso die Flüchtlinge es in ihrem Land dann besser haben sollten als Arbeitslose oder Leute, die wenig Geld verdiene. Er findet, dass der Staat Flüchtlingen zu viel Geld geben würde. Außerdem gibt es seiner Aussage nach jetzt schon zu viel Arbeitslosigkeit. Selbst politische Parteien machen negative Stimmung: „Was ist denn das für ein Mann, der im Krieg sein Land und seine Familie zurücklässt!“

Sein Großvater war auch im (zweiten Welt-)Krieg, er musste als Kriegsgefangener an einem Bahnhof arbeiten, an dem Züge voller Nachschub in Richtung Front fuhren. Zusammen mit anderen sabotierte er mit allen Mitteln diese Züge, beispielsweise indem sie Löcher in den Boden bohrten, so dass das Getreide langsam herausrieselte, oder indem sie in die Motoren von Autos hineinpinkelten.

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Beinahe könnte dieses Bild meines Lieblingsbaumes – eine sehr alte Eiche. Das Bild könnte auch einen Frühlingsmorgen zeigen, wäre da nicht die verdächtige Gelbfärbung der Blätter…

Marius*, etwa 40, Deutschland, LKW-Fahrer, 150 Kilometer.
Stefan fährt leidenschaftlich einen Schwerlasttransporter der bis zu 100 Tonnen laden kann und erklärte mir, dass die goldenen Zeiten der Trucker vorbei sind. Kameradschaft und gemeinsames Grillen gab es früher. Heute ist ihr Alltag diktiert von Pausezeiten und Kilometervorgaben. Neben allerlei Anekdoten aus dem Alltag eines passionierten LKW-Fahrers erzählte er mir auch sein eindrücklichstes Erlebnis aus seiner Zeit als Rettungsschwimmer, sinngemäß etwa so: „Da war so ein älterer Mann, vielleicht 60, 65 Jahre alt. Er schwamm mit dem Gesicht nach unten auf dem Wasser aber das tat er oft zur Entspannung. Nur dieses Mal dauerte es ein bisschen länger, so dass ich misstrauisch wurde. Ich zog ihn aus dem Wasser und begann sofort Wiederbelebungsmaßnahmen. In den Kursen lernt man ja immer, dass man so ein Latextuch als Abdeckung auf dem Mund verwenden soll, aber in der Praxis ist dafür überhaupt keine Zeit. Ich meine, soll ich sagen „Oh der hatte wohl einen Herzfinfarkt. Moment, ich geh mal schnell das Tüchlein suchen, bin gleich wieder da?“. Bei der Mund-zu-Mund-Beatmung kam mir als erstes sein künstliches Gebiss entgegen. Als zweites dann der abgestandene Raucheratem. Ein paar Rippen habe ich ihm auch noch gebrochen bei der Wiederbelebung, aber es war alles umsonst. Wer sich vorstellt dass man bei der Wiederbelebung eine hübsche junge Frau quasi küsst und sie wieder aufwacht und einen strahlend anblickt liegt da ganz falsch.“

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Auch das Schilf färbt sich herbstlich. Als Dorfkind habe ich zusammen mit meinen Schwestern früher viel Zeit in den umliegenden Feldern verbracht, was mit meiner resoluten Mutter zusammenhängt, die uns bei jedem Wetter jeden Nachmittag „rausschmiss“. Früher habe ich es gehasst, heute würde ich das meinen Kindern auch antun :-) Geschadet hat es uns nämlich nicht und ich habe immer noch eine Vorliebe für Querfeldeingehen. Mit Gummistiefeln durch den Matsch. Und im Winter über brüchiges Eis…

Reinhold*, etwa 70, Deutschland, Rentner und begeisterter Ossi, 100 Kilometer.
Reinhold* war sehr redselig und lies mich und den anderen Anhalter, den ich getroffen hatte (ein Novum!) kaum zu Wort kommen. Wenn ich es schaffte, das Gespräch ein bisschen zu lenken war es aber hochinteressant. Seiner Meinung nach haben wir „Wessis“ keine Ahnung vom Osten oder davon wie das Leben in der DDR so war – was ich nicht bestreite, meine Kenntnisse über die DDR kommen vor allem von „Good Bye Lenin“ und ein paar Fernsehdokus. Er erklärte es uns gerne in breitestem Sächsisch. Das reichte von der Landwirtschaft auf riesigen Feldern mit Mähdrescherkolonnen über die Produkte die er vermisst bis hin zu Umweltverschmutzung und Stasikontrolle im Alltag.

„Wisst ihr, wenn man bei uns früher ein Haus gebaut hat, dann gab es drei Baupläne. Einen für die Stadtverwaltung, einen für den Architekten, und der dritte ging an die Stasi. Die hat das dann auch noch kontrolliert und genehmigt. Ich wollte so eine riesige vier Meter breite Fensterfront einbauen. Ging nicht. Kam der Plan zurück, Vermerk ‚Fensterfront zu westlich‘. Und irgendwann hab ich mir noch ein paar Fuhren Kies organisiert für die Terrasse, von so einer anderen Baustelle, bar bezahlt, durfte man alles natürlich nicht, dann rief mich am nächsten Tag die Bank an und fragte, wo denn meine Belege für den Kies sind. Und außerdem hat die Stasi immer wieder auf der Baustelle rumgeschnüffelt.“ Damals war alles noch besser, Fernseher hielten ewig, den Trabi gab es auch noch und wer einen VW bekam war der King, den er dann nach der einjährigen Verkaufssperre für den 10fachen Preis weiterverkaufen konnte. Aber es gab auch viele Leute mit chronischem Husten („Ach das hatte damals jeder, war halt ne Bronchitis haben die Ärzte gesagt“) und Bitterfeld war die einzige Stadt in der DDR, in der die Regenrinnen nicht aus Plastik sondern aus Aluminium waren, denn „wenns da einmal geregnet hat hingen die gleich ganz schief, das Plastik hat sich alles aufgelöst“.

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Noch mehr Kirschbäume! Die waren echt toll. Im Frühjahr sind sie übrigens auch sehr sehenswert.

Steve, etwa 65, Deutschland, Keyboarder, 150 Kilometer.
1969, als er gerade 18 Jahre alt war, fuhr er von Westberlin aus mit einer Ente und seinem besten Freund auf dem Hippietrail nach Pakistan. Unterwegs machte die Ente schlapp, so dass sie sie in Teheran zurückliesen. Die Grenze nach Afghanistan überquerten sie zu Fuß, da die Jeeps zu teuer waren. Sie liefen sogar nachts und spielten zwischendurch mit einem Volleyball. Der eindrücklichste Teil seiner Reise waren die vier Wochen, die er unschuldig in einem Provinzgefängnis in der Türkei nahe der iranischen Grenze verbrachte. Auf dem Rückweg hatten sie ihre mittlerweile in der Mitte beinahe auseinandergebrochene Ente in Täbriz verschrottet, die Grenze wiederum zu Fuß überquert und sein nicht sehr diplomatischer und gelassener Freund versuchte, in einer Poststelle ein Taxi zum nächsten Ort zu organisieren. Das endete damit, dass beide von der Polizei wegen einer Messerattacke auf den Postangestellten in Untersuchungshaft genommen wurden. Die Zeit verbrachten sie so: Radio hören. Fotos mit der Wachmannschaft und den anderen Insassen machen, die immer darauf beharrten, dass das Radio auch im Bild war, hinter dem der Ranghöchste knien durfte. . Geburtstag feiern, er wurde im Gefängnis 19 Jahre alt. Schachfiguren aus Brot kneten und Schach spielen. Tagebuch schreiben oder schlafen. Sich zu Tode langweilen. Mit den Insassen und den Wachen reden. Steve und sein Freund bekamen beide Läuse. Alle 2 Wochen durften sie das Gefängnis verlassen und angekettet mit allen anderen Gefangenen in einer Reihe zum Hammam laufen und ein Bad nehmen. Nach 4 Wochen schickte die deutsche Botschaft einen Anwalt aus Ankara und schnell war klar, dass Steve mit der Attacke (wobei sein Freund ja beteuerte, dass da nie etwas passiert war und er sich die Situation überhaupt nicht erklären könne) nichts zu tun hatte. Sein Freund saß noch 4 weitere Wochen lang fest und kam nur gegen die Zahlung von 3000 DM an den Anwalt frei, der sich mit dem lokalen Richter in einem Teehaus traf und dort dann zu einer Einigung kam, bei der sicherlich einiges an Geld floss. Steve hatte auf seinem Laptop sogar ein paar Fotos von damals mit dabei, die er mir zeigte und bei deren Sicht ich in Begeisterungsstürme ausbrach: die Kleidung, die Frisuren, die winzige Ente, die Fotos von der Grenze zu Afghanistan, die Fotos aus dem Gefängnis – es war einfach fabelhaft. Solche Reiseerzählungen aus der Zeit vor 45 Jahren zu hören ist ein seltener Genuss und für mich eine ganz besondere Erinnerung.

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Feld, Wald… fehlt nur noch die Wiese.

Außerdem traf ich auf der Reise noch einen Hochzeitsmoderator.

Einen professionellen Angelwettbewerbveranstalter mit seinem Motorboot aus Frankreich der mir erzählte, wieso man auch in Großstädten Fische fangen kann und die Anatomie von Fischmäulern näher brachte.

Den Geschäftsführer einer Firma, die Holzhackschnitzler verleiht (die Maschinen, in die man oben einen jungen Baum reinsteckt und unten dann kleine Häcksel herausbekommt) auf dem Weg zu einem Lifestyleseminar. Er erklärte mir, wieso Golf ein Sport ist der den ganzen Körper stärkt so dass er nicht mehr zur Physiotherapie muss, wieso man in seinem Leben ein Gleichgewicht zwischen Körper und Seele, Familie und Beruf bewahren muss und wieso er nicht in Tränen ausbricht wenn der Holzhackschnitzler von einer zu niedrigen Brücke vom LKW gefegt wird.

Einen polnischen LKW-Fahrer, der keine mir bekannte Sprache sprechen konnte und dessen Deutsch sich auf „Straßenschaden“ und „Tankstelle“ beschränkte. „Motor kaputt?“ verstand er übrigens auch.

Auch das junge Pärchen aus Leipzig, das seit einiger Zeit in Freiburg lebt sollte nicht vergessen werden, denn sie waren die letzten neuen Menschen, die ich auf meiner zweijährigen Reise traf – sie brachten mich bis zum McDonalds an der Autobahn, von wo aus mein Vater mich abholte.

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Estland – die Welt ist klein

Estland ist ein winziges Land. Es ist nur 45.000 Quadratkilometer groß und damit kleiner als Bayern. Es hat nur 1,4 Millionen Einwohner und damit wohnen auf einem Quadratkilometer 28 Esten. Zum Vergleich: in Deutschland sind es 230 (die meisten keine Esten, natürlich).

Pärnu ist eine estnische Kleinstadt mit 50.000 Einwohnern, die in der Nebensaison fast ausgestorben ist, nur im Sommer kommen Touristen aus dem nahen Finnland, die die Wellnesshotels und den wunderschönen feinen weißen Sandstrand genießen wollen.

Jetzt überlegt mal wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ihr bei dem besten Freund des Bruders eures pakistanischen Freundes in Pärnu couchsurft, der erst seit 6 Wochen zum Studium in Estland ist?

Die Welt ist klein, ich sags ja…

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Dieser feine Sand! Und der Sonnenuntergang! Außerdem ist das Wasser ganz flach und wellenlos, das Meer sieht eher aus wie ein riesiger See und ist nicht sehr salzhaltig.

Tallinn ist die Hauptstadt des Landes, hat aber ein richtiges Kleinstadtfeeling. Der mittelalterliche Stadtkern ist zu einem großen Teil noch erhalten und wurde aufwendig restauriert, er ist jetzt so richtig „blankgeputzt“ und glatt. Ein paar verfallene Ecken irgendwo? Konnte ich nicht finden. Außerhalb des Stadtkerns Richtung Hafen gibt es die dann. Die alte Linna-Halle war einmal die Stadthalle für Konzerte und sonstige Events, ein futuristischer Betonbau mit vielen Treppen und übersät mit Graffiti.

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Tallinn, die süße Hauptstadt Estlands.

Ich war sehr überrascht über das Feeling in Estland, mittelalterlicher Stadtkern der genausogut in Süddeutschland sein könnte, skandinavisch geprägte Holzhäuschen, eine riesige Auswahl im Supermarkt… außerhalb der Städte ist die Landschaft übrigens geprägt von ausgedehnten Birkenwäldern, selten sieht man mal landwirtschaftliche Nutzflächen oder gar ein paar Häuser.

Es war Anfang Oktober so kalt wie bei uns im Januar. Nachts Minusgrade, tagsüber 5 bis 8 Grad. Im Januar kann es in Estland übrigens locker mal minus 30 Grad haben. Zum Glück schien während meines Aufenthaltes meistens die Sonne, aber ich fror trotzdem den halben Tag vor mich hin und genoss daher meine Spaziergänge nicht so sehr.

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Der Herbst war eine wunderschöne bunte Jahrezeit, und wie meistens hatte ich großes Glück mit dem Wetter.

Couchsurfen war in Estland nicht einfach aber mit Humair hatte ich riesiges Glück. Er war ein sehr liebenswürdiger Mensch, kritisierte die gleichen Punkte wie ich an der pakistanischen Gesellschaft und Regierung… ich fühlte mich wie eine beschützende ältere Schwester. Beispielsweise konnte er nicht kochen, bis er vor 6 Wochen nach Estland kam. ich bin im Kochen zwar wirklich eine Niete, aber ich habe ihm trotzdem zeigen können, wie man Salat, Kartoffelgratin und Himbeereis macht. Wir feierten mit diesem 3-Gänge-Menü übrigens seinen 30. Geburtstag, den er ohne mich ziemlich einsam verbringen hätte müssen. Er tut sich nämlich schwer, Anschluss zu finden. Humair erzählte mir, dass er wegen seiner dunkleren Haut in Estland sehr oft angestarrt wird, auch die entsetzte Frage „Bist du ein Flüchtling??“ wurde ihm schon gestellt. Einmal beschimpfte ihn ein älterer Herr aufs Übelste, als er nach einem längeren angenehmen Gespräch herausfand, dass er aus Pakistan kommt. Manchmal schauen ihn Kinder an und fangen dann an zu lachen. Zwei Französinnen die in seinem Haus leben haben ihn nach drei Wochen als Persona non grata eingestuft und wechseln aus unerfindlichen Gründen kein Wort mehr mit ihm. In seinem Studiengang sind nur etwa 10 Mitstudenten, und auch die finden ihn seltsam. Er ist ein wirklich netter Mensch und ich kann mir das nur als Fall von interkulturellen Missverständnissen erklären. Es tut mir schrecklich leid, dass er so negative Erfahrungen machen muss.

DSCN0610Der Rassismus vieler Esten kommt meiner Meinung nach vor allem daher, dass es in Estland kaum Immigranten aus anderen Ländern als den Nachbarländern Polen, Weißrussland und Russland gibt. 25 % der Bevölkerung sind übrigens russischer Abstammung und die Integration von ihnen lief gewaltig schief,was mit an den Ressentissements gegen die zwangsweise Eingliederung in die Sowjetunion bis in die 90er liegt.

Eine Mitschuld hat vielleicht auch die hochkomplizierte estnische Sprache, die aussieht, als wäre eine Katze über die Tastatur gelaufen. Wer genau hinsieht denkt sich vielleicht „Hey, das sieht so ähnlich aus wie Finnisch?“ Tatsächlich sind die beiden Sprachen eng verwandt, auch was die Komplexität der Grammatik betrifft: Estnisch hat 18 Fälle (so was wie Nominativ, Genitiv, Dativ, etc). Ungarisch, das zur gleichen Sprachgruppe gehört, hat je nach Quelle bis zu 41.

Ich kann nur ein einziges estnisches Wort: „Hapukoor“, das bedeutet „Sauerrahm“, das suchte ich nämlich verzweifelt im Supermarkt, um mir ein nur leicht misslungenes Kartoffelgratin zu backen.

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Genauso habe ich mir Küsten an der Ostsee immer vorgestellt.

Da ich nur eine Woche in Estland war, hier mein „Länderfazit“ – es widerstrebt mir wirklich, es so zu nennen, denn gesehen habe ich nicht so viel. Estland hat keine Berge, dafür aber das Meer und wunderschöne riesige Wälder. Man findet dort jahrhundertealte Hansestädte, Klosterruinen, Burgruinen und paradiesisch feine Sandstrände. Das Preisniveau ist ähnlich wie in Deutschland. Mit Englisch kommt man gut durch. Estland lässt sich gut mit einem Besuch von Südfinnland verbinden, denn die beiden Länder sind nur 80 Kilometer voneinander entfernt. Zu mir waren alle Menschen sehr nett, aber falls ihr eine dunkle Hautfarbe haben solltet, könnte eure Erfahrung ganz anders aussehen.

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Sankt Petersburg, das Venedig des Ostens

***Wie das neue Titelfoto vermuten lässt, bin ich tatsächlich wieder daheim angekommen :) aber bleibt am Ball, ich habe noch ein paar Artikel auf Lager! Allerdings ist mein Hirn momentan eher mit „Oh mein Gott, ich bin daheim, was mache ich jetzt?“ beschäftigt, obwohl ich ja eeeigentlich genug Zeit hatte, mich darauf vorzubereiten und mir schon vor Monaten To-Do-Listen geschrieben habe. Trotzdem. Nach zwei Jahren zurückzukommen ist nicht einfach. Mehr dazu irgendwann mal später. Jetzt geht es um meinen leider viel zu kurzen Aufenthalt in Russland. So viel kann ich schon mal verraten: es war kalt.***

Sankt Petersburg wurde erst 1703 von Peter dem Großen gegründet, anders als der Name vermuten lässt hat er die Stadt allerdings nicht nach sich sondern nach seinem Schutzheiligen Simon Petrus benannt. Sie wurde strategisch geschickt so gebaut, dass Russland einen Zugang zur Ostsee hat, allerdings liegt sie im Sumpfgelände der Mündung auf mindestens 42 Inseln gebaut. Diese Lage hat den Nachteil, dass es auch heute noch zu schweren Überschwemmungen kommen kann. Viele Paläste wurden von Architekten aus Frankreich und England entworfen und erinnern stark an Schlösser in Paris. 2300 beeindruckende Gebäude findet man im von Kanälen durchzogenen Sankt Petersburg, die Altstadt ist Unesco Weltkulturerbe.

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Im ehemaligen Winterpalast des Zaren wird jetzt ihre riesige Kunstsammlung ausgestellt. Man findet dort sogar Sarkophage aus Ägypten und zwei Bilder von Leonardo da Vinci.

Anfang des 18. Jahrhunderts wollte selbstverständlich niemand in einer aus dem Boden gestampften Stadt mitten in einem Sumpfgebiet, bedroht von Krankheiten und Überschwemmungen, fast 1000 Kilometer von Moskau entfernt leben. Die Bauarbeiter waren Zwangsarbeiter, der Hochadel wurde vom Zaren höchstpersönlich dazu gezwungen, nach Sankt Petersburg umzuziehen, natürlich mussten sie die Baukosten für ihre neuen repräsentativen Stadthäuser selbst tragen. Und so lebten bald 50.000 Menschen in dieser Stadt, die bis 1918 die Hauptstadt Russlands war. Um den Bauboom ungebremst fortzusetzen durften bis 1741 in keiner anderen Stadt Steinhäuser gebaut werden, jeder Einwohner Sankt Petersburg musste zudem eine jährliche Steinzwangsabgabe leisten.

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Im Sankt Petersburg der Gegenwart dachten die russischen Omis auf der Straße meistens, dass ich Russin bin und hier wohne, ich wurde jeden Tag mindestens zwei Mal nach dem Weg zur nächsten U-Bahnstation gefragt. Ein bisschen überrascht war ich auch, dass „Ich komme aus Deutschland“ hier nicht wie in anderen Ländern total enthusiastisch begrüßt sondern eher zurückhaltend mit einem enttäuschten „Aah…“ aufgenommen wurde. Die Russen mögen einfach immer noch keine Deutschen.

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Der Katharinenpalast vor den Toren Sankt Petersburgs

Wenn man 70 Jahre zurückdenkst, versteht man das gut. Stalingrad sagt wohl jedem Leser etwas, und Leningrad (aka Sankt Petersburg) wurde mehr als 2 Jahre lang belagert. Die Versorgung mit Lebensmitteln war enorm schwierig, ein Drittel der damals 3 Millionen Einwohner überlebte die Blockade nicht. Bei bis zu minus 41 Grad im Winter ohne Heizmaterial und Rationen von 200 Gramm Brot pro Tag für Frauen und Kinder, 400 Gramm für Männer, verwundert das nicht. Und da haben wir noch gar nicht darüber geredet, dass in der Sowjetunion insgesamt geschätzte 9 Millionen Soldaten und etwa 20 Millionen Zivilisten gestorben sind. Der Zweite Weltkrieg wird in Russland übrigens „Großer Vaterländischer Krieg“ genannt.

DSCN0548Auf dem Foto oben seht ihr den Katharinenpalast, 20 Kilometer außerhalb des Stadtzentrums. Die ausgedehnte Parkanlage ist vor allem im bunten Herbst sehr sehenswert, das Palastinnere allerdings bedrückte mich: die gesamte Inneneinrichtung war im Zweiten Weltkrieg nach Deutschland abtransportiert worden, das Gebäude wurde als Wohngebäude für die Soldaten genutzt und teilweise wurde es mutwillig zerstört. Das legendäre Bernsteinzimmer befand sich früher hier, wurde dann abgebaut und in Kaliningrad zwischengelagert, wo sich seine Spur verliert. Es wurde allerdings originalgetreu wieder nachgebaut.

Insgesamt war ich begeistert von Sankt Petersburg und seiner Umgebung. Die architektonische und landschaftliche Schönheit – ausgedehnte Birkenwälder sag ich nur – machen es vor allem im Herbst zu einem guten Reiseziel. Es gibt dort für jeden Geschmack etwas zu entdecken. Kunstmuseen, Paläste, Parkanlagen, Opern, Ballett, wunderschöne Kathedralen voller Ikonen, Kunstmuseen, Sowjetarchitektur, Flusskreuzfahrten, einen alten Panzerkreuzer… Wer sich dafür interessiert kann nach einiger Recherche sogar Roofer finden und illegal auf Hochhausdächer steigen (habe ich nicht gemacht, ich habe ein bisschen Höhenangst).

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Zu alledem ist es für europäische Verhältnisse sehr billig. Für 4 Euro übernachtete ich in einem Hostel mitten im Stadtzentrum, für 3 Euro kommt man in die meisten Sehenswürdigkeiten rein, für 13 Euro kann man mit dem Taxi vom Flughafen bis direkt vor die Haustüre gefahren werden, für 7 Euro kann man Sushi bis zum Platzen essen. Außerdem gab es dort allen Komfort, den ich mit Westeuropa assoziiere. „Westliche“ Marken wie H&M, Zara, Starbucks, Obi (!), Ikea. Internationale Restaurants. Eine riesige Auswahl im Supermarkt. Englische Bücher. Superschnelles Internet. Strom und heißes Wasser, so viel man will. In den Restaurants kann man auf Englisch bestellen. Was will man mehr?

DSCN0433Besonders fasziniert war ich  übrigens von den orthodoxen Kirchen. Der Baustil von außen kann sehr unterschiedlich sein, diese Kirche ist die Auferstehungskirche, die auf Englisch direkt übersetzt „Jesus Retter des vergossenen Blutes“ genannt wird. Außen und auch innen ist diese Kirche mit unzähligen Mosaiken verziert, das Deckenmosaik habt ihr oben schon gesehen.

Sie ist ein Hauptanziehungspunkt für die Touristen in Sankt Petersburg. Mein persönliches Highlight war aber das interaktive Abbild des Fotoalbums der Krönung irgendeines Zaren in eben dieser Kirche. Es war ein Stück Glas, geformt wie ein aufgeschlagenes Buch, und in diesem „Buch“ waren die einzelnen Seiten des Originales abgebildet. Entweder durch drüberwischen oder einfach durch eine Handbewegung ein paar Zentimeter darüber konnte man es umblättern. Als ich herausfand, dass das auch ohne Berührung geht und man viele Variationsmöglichkeiten hat, die Seite zu blättern, verbrachte ich die nächsten Minuten fasziniert damit, mich wie in Star Wars zu fühlen. Ich erklärte auch den nächsten Touristen, wie man die Seiten umblättert und die Rentnergruppe versammelte sich kichernd um das Buch herum.

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In diesem umgebauten Segelboot gibt es ein erstaunlich billiges Restaurant, einen Schönheitssalon und ein Fitnessstudio. Die Enten bei der Wasserfontäne unten rechts sind übrigens Plastikenten.

Insgesamt genoss ich meinen Aufenthalt in Sankt Petersburg sehr und kann es als Kurztrip auch allen an Kunst und Architektur interessierten Lesern empfehlen. Russischkenntnisse sind nicht unbedingt notwendig, die meisten jüngeren Leute können zumindest ein bisschen Englisch. Die älteren Leute sind dafür etwas ruppig und unfreundlich, aber das gleicht sich wieder aus.

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Länderfazit Kirgisistan

Bevor ich nach Kirgisistan kam, wusste ich nicht mal, ob das auf Deutsch jetzt Kirgistan oder Kirgisistan heißt. Kirgisistan ist von Europa aus sehr einfach und vor allem billig zu erreichen, Flüge gibt es schon ab 300 Euro hin und zurück nach Bischkek. Etwa 70 % der anderen Backpacker sind Israelis, die die erstaunlich billigen Flüge und das angenehme Preisniveau hier dazu nutzen, mit geringem Budget mal die Berge zu sehen. Im Gegensatz zu den manchmal seltsamen und partygeilen Israelis in Südamerika fand ich sie hier sehr viel reifer und respektvoller.

Natur
Leider bin ich durch Pakistan vollkommen verdorben für alle anderen Gebirgsregionen, in denen ich bisher war. Sie waren immer schön und reizvoll, aber einfach nicht so spektakulär. So ging es mir auch hier in Kirgisistan.
Der Großteil des Landes ist gebirgig, der Rest des Landes ist sehr trocken und wird teilweise durch Bewässerungslandwirtschaft urbar gemacht. Die Vegetation ist aber recht ähnlich zu den Pflanzen, die es bei uns in Deutschland gibt.

Kirgisistan

Meine Reise begann ganz in der Nähe zu Tadschikistan, ging dann über Saraytasch nach Osch, von dort nach Dschalalabat und dann hoch nach Bischkek. Die deutschen Schreibweisen sind ein bisschen seltsam. Sehr schön und spektakulär soll auch das Tien Schan Gebirge sein (auf chinesisch bedeutet das „Himmelsberg“).

Aufenthaltsdauer
10 Tage. Ich habe natürlich längst nicht alles gesehen, aber Ende September war nicht mehr die ideale Saison. In den Bergen gab es einen frühen Wintereinbruch, es war nachts wirklich schon sehr kalt, die Hirten verließen gerade ihre Sommerweiden, Wanderungen wurden dadurch sehr erschwert. Die beste Saison ist im Juli und August. 2 bis 3 Wochen sind eine ideale Zeit, um alle Highlights des recht kleinen Landes zu sehen.

Highlights

  • Die Natur, die mich abwechselnd an Bolivien und den westlichen Iran erinnerte
  • Kurz im eiskalten und sehr klaren Saray Celek See zu schwimmen
  • Beim Sonnenuntergang auf dem Sulaiman-Berg herumzuspazieren und in die Fruchtbarkeitshöhle zu kriechen
  • Frische Erdbeeren (1,40 € pro Kilo) und Himbeeren (2,50 € pro Kilo) en masse zu essen
  • Traditionelle Musik, die aus vielen „ö“ und „ü“ besteht und mit Akkordeon begleitet wird
  • Viele andere Reisende erzählten mir begeistert von ihren Wandertouren um Karakol herum, vom Lenin-Peak-Basecamp und vom Song Kul See

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Lowlights

  • Die abzockerischen Taxifahrer, so krass habe ich das in keinem anderen Land erlebt. Normalerweise gilt nämlich: ein einmal ausgemachter Preis ist unveränderlich. Hier haben sie mit allen Mitteln versucht, noch irgendwie mehr Geld rauszuschinden, oder haben sich sogar geradeheraus geweigert, Wechselgeld zurückzugeben. Dazu spielten sie während der ganzen Fahrt den besten Kumpel… ich war wirklich enttäuscht
  • Der Fahrstil auf den Straßen, ich hatte ein paar Mal richtig Schiss und das will was heißen
  • Die Plumpsklos. Ich war ja schon auf vielen ekelhaften Toiletten, aber das war echt eine andere Dimension. Wenn man Schiss haben muss, dass die Holzplanken mit dem Loch in der Mitte unter deinem Gewicht nachgeben und du 1 Meter tiefer fällst trägt das nicht zur Entspannung bei. Und den Geruch hatte ich fünf Minuten danach trotz Schal immer noch in der Nase.

Kosten
Wenn man selbst kocht, kann man beispielsweise Gemüsesuppe für 3 Personen für unter 1 Euro insgesamt kochen. Im Restaurant bekommt man „Plöv“ (Graupen) mit Tomatensalat und Tee für 1,50 Euro pro Person. Öffentliche Busse heißen Marshutka. Allerdings gab es die auf meinen Strecken nie und ich fuhr im Shared Taxi. Das kostet etwa 2 bis 3 Euro pro 100 Kilometer. Übernachtungen im Dormitory in größeren Städten kosteten etwa 5 bis 7 Euro.

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Unterwegs als Vegetarier
Als Vegetarier hat man es in Kirgisistan nicht einfach, „ohne Fleisch“ ist für viele Leute hier komplett unverständlich. Ich habe in Restaurants in den Kochtopf geschaut, um zu bestimmen, ob das Essen für mich geeignet war oder nicht. Am Besten geht selberkochen, das ist nebenbei gesagt auch am Billigsten. Leider bin ich so eine schlechte Köchin, dass ich statt Bratkartoffeln irgendwie Kartoffelbrei fabriziert habe.

Unterwegs alleine als Frau
Ich hatte keinerlei Probleme und fühlte mich nie unwohl. Es war für mich total entspannt, weil es hier viele Leute mit russischen Wurzeln gibt und ich daher besser in der Menge verschwinde. Nur einmal versuchte ein Taxifahrer sehr penetrant, mich mit seinem Sohn zu verkuppeln: „Komm doch heute Abend zu uns, dann stelle ich dir meinen Sohn vor! Das wäre mein Traum, dass er jemanden von woanders heiratet. Die Kinder wären dann so intelligent. Ihr könnt ja ein Baby machen, und dann lässt du es hier, oder du kommst öfter mal vorbei.“ Den Zahn habe ich ihm sofort gezogen, aber er kam hartknäckig immer wieder auf das Thema zurück.

DSCN0364Sicherheit
In Bischkek würde ich abends alleine wirklich nicht rausgehen, es gibt keine Straßenlampen und das ist nicht nur wegen der Stolperfallen am laufenden Band gefährlich. Auch in Osh hing in unserem Guesthouse ein Schild, dass man nach Mitternacht nicht draußen herumlaufen solle, weil in der Vergangenheit schon Backpacker ausgeraubt und zusammengeschlagen wurden.

Bemerkenswert
Kirgisistan ist ein muslimisches Land, aber es gibt keine Kleiderordnung und keine Verhaltensregeln für Frauen. Moscheen sieht man in den meisten Orten und viele Leute sind religiös und beten bis zu 5 Mal täglich, aber insgesamt fand ich es hier sehr angenehm und entspannt. Mir wurde jedoch gesagt, dass es im Moment zu einer Radikalisierung der Jugend kommt, denn Saudi-Arabien hat tausende Moscheen bauen lassen und versucht, den radikalislamischen Wahabbismus auch hier zu verbreiten.
Auf den Straßen fahren erstaunlich viele alte Autos aus Deutschland. Egal wie alt es schon ist, diese Autos stehen hier für Qualität und besonders Volkswagen ist sehr beliebt.

Verloren

  • Beinahe meine Fleeceweste
  • Eine Unterhose. Mittlerweile habe ich nur noch 3

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Besondere Tips
Die meisten Leute können kein Englisch, aber fast jeder kann Russisch. Ein Basisvokabular in Russisch wird euch also sehr weiterhelfen.

caravanistan.com ist eine Website, auf der Reisetips zu Zentralasien zusammengefasst sind.

Erkenntnisse
Es ist total erstaunlich, wie gut man sich trotz eher geringer Sprachkenntnisse verständigen kann! Mittlerweile bin ich so befreit von falscher Scheu, dass ich mich über eine Stunde lang mit einzelnen Wörtern und grammatikalisch meistens falschen Sätzen unterhalten kann. Mein Gesprächspartner sprach nur Russisch, war aber sehr interessiert, sich mit mir zu unterhalten. Also habe ich ihm Familienfotos gezeigt, ihn über seine Familie und seine Beziehung zu seiner Freundin ausgefragt, ihm von unseren Lebenshaltungskosten in Deutschland erzählt, wir haben uns über Filme und Schauspieler unterhalten, sogar über Fragen wie „Glaubst du an Leben nach dem Tod?“ oder „Wurden die Menschen von Gott erschaffen, glaubst du an die Evolution?“. Das Gespräch war etwa so: Ich: „4 Menschen! Freunde! Einer heiratet. Wodka, Wodka, Wodka. Nächster Tag…“ ratet mal, von welchem Film ich da sprach? Richtig… Hangover. Oder: „blabla Mensch blabla Erde blabla Kosmos??“ verstand ich richtig als „kamen das alles aus dem Nichts oder wurde es von Gott erschaffen?“. Nicht dass ihr jetzt denkt, ich kann fließend Russisch :)

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Kirgisistan im Schnelldurchlauf

Osh

Meine erste Station in Kirgisistan war, wie ihr euch vielleicht – oder wahrscheinlich auch nicht – erinnern könnt, die schöne Stadt Osh. Bröckelnde Sowjetwohnblocks, umgeben von trockenen wüstenartigen Hügeln, absolute Highlights: der Bazaar und der Sulaiman-Berg. Klingt nach einer langweiligen Stadt, aber ich fand sie total super. Die Bevölkerung besteht aus Kirgisen, Usbeken und Leuten mit offensichtlich russischer Abstammung (blaue Augen, blonde Haare) die steif und fest behaupten, nur Kirgisen in ihrem Stammbaum zu haben. Auf dem Markt bekam ich eine Handvoll Zwetschgen geschenkt, der Verkäufer weigerte sich, sie zu wiegen – kein Wunder, wenn das Kilo umgerechnet nur 50 Cent kostet. Auch Himbeeren für 2 Euro pro Kilo und sehr schmackhafte winzige Erdbeeren für 1,50 das Kilo ließen sich dort finden.

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Mein Lieblingsort war allerdings der Sulaiman-Berg, auf dem ich begeistert 3 Stunden lang kreuz und quer herumlief. Dort gibt es zahlreiche jahrhundertealte Kultstätten, von denen einige auch heute noch benutzt werden. Eine davon ist eine Rutsche, die den Kopf klarwerden lassen soll, wenn man sie 7 Mal hinunterrutscht. Mir und allen anderen Nutzern hat sie nur zu extrem guter Laune verholfen, aber das ist ja schon mal ein positiver Effekt. Die wohl berühmteste Kultstätte ist allerdings die Fruchtbarkeitshöhle, in die ich mich nur hineintraute, weil gleichzeitig ein kirgisisches Pärchen auch in ihr herumkroch. Ich bin so abergläubisch geworden und hoffe, dass eine etwaige Fruchtbarkeit dann auf die beiden übergehen wird statt auf mich. Die Höhle war sehr niedrig, der Boden glattgerieben von den vielen verzweifelten Frauen, die dort schon darinsaßen und der Rußschicht und den Holzresten nach zu schließen Feuer anzündeten.

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Arslanbob

Arslanbob ist bekannt für seine ausgedehnten Walnusswälder. Abgesehen davon gibt es nicht so viel zu sehen, es ist ein ziemlich langweiliger Ort, vor allem wenn die Sommersaison vorbei ist. Glücklicherweise traf ich auf dem Weg dorthin auf zwei schräge Israelis, die seit dem Militärdienst miteinander befreundet sind. Der eine ist Rechtsanwalt, der andere Arzt, das hätte ich von ihrem Verhalten her wirklich nicht erwartet, aber vielleicht sind sie im „normalen“ Leben ja ganz anders. In Arslanbob trafen wir  auf einen anderen Israeli und zwei junge Französinnen, mit denen wir die nächsten 3 Tage verbrachten.

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Zurück zu den ausgedehnten Walnusswäldern. Ich persönlich war enttäuscht von der Walnussausbeute, ich liebe frische bittere Walnüsse und die einzigen, die sich nach der Ernte noch finden ließen, hatten alle Würmer. Fallobst eben. Mein Lieblingsort war der kleine Berg, den ich bestieg, nachdem sich unsere Gruppe planlos herumdiskutierte und ich keine Lust mehr hatte, zu warten – definitiv eine Alleinreisende-Macke. Mit Gruppen tue ich mir wirklich schwer. Auf halbem Weg, gerade als ich überlegte, vor Höhenangst eine Pause einzulegen, traf ich auf zwei Neuseeländer, die mir den Weiterweg nach oben zeigten. Wir schlugen uns durch die Büsche und waren überrascht, auf dem Bergrücken Getreidefelder und andere Menschen vorzufinden. Der Ausblick über den Talkessel und die bis zu 4.500 Meter hohen Berge im Hintergrund, die mich ein bisschen an die Dolomiten erinnerten, war die leichte Anstrengung sehr wert.

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Später traf ich im Restaurant wieder auf „meine Reisegruppe“, die sich später auf die Suche nach Wodka, Bier und Gras machte. Ich unterhielt mich währenddessen mit einem alten irischen Ehepaar, das die Israelis kannte, Kirgisistan ist eben so klein, dass man immer wieder die gleichen Leute trifft. Die beiden Iren waren 1970 per Anhalter und mit einem winzigen Budget auf dem Hippietrail unterwegs. Sie waren damit unter den Pionieren dieser Reiseart und reisten zu einer Zeit, als alle Hippies in Istanbul in ein einziges Café passten. „A Little Madness“ heißt das Buch, das Ciarán später darüber geschrieben hat. Es steht jetzt ganz weit oben auf meiner Leseliste, was sie mir erzählten klang richtig krass. Ciáran sagte, es sei eine richtig harte Reise gewesen – er verließ Irland mit nur 200 €, aß immer das billigste Essen, schlief auf der Straße und bekam in Kabul Amöbenruhr. Halbtot schaffte er es irgendwie per Anhalter zurück nach Teheran. Dort wurde er im Krankenhaus eine Woche lang aufgepäppelt und schlug sich abgebrannt nach Irland durch. Ein Jahr später unternahm er die gleiche Reise zusammen mit seiner späteren Ehefrau und kam wohl tatsächlich in Indien an. Ich habe nur einen ganz kurzen Einblick in ihre Reise bekommen und gebannt zugehört („Pass bloß auf, wenn er einmal anfängt hört er nicht mehr auf zu erzählen“ – „Kein Problem, ich könnte ihm stundenlang zuhören“), aber es muss wild gewesen sein: „Wenn wir das Buch irgendwelchen Bekannten geben, sagen wir ihnen immer, dass das vor 40 Jahren war und wir heute ganz anders sind…“, sagte seine Frau.

Saray Celek

Am nächsten Tag machten die Israelis, die Französinnen und ich uns zu sechst mit zwei Taxifahrern auf den Weg zum Naturschutzgebiet Saray Celek. Der Name bot viel Anlass zu Wortspielen: „Königin Sarah Celek die erste kommt zu ihren Untertanen“ „Es wird ein Sarah-Celek-Festival geben“ „Nein, sie gewinnt dauernd beim Kartenspielen, das Festival wird ABGESAGT!“ und als Dauerschleife hörten Tal und Ortif, der Rechtsanwalt und der Arzt, „Sara“ von Bob Dylan. Anfangs fand ich das ganz lustig, aber irgendwann wurde es nervig.

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Ich hatte das Gefühl, dass sie mich total seltsam finden und so, als ob ich einen Stock im Arsch hätte. Irgendwie kamen wir uns einfach nicht richtig näher und ich war ganz froh, dass die beiden Französinnen mit dabei waren und ich mich stundenlang mit ihnen unterhalten konnte. Manchmal fragten die Israelis mich so was wie „Und in der Uni hattest du dann überall Einser?“ (na ja, ich war schon recht gut). Oder „Wie viele Sprachen sprichst du eigentlich?“ (4 fließend, 2 genug um zurechtzukommen, 3 bruchstückhaft). Addiert dazu so kleine Nebeninfos wie „Ich hatte nie ein Auto, nur ein Fahrrad“, „Ich schaue kein Fernsehen“, „Ich erkenne kein Lied von Bob Dylan“, „Ich spiele gerne Querflöte“, „Am liebsten lese oder wandere ich“ und ich wirke wie die nette Nonne von nebenan. Muss ja nicht jeder hinter die Fassade blicken, ich glaube, jeder langjährige Mitleser meines Blogs kennt mich besser. Ich hoffe, ihr habt einen anderen Eindruck von mir. Wenn nicht, mache ich wohl wirklich etwas falsch.

Wisst ihr, dieser Eintrag ist so lang, eigentlich hätte ich noch einen zweiten schreiben können, der voll und ganz von miesen abzockerischen Taxifahrern in Kirgisistan handeln würde. Aber dieses Thema stößt mir immer noch sauer auf und ich möchte das gar nicht vertiefen, beschränken wir es auf dies: In den meisten Ländern der Welt versuchen Taxifahrer, dich bescheißen – aber wenn du einmal einen Preis ausgemacht hast bleibt es dabei, und sie spielen dir außerdem nicht vor, dein bester Freund zu sein, wenn sie in Wirklichkeit nur an dein gut behütetes Geld wollen.

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Es stellte sich hinterher übrigens heraus, dass die Israelis mich zwar zurückhaltend aber sehr sympathisch und humorvoll fanden. Das hat mich dann wieder ein wenig mit ihnen versöhnt.

Unseren Trip nach Saray Celek fand ich trotz allem toll und besonders begeistert war ich von unserem Übernachtungsplatz, einem Guesthouse in dem kleinen Dörfchen Arkit. Wir schliefen im Nebengebäude bei der Englischlehrerin, spielten mit den Kindern, beobachteten die Hühner die hoch oben im Zwetschgenbaum schliefen, stiebitzten Zwetschgen direkt vom Baum und nutzten öfter mal das Plumpsklo. Zwischendurch tranken wir Wodka und schliefen dann wie Steine, bis wir vom Hahn um 7 Uhr morgens aufgeweckt wurden und als ersten Blick die Kühe hinter dem Haus sahen. Es war wunderbar idyllisch.

Ganz anders dann Bischkek, die seltsame Hauptstadt Kirgisistans, in der es keine Straßenlampen gibt und es nachts stockfinster ist. Die Gefahr, in einen offenen Gulli zu fallen ist auch gegeben. Nach 4 Tagen dort buchte ich mit der einzigen kirgisischen Fluggesellschaft Avia einen Flug nach Sankt Petersburg, und von hier aus schreibe ich euch diesen Blogeintrag. Morgen verlasse ich die russischen Gefilde allerdings und fahre nach Tallin – es war eine zwar nur kurze, aber schöne Stippvisite. Es ist wirklich seltsam, weniger Zeit als mindestens einen Monat in einem Land zu verbringen, aber so langsam gewöhne ich mich daran.

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Länderfazit Indien

***Mit „nur“ 9 Monaten Verspätung kommt eeeendlich wieder ein Länderfazit. Andere Leute hätten in der Zeit ja ein Kind gezeugt und geboren, aber was solls. Wie schon mal erwähnt, finde es sehr langweilig, sie zu schreiben, aber ich denke, für andere Reisende könnten sie vielleicht nützlich sein. Und hey, es kommen bald noch die zu Thailand, Westchina und Kirgisistan, bleibt dran!***

Ich werde denke ich nochmal nach Indien zurückkommen, leider hat es auf dieser Reise nicht wirklich hingehauen (danke Denguefieber). Ich fand meine Reise in Indien total super: schöne Orte, nette, stets gut gelaunte und fröhliche Menschen, sehr gutes Essen, im Winter sehr angenehme Temperaturen… Es scheint so, als ob man Indien entweder liebt oder hasst. Viele Reisende hatten es mir vorausgesagt und es stimmte: ich mochte Indien auf Anhieb und das änderte sich nicht.

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Natur:
Richtig schöne Natur findet man dort wo ich war eher selten, denn Indien ist ein sehr dicht besiedelts Land. Fündig wird man wohl im Norden in Kashmir/Ladakh, und auch in Rajasthan am Rande der Wüste kann man ein bisschen unberührte Natur finden. Allerdings hat man dort oft Strommasten oder Windräder im Blickfeld.

Highlights

  • Das atemberaubend schöne Taj Mahal zu sehen (trotz der Menschenmassen und den aufdringlichen Verkäufern vor dem Eingang)
  • Die krasseste Stadt der Welt Varanasi und die genialen Lassis bei Baba Lassi
  • Die schönste religiöse Stätte, in der ich bisher war: der goldene Tempel der Sikh in Amritsar
  • Der Blick über die blaue Stadt Jodhpur
  • Die Zugfahrten waren ziemlich cool, sofern man sein eigenes Bett hat und der Zug nicht mit 12 Stunden Verspätung am Zielort eintrifft

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Lowlights

  • Krank zu sein
  • Das Bedrängtwerden durch Touristenfänger in Agra und ganz schlimm in Jaisalmer

Kosten
So billig wie ich dachte war Indien nicht! Ich hätte für weniger Geld reisen können, war aber eher auf der Suche nach Komfort und Ruhe als nach billigen Unterkünften. Außerdem aß ich beinahe kein Straßenessen. All die leckeren Samosas, die ich nicht essen konnte… pro Tag lag mein Budget daher bei 12 bis 15 Euro. Ich hatte einen Lonely-Planet-Reiseführer als PDF dabei und weiß jetzt wieder, wieso ich meistens ohne Reiseführer unterwegs bin: er richtet sich eigentlich an „Backpacker“, wieso sind dann Hotels mit Kosten von über 50 Euro pro Nacht drin? Meistens waren zwei billige Absteigen vorgestellt und 10, die außerhalb meines Budgets von maximal 8 Euro lagen. Und 8 Euro ist schon sehr fürstlich.

DSCN5666Unterwegs als Vegetarier
Das kulinarische Paradies! Aber: „not spicy at all please, really not spicy“, „not so much oil please“ und „without sugar please“ sind deine besten Freunde.

Unterwegs alleine als Frau
Abgesehen von ein paar harmlosen „looking gorgeous“ und ein paar Anstarrern ist mir überhaupt nichts passiert – was vielleicht auch daran liegt, dass ich weder in der General Class im Zug unterwegs war (da wird man mit Pech im Gedränge beim Einsteigen von oben bis unten vom Hintermann „abgecheckt“), nicht mit innerörtlichen vollen Bussen unterwegs war und in sehr touristischen Orten unterwegs war.

Sicherheit
Nachts gehe ich nicht alleine auf die Straße, ich habe ein gutes Gespür für seltsame „Vibes“ und in Menschenmengen passe ich gut auf meine Sachen auf. Damit fuhr ich gut und hatte keinerlei Probleme.

Bemerkenswert
Das Verhandeln mit Rikschahfahrern ist ganz einfach. Sie nennen den Preis, du reagierst schockiert, sagst einen neuen Preis der mindestens die Hälfte niedriger ist, er macht ein Gegenangebot, du machst ein neues Angebot, er schüttelt den Kopf, du zuckst mit den Schultern und gehst weg. Dann ruft er dich zurück und akzeptiert dein neues Angebot. Wirklich, es ist ganz einfach und sehr spaßig.

Verloren
Der Beutel mit meiner Zahnbürste, der Sensodyne-Zahnpasta, Augencreme und Ohrringen. Im Zug auf ein Ablagefach gestellt und 10 Stunden später, als es mir wieder einfiel, war der Beutel verschwunden. Glücklicherweise war meine heilige Zahnschiene in einer anderen Tasche.

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Besondere Tips
Du selbst suchst alles aus. Du wählst dein Guesthouse, das Geschäft in dem du etwas einkaufen möchtest und den Tuk-Tuk-Fahrer.
Nicht jeder versucht, dich abzuzocken, „in India we have 70 % good people and 30 % bad people“ meinte ein Inder, aber ich finde, er war ein bisschen pessimistisch.
Nicht schlecht gelaunt werden.
Keine Eile haben.
Man gibt bettelnden Kindern nie etwas, auch keine Süßigkeiten.

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